Aufschwung Fiskus treibt Pensionäre nach Mallorca

Mallorca boomt. Die als 17. Bundesland bekannte spanische Ferieninsel hat gemessen an ihrer Wirtschaftskraft bereits fünf Bundesländer überholt und kann es bald mit den wirtschaftsstärksten Bundesländern aufnehmen: Das liegt auch am deutschen Steuerrecht.

Von Kai Lange


Hamburg - Mit deutschen Besuchern kennen sich die Mallorquiner aus. Knapp 10 Millionen Touristen besuchten im vergangenen Jahr die Insel, davon kam etwa jeder Dritte aus Deutschland. Zu den rund 800.000 dauerhaften Einwohnern Mallorcas kommen im Tagesdurchschnitt etwa 600.000 Touristen und Zweitwohnsitz-Bewohner hinzu: Allein in der Gemeinde Calvia sind neben 45.000 Einwohnern rund 20.000 Zweitwohnsitze gemeldet. Der Immobilienhandel auf der Insel boomt. Und immer mehr Besucher kommen, um zu bleiben.

Mallorquinischer Landsitz: Schubfaktor EU-Förderung
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Mallorquinischer Landsitz: Schubfaktor EU-Förderung

Ende März gingen rund 50.000 Einheimische auf die Straße, um gegen Umweltzerstörungen und den "Ausverkauf" der Balearen-Insel zu demonstrieren. Der Energiebedarf sowie das Müllaufkommen sind seit 2002 jeweils um 40 Prozent gestiegen, in manchen Jahren muss Wasser per Schiff auf die Insel geschafft werden.

Die Mallorquiner protestieren gegen die Kehrseite eines fulminanten wirtschaftlichen Aufschwungs: Mit einer Wirtschaftsleistung von rund 23.000 Euro pro Einwohner hat Mallorca bereits im Jahr 2005 die ostdeutschen Bundesländer Sachsen (20.000 Euro pro Kopf), Sachsen-Anhalt (19.376) sowie Thüringen (19.047) überholt. Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat sind Brandenburg (18.264 Euro) sowie Mecklenburg-Vorpommern (18.264) noch weiter abgeschlagen. Schon bald könnte Mallorca gemessen an seiner Wirtschaftskraft auch an Berlin (23.400 Euro BIP je Einwohner), Niedersachsen (23.500) oder Rheinland-Pfalz (24.000) vorbeiziehen.

Hatte Spaniens Ministerpräsident José Luis Zapatero kürzlich gegenüber "El País" noch die Devise ausgegeben, in punkto Wirtschaftsentwicklung die Deutschen abzuhängen,setzt Mallorca dieses Motto bereits in die Tat um.

Residenz von wohlhabenden Pensionären

Die Ferieninsel profitiert in besonderem Maße vom spanischen Wirtschaftsaufschwung, der vor allem von Dienstleistungen und der Bauwirtschaft getragen ist. Das Hotel- und Gastgewerbe (22 Prozent) sowie die Immobilienwirtschaft (15 Prozent) sind die wichtigsten Konjunkturstützen. Mit rund 22 Millionen Reisenden wurde der Flughafen der Hauptstadt Palma nur von den spanischen Metropolen Madrid und Barcelona übertroffen. Zudem erhält Mallorca noch kräftige Zuschüsse der Europäischen Union, von denen "Regionen in Randlage" profitieren sollen.

Ein dritter Schubfaktor für Mallorca, neben Tourismus und EU-Förderung, kommt direkt aus dem deutschen Finanzministerium. Zwar dürfte wegen der deutlich gestiegenen Preise auf der Insel die Zahl der deutschen Besucher in diesem Jahr zurückgehen, schätzt der Reisekonzern Tui. Doch langfristig wird Mallorca besonders für wohlhabende deutsche Pensionäre attraktiv, die ihren Lebensabend an der Sonne verbringen wollen. Grund ist die sogenannte "nachgelagerte Besteuerung", die der Gesetzgeber mit dem Alterseinkünftegesetz im Jahr 2005 beschlossen hat.

Wer zum Beispiel 2006 in den Ruhestand eingetreten ist, muss auf 52 Prozent seiner Rentenerträge Steuern zahlen. Dieser Prozentsatz steigt stufenweise an, bis ab dem Jahr 2040 die gesamte Rente versteuert werden muss. Im Gegenzug müssen die von Arbeitnehmern gezahlten Beiträge in die Rentenversicherung stufenweise immer weniger versteuert werden.

Für Rentner, deren Einkommen deutlich über dem jährlichen Freibetrag von 15.328 Euro (bei Verheirateten) liegt, lohnt es sich also, über einen Umzug ins Ausland nachzudenken.

Wohnsitzprinzip hilft Steuern sparen

Zwischen Deutschland und Spanien besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen. Damit gilt auch das so genannte Wohnsitzprinzip: Eine Person wird dort steuerpflichtig, wo sie ihren Wohnsitz hat. Ein Pensionär, der mehr als die Hälfte des Jahres in seiner Mallorca-Residenz verbringt, kann unter Umständen der steigenden Steuerlast auf Renten in Deutschland entkommen und sie gegen günstigere Steuersätze in Spanien tauschen.

Verabschieden sich immer mehr Rentner, wird eine steigende Summe von Altersbezügen künftig im Ausland ausgegeben. Experten in Berlin rechnen bis zum Jahr 2030 mit Einbußen in den Verbrauchssteuern von vier bis sieben Milliarden Euro, wenn sich die Wegzugstendenz nur fortsetzt. Geld, das auch Mallorca dabei helfen dürfte, im wirtschaftlichen Vergleich noch weitere deutsche Bundesländer hinter sich zu lassen.

Die Bundesregierung versucht zwar, die Abwanderung in Grenzen zu halten. So sollen diejenigen, die eine staatlich geförderte Riester-Rente beziehen, die komplette Förderung zurückzahlen, wenn sie zum Zeitpunkt der Rentenzahlung ins Ausland ziehen. Doch hier erweist sich die EU als Schutzpatron der Spanier: Die EU-Kommission hat mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gedroht, sollte Deutschland diese Pläne umsetzen.

Derweil setzt Mallorca weiter auf Wachstum. Nicht nur die Kapazität des Flughafens soll ausgebaut werden, auf der Insel werden auch weitere Ferienwohnungen und Zweitwohn-Residenzen gebaut. "Die Politiker haben entschieden, Mallorca zum Zweitwohnsitz Europas zu machen", lästert Miquel March, Sprecher der Umweltorganisation GOB nicht ohne Bitterkeit.



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