Auftragsschlappe Russland kürzt Auftrag für Siemens

Im April hatten Siemens und die russische Eisenbahn RZD die Entwicklung eines Schnellzuges vereinbart. Die Lieferung von 60 Zügen sei danach so gut wie sicher, frohlockten die Deutschen damals. Doch einem Zeitungsbericht zufolge hat RZD es sich doch noch anders überlegt.


Moskau - Statt wie erwartet 60 Züge, soll Siemens nun nur noch 6 ICEs für das staatliche Eisenbahnunternehmen bauen, berichtet die russische Zeitung "Kommersant". Die Züge sollen auf der Strecke Moskau-St. Petersburg-Helsinki zum Einsatz kommen. Ein Sprecher der Siemens AG wies den Bericht gegenüber SPIEGEL ONLINE zurück. Die Verhandlungen über das tatsächliche Liefervolumen seien noch nicht abgeschlossen. Erst heute sei die Frist für die Fertigstellung der Planung abgelaufen, die Pläne seien bereits auf dem Weg nach Russland.

Präsident Putin, Bundeskanzler Schröder und Siemens-Chef Kleinfeld in Hannover: "Was das bedeutet, verstehen hoffentlich alle"
AP

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Den Vertrag zur Entwicklung eines Hochgeschwindigkeitszuges hatten RZD und Siemens auf der Hannover Messe im April abgeschlossen. Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin hatten dem Termin das entsprechende Gewicht verliehen.

Ein speziell auf die russischen Verhältnisse angepasstes Modell sollte bis heute nach dem Vorbild des ICEs ausgearbeitet werden. Im Anschluss sei vorgesehen, einen Liefervertrag für 60 Züge abzuschließen, hieß es damals in Hannover. "Die russische Seite ist bestrebt, 1,5 Milliarden Euro zu investieren. Was das bedeutet, verstehen hoffentlich alle", feierte Präsident Putin den Vertragsabschluss.

Durch den geplanten Auftrag würden "die deutschen Betriebe bis zum Jahr 2015 ausgelastet und damit Arbeitsplätze gesichert." Russland erhalte neue Technologien für die Entwicklung seiner Infrastruktur. Einen entsprechenden Vorvertrag, der sogar die Option zum Kauf 90 weiterer Schnellzüge enthielt, hatten Siemens und RZD bereits im Dezember 2004 abgeschlossen.

Zwei Monate später entließ der Kremlchef jedoch den damaligen RZD-Präsidenten Gennadi Fadejew, der die Vereinbarung ausgehandelt hatte und ernannte seinen Vertrauten Wladimir Jakunin zum neuen Chef des staatlichen Eisenbahnunternehmens. Der hatte bereits vor einigen Wochen angekündigt, alle von seinem Vorgänger bewilligten Investitionsvorhaben zu stoppen.

Selbst nach einer Modernisierung der veralteten Bahninfrastruktur könnten Schnellzüge nur mit gedrosseltem Tempo auf der Strecke fahren, begründete Jakunin seine Entscheidung. "Für eine Geschwindigkeit von über 250 Kilometern pro Stunde müssen komplett neue Schienen gelegt werden." Den Bau könne sich die Bahn nur mit finanzieller Unterstützung des Staates leisten.



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