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ARBEITGEBER Aus dem Ruder gelaufen

Der Tarifabschluß in der Metallindustrie schuf Ärger im Arbeitgeberlager: Nordrhein-Westfalens Verbandschef trat zurück.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Hans Janßen, Vorstandsmitglied der IG Metall, mag sich derzeit selbst ganz gut leiden: »Ich bin rundum zufrieden mit dieser Lohnrunde.«

Wie gut der Lohnstreit des Frühjahrs 1981 für die Gewerkschaften abgelaufen ist, kann der Tarifexperte der IG Metall auch dem Wehklagen im gegnerischen Lager entnehmen: Aus Ärger über den Tarifabschluß legte der Chef der Metall-Industrie Nordrhein-Westfalens, Paul Pleiger, »mit sofortiger Wirkung« seine Ämter im Spitzenverband Gesamtmetall nieder.

Voller Zorn koppelte Pleiger überdies seinen Regionalverband von der Dachorganisation ab. Zumindest vorläufig entzog der erboste Arbeitgeber-Vertreter dem Spitzenverband die Vollmacht, im Namen der Nordrhein-Westfalen mit der IG Metall Verträge auszuhandeln.

Pleigers spektakuläre Aktion richtet sich allerdings weniger gegen den in Köln ansässigen Dachverband, sondern gegen seine Arbeitgeber-Kollegen in Baden-Württemberg. Die nämlich seien »Gesamtmetall aus dem Ruder gelaufen« und hätten den Gewerkschaften nachgegeben.

Die gescholtenen schwäbischen Arbeitgeber hatten sich Ende letzten Monats mit dem IG-Metall-Bezirksleiter Franz Steinkühler auf einen Lohnzuschlag von 4,9 Prozent plus Pauschalzahlungen geeinigt (SPIEGEL 19/ 1981). Und »damit«, beklagt sich Pleiger, »war praktisch die gesamte Lohnrunde 1981 gelaufen«.

Zwar weigerten sich die Arbeitgeber zunächst, den Stuttgarter Kompromiß auf die übrigen Tarif-Regionen der Republik zu übertragen. Aber nach gut einer Woche hatte die IG Metall ihr Ziel erreicht. Um in der Öffentlichkeit nicht als Störenfriede zu erscheinen oder sich gar der Gefahr eines regionalen Metaller-Streiks auszusetzen, akzeptierten auch die Arbeitgeber außerhalb des Schwabenlandes die Stuttgarter Formel.

Das aber paßte Paul Pleiger und einigen anderen Gesamtmetall-Mitgliedern überhaupt nicht. Der harte Kern der Arbeitgeber nämlich hatte für dieses Jahr etwas Besonderes vor: 1981 sollte den »Kurswechsel in der Lohnpolitik« bringen. Den westdeutschen Werktätigen war eigentlich nur ein Lohnzuschlag von etwa drei Prozent zugedacht -- weniger als die Teuerungsrate also.

Doch aus dem Wechsel wurde nichts. Durch wochenlange Warnstreiks zwang die IG Metall die Arbeitgeber, das ursprüngliche Lohnangebot immer weiter aufzustocken. Schließlich bauten die Unternehmer eine allerletzte Rückzugslinie auf. Im sogenannten Verhandlungskreis, dem zentralen Gremium von Gesamtmetall für die Tarifverhandlungen, beschlossen sie, keinesfalls mehr als 4,8 Prozent herauszurücken.

Aber Hans Peter Stihl, der Chef der schwäbischen Metall-Arbeitgeber setzte sich über das Votum hinweg. Weil »ein Streik sonst kaum noch zu vermeiden« gewesen wäre, erhöhte Stihl in der letzten, heißen Phase der Stuttgarter Verhandlungen noch einmal um 0,1 Prozent.

So viel Großzügigkeit will Pleiger, der in Witten eine Maschinenfabrik betreibt, in Zukunft verhindern. Er hält es für »eine Existenzfrage«, daß künftig kein regionaler Verband mehr aus der zentral festgelegten Verhandlungsposition ausscheren darf.

Der Stuttgarter Alleingang ist nämlich kein Einzelfall. So mußte 1971 der damalige Chef der schwäbischen Arbeitgeber, Hanns Martin Schleyer, herbe Kritik einstecken, als er sich nach drei Wochen Streik mit der IG Metall einigte, um den Arbeitskampf zu beenden.

Auch Schleyer-Nachfolger Heinz Dürr, heute Chef des Frankfurter AEG-Konzerns, wurde arg gescholten, als er 1976 mit Kontrahent Steinkühler 5,4 Prozent mehr Lohn aushandelte.

Grund für den ständigen Streit unter den Metall-Arbeitgebern ist das Nord-Süd-Gefälle in der Branche. Während im Südwesten gut florierende Großbetriebe wie Daimler-Benz oder Bosch nicht so aufs Lohn-Zehntel schauen, kann ein Siegerländer Schraubenfabrikant schon durch geringste Lohnzuschläge in Bedrängnis geraten. Bei den Tarifverhandlungen vertritt Gesamtmetall S.50 Boom-Branchen wie die Computer-Industrie genauso wie die darbenden Werften an der Küste.

Ungeachtet aller Unterschiede, will Pleiger die Reihen der Arbeitgeber durch ein paar organisatorische Änderungen fester zusammenschließen. So soll bei Gesamtmetall in Zukunft ein sogenannter Tarifrat, in dem sämtliche Branchen und Regionen der Metall-Industrie vertreten sind, vor jeder Lohnrunde ein Konzept entwerfen, das für alle Mitglieder verbindlich ist.

Der Rat soll dafür sorgen, daß ein einmal gebilligtes Konzept auch »in kritischen Phasen« in allen Tarifgebieten durchgehalten wird.

Doch selbst in den eigenen Reihen ist sehr umstritten, ob sich durch den Pleiger-Plan alle Metall-Betriebe unter einen Hut bringen lassen. Zu unterschiedlich, so ein Funktionär von Gesamtmetall, seien die Interessen, »als daß sie sich durch organisatorische Tricks aus der Welt schaffen« ließen.

Die Unternehmer, so scheint es, können machen, was sie wollen, so richtig glücklich werden sie nicht. Aus einem simplen Grund: »Solange es die IG Metall gibt«, weiß der Gesamtmetall-Funktionär, »gibt es unzufriedene Arbeitgeber.«

S.48Mit dem nordrhein-westfälischen IG-Metall-Bezirksleiter Karl-HeinzBreuer.*

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