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Betriebsräte Aufstand am Band

Drei Arbeitern der Daimler-Benz AG droht der Ausschluß aus der IG Metall. Sie hatten bei der Betriebsratswahl über 3000 Stimmen für ihre eigene Liste mobilisiert.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Der Hochdruck-Elektroschweißer Willi Hoss, 43, seit kurzem Betriebsrat der Daimler-Benz AG, Werk Untertürkheim, sah sich in einer Zwangslage: »Wir mußten hinstehen und zeigen, daß die Basis anders denkt als die.«

Wir -- das sind neben Hoss die neugewählten Betriebsräte Hermann Mühleisen, 42, tätig bei der Montage von Ausgleichsgetrieben für die Mercedes-Typen 200 bis 250, und Mario D'Andrea, 29. der Hinterachsen montiert.

Die -- das sind Etablierte der Stuttgarter IG Metall, an der Spitze Karl Hauff. 64, SPD-MdL und seit 24 Jahren Betriebsrat in Untertürkheim.

Hoss, Mühleisen und D'Andrea sind seit langem Mitglieder ihrer Gewerkschaft und überdies gewählte Vertrauensleute ihrer Kollegen im Betrieb -- Mühleisen seit 15, Hoss seit zehn, D'Andrea seit fünf Jahren. Sie hatten sich darum bemüht, auf der Einheitsliste der IG Metall für den Betriebsrat zu kandidieren, wurden aber wegen ihrer Kritik am Gewerkschaftsapparat von der Liste ferngehalten: Die Vertrauensleute entschieden unter sich mit Mehrheit über die Kandidatenaufstellung, die Masse der Arbeiter hatte keinen Einfluß darauf.

So rangen sich die drei zu einem riskanten Test durch. Sie sammelten Unterschriften für ihre eigene Kandidatur und bekamen auch genug, »fast aus schließlich von Mitgliedern der IG Metall« (Muhleisen). Als die Stimmen gezählt wurden, hatte die »Spalterliste« -- so das Wahlkampf-Etikett der Gewerkschaft für die Hoss-Troika -- 27 Prozent errungen -- 3040 von 11 273 Stimmen. Das hätte acht Betriebsratssitze (von insgesamt 29 Arbeiter-Betriebsräten) eingebracht, wenn sich mehr Kollegen zu kandidieren getraut hätten.

Die IG Metall hatte schon vor der Wahl das Ausschlußverfahren gegen die Rebellen wegen gewerkschaftsschädigenden Verhaltens eingeleitet und so auf die Stimmabgabe Einfluß genommen. Es war der Endpunkt eines langen Konflikts, der exemplarisch die schwelende Krise zwischen Basis und Spitze der westdeutschen Gewerkschaften deutlich macht.

Die spontanen Massenstreiks im Kerbst 1969 hatten erstmals gezeigt, daß viele Arbeiter mit dem sozialfriedlichen Taktieren der Gewerkschaftsoberen nicht mehr einverstanden waren. Bei Streik und Aussperrung in der Metallindustrie Ende letzten Jahres ließen die Mitglieder erneut mehr Kampfbereitschaft und Durchhaltewillen erkennen als das Establishment.

Aktive Gewerkschaftler wie die drei von Daimler-Benz wollen nichts weniger. als ihre Organisation spalten. Sie verlangen aber, daß die Spitze sich mit der Basis solidarisch erkläre, nicht umgekehrt. Keiner von ihnen ist privilegierter Funktionär, zwei von ihnen stehen am Montageband.

Der Italiener D'Andrea schließlich, seit neun Jahren bei Daimler und immer noch in einer Unterkunft für 180 Mark pro Zimmer logierend, vertritt die Gastarbeiter: Sie machen ein Drittel der Untertürkheimer Belegschaft aus, am Band stellen sie nahezu 95 Prozent.

Die drei versuchen, tarifwidrige Zwänge im Betrieb zu verhindern -- etwa, wenn ein Meister das Band zu schnell laufen läßt oder wenn die Leistungszulagen nicht stimmen. Mühl -- eisen eignete sich deshalb nach Feierabend unter anderem die Kenntnis der analytischen Arbeitsplatzbewertung an. damit er den Kollegen bei Auseinandersetzungen fachkundigen Rat geben kann.

Das Daimler-Trio hat überdies Verbindung zu den Verfassern des Flugblatts »plakat«, einer der wirksamsten unter ähnlichen Druckschriften im Konzernbereich, die Mißstände publik machen.

Ihre Aktivität hat den aktiven Kollegen massiven Druck eingetragen. Mühleisen wurde vor fünf Jahren nach einem Streit mit dem Meister ans Band strafversetzt und verlor dadurch zunächst seinen Posten als Vertrauensmann. Aber die neuen Kollegen wählten ihn nach kurzer Zeit wieder. Ihre Mandate als Delegierte der IG-Metall-Ortsversammlung wurden Hoss und Mühleisen bei einer Neuwahl Anfang dieses Jahres abgetrickst, indem der Betriebsrat dasselbe Aufstellungsverfahren einführte wie später bei der Betriebsratswahl.

Hoss wie Mühleisen waren Mitglieder der DKP. Hoss hatte bereits der KPD angehört und eine Strafe wegen illegaler Betätigung erhalten (neun Monate mit Bewährung, weil er eine parteieigene Schreibmaschine der Beschlagnahme entzogen hatte). Aber auch die Genossen wollen von den beiden Arbeitern nichts mehr wissen, weil diese an der Behandlung der Werktätigen im sozialistischen Lager einiges auszusetzen finden. Hoss wurde Ende letzten Jahres ausgeschlossen, Mühleisen wartet täglich auf die schriftliche Bestätigung für seinen Rausschmiß.

Ob auch die mächtige IG Metall den Wortführern von über 3000 Daimler-Arbeitern das Gewerkschaftsbuch entzieht, darüber wird der Vorstand in Frankfurt binnen kurzem entscheiden. Kommissionen der Ortsverwaltung Stuttgart haben den Ausschluß befürwortet. obwohl bereits mehr als 50 Gewerkschaftler, Lehrer. Journalisten und andere -- auch Peter Palitzsch. Schauspieldirektor des Württembergischen Staatstheaters, ist dabei -- einen Protest gegen den geplanten Hinauswurf unterzeichnet haben.

In der IG-Metall-Spitze selbst gibt es Sympathie für die drei. Willi Bleicher. Bezirksleiter in Stuttgart und klassenbewußter Kämpe aus zahlreichen Tarifkonflikten mit Daimler-Benz. macht kein Hehl daraus, daß er die Abwehrhaltung des Daimler-Betriebsrats gegen die aufrührerischen Kollegen für falsch hält. Bleicher über Hoss: »Ein mutiger Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hat.«

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