Auftragsstopp Norwegen will von Siemens nichts mehr wissen

Die norwegischen Streitkräfte haben den deutschen Siemens-Konzern von sämtlichen Aufträgen ausgeschlossen. Grund ist der Korruptionsskandal um zu hohe Rechnungen. Auch eine offizielle Entschuldigung konnte Oslo nicht umstimmen.


Oslo - Der Entschluss der norwegischen Regierung steht fest: Da Siemens Chart zeigen dem Verteidigungsministerium zu hohe Rechnungen gestellt habe, sei es offensichtlich, dass auf eine Zusammenarbeit kein Wert mehr gelegt werde, sagte ein Sprecher von Verteidigungsministerin Anne-Grete Ström-Erichsen.

Siemens-Chef Peter Löscher: Norwegisches Management komplett ausgetauscht
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Siemens-Chef Peter Löscher: Norwegisches Management komplett ausgetauscht

Siemens hatte dem Ministerium in der Vergangenheit zu hohe Rechnungen ausgestellt. Dabei ging es um Millionensummen. Der Skandal steht in Zusammenhang mit den weltweiten Korruptionsvorwürfen gegen den Konzern. Siemens Norwegen entschuldigte sich später für die Rechnungen und tauschte das komplette Management aus - doch das reichte offenbar nicht aus, um die Regierung gnädig zu stimmen.

Die Behörden verhängten gegen Siemens eine Geldstrafe von neun Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) wegen Rechnungsbetrugs. Der Konzern kann die Strafe akzeptieren oder vor Gericht anfechten. Außerdem untersuchen die Ermittler, ob das Unternehmen Mitarbeiter der norwegischen Streitkräfte und des Verteidigungsministeriums zu Reisen eingeladen hat. Zuvor hatte bereits Nigeria beschlossen, mit Siemens keine Geschäfte mehr machen zu wollen.

Weiterer Ärger steht Siemens in der Schweiz bevor. Dort flossen nach SPIEGEL-Informationen über eine Tochter des Konzerns zwischen 2002 und Anfang 2006 fragwürdige Zahlungen von 43,5 Millionen Schweizer Franken (rund 26 Millionen Euro). Betroffen ist vor allem die ehemalige Mobilfunksparte (ICM). Dies geht aus einem bisher unveröffentlichten Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hervor, die Anfang 2006 die Intercom Telecommunications Systems durchleuchten sollte.

Der SPIEGEL hatte bereits im Januar unter Berufung auf einen KPMG-Bericht über die Rolle dieser Firma in der Affäre berichtet, die im Verdacht steht, als "Waschmaschine" für Schmiergeldzahlungen fungiert zu haben. Damals war von 1,7 Millionen Euro zwischen Oktober 2005 und Februar 2006 die Rede. Ein Siemens-Sprecher wollte sich heute nicht zu dem aktuellen Bericht äußern und verwies auf die laufenden Ermittlungen und die bereits veröffentlichten Untersuchungsergebnisse.

Nach Erkenntnissen der KPMG hat Intercom hauptsächlich die Aufgabe gehabt, Beraterverträge mit dubiosen Geschäftspartnern zu verwalten. Mutmaßliche Siemens-Schmiergelder sind laut dem 119-seitigen Bericht über die Intercom mit Hilfe von Briefkastenfirmen in Liechtenstein, Panama und den British Virgin Islands an Empfänger in aller Welt geschleust worden.

KPMG hatte jahrelang für Siemens gearbeitet. Inzwischen sieht sich der krisengeschüttelte Elektrokonzern nach einem neuen Wirtschaftsprüfer um. Für das laufende Geschäftsjahr soll zwar noch einmal KPMG das Testat ausstellen, für das Geschäftsjahr 2008/2009 wird der Auftrag aber neu ausgeschrieben. Eine Schuld an der Misere gibt Siemens KPMG aber ausdrücklich nicht.

wal/AP/dpa



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