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07. September 2007, 05:42 Uhr

Ausbildungsfrachter "Powership"

Ablegen in die Arbeitswelt

Von Jochen Schönmann

Drei Jahre lernen und leben auf einem Schiff, weil es an Land irgendwie nicht geklappt hat: Eine Stuttgarterin hat einen Frachter gekauft, auf dem 16 Jugendliche die Chance haben, einen Beruf zu erlernen. Doch noch fehlt ihr das Geld, um das Projekt zu vollenden.

Stuttgart - Sie nennt sich "eine völlig durchgeknallte Rock'n-Roll-Business-Frau". Die Stuttgarter Künstlerin Andrea Ströbel arbeitet an einem Motivationsprojekt für sich und andere: Im kommenden Februar soll das "Powership" vom Stapel laufen. Mit 16 Auszubildenden - ein Azubi pro Bundesland - an Bord, soll es ab 2008 drei Jahre lang durch die Wasserstraßen Europas gehen. "Mit dem 'Powership' entsteht eine autarke binnenschifffahrts-taugliche Ausbildungsstätte für Lehrberufe wie Maler, Koch, Elektriker, Schreiner oder Binnenschiffer", sagt Ströbel. Komplett mit Lehrwerkstätten, Küche, Unterkünften und Gemeinschaftsräumen.

Es soll ein Hoffnungsträger werden. Und die Medien sollen das Projekt mit einer neuen Form von Reality-Formaten begleiten: Menschen dabei zu beobachten, wie sie eine Chance ergreifen, die vielleicht ihre letzte ist. Doch im Moment läuft es nicht so, wie es soll.

Ströbel sitzt in einem etwas ungewöhnlichen Büro: ein alter Metzgerladen in Stuttgart, verkachelt, mit Fleischerhaken an der Decke, die Wände mit Projekt-Skizzen und Bildern beklebt, dazwischen ein Konferenztisch, eine Couch, Schreibtische, Computer. Hier residiert die Powership GmbH, die irgendwann auch Gewinne machen soll. Die Chefin ist eine Musikerin, die schon mit so ziemlich allen auf der Bühne stand, die Rang und Namen haben: Eric Clapton, Buddy Miles, Udo Lindenberg und so weiter.

Jetzt hat sie einen neuen Traum, für den sie bereit ist, anzupacken. Die Idee kam ihr backstage bei einem Konzert. "Die Politiker erreichen die Jugendlichen nicht mehr, fragen Sie mal einen 16- bis 18-Jährigen, wer Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist." Ihr wurde klar, dass es auch Musiker sind, zu denen die Kids aufschauen. "Und damit haben sie eine verdammte Verantwortung", sagt Ströbel.

"Meiner ist länger und hat mehr PS"

Dieser Verantwortung will sie mit dem Großprojekt "Powership" nachkommen. Und es kostet sehr viel Geld, laut Kalkulation zwischen 15 und 20 Millionen Euro. "Und damit sind wir in der Realität angekommen", sagt Ströbel.

Seit etwa einem Jahr sucht sie nach Partnern, die mit ins Boot wollen. Dafür turnt sie durch die Chefetagen der Republik - bisher mit mäßigem Erfolg. Sie schläft wenig. Sie kämpft wie eine Löwin. "Man müsste meinen, dass für eine Ausbildungsoffensive dieser Art eigentlich Geld da ist, wo doch alle immer darüber reden, endlich ein Zeichen zu setzen, dass Jugendliche eben doch eine Chance haben in diesem Land." Aber wenn es konkret werde, sagt sie, dann sei es so wie immer: "Erst sollen mal die anderen einsteigen, dann tun wir es auch." Auf Denglisch heißt das "First-Mover-Problematik".

An mangelnder Information kann es kaum liegen. "Powership" ist geradezu minutiös durchgeplant. Das Schiff besitzt Ströbel bereits: einen 85,90 Meter langen Frachter, der den Anforderungen entsprechend umgebaut werden soll. Im Moment heißt er noch "Vivarium".

Einmal saß sie auf dem Rückweg von einem Termin im Zug. Mit im Abteil waren drei Manager, die sich über Autos unterhielten. Sie konnte einfach nicht an sich halten: "Meiner ist länger und hat mehr PS", platzte sie heraus. Immerhin, sagt sie: "Die waren sofort ganz Ohr."

Künstler wie Xavier Naidoo stehen als Paten zur Verfügung

So ist es eigentlich immer. Namhafte Künstler wie die Popgruppe Pur oder die Soul-Band Söhne Mannheims mit Frontmann Xavier Naidoo unterstützen das Projekt als Paten, aber auch die Politik zeigt sich interessiert. So stehen zum Beispiel der EU-Kommissar für Transport und Verkehr, Jacques Barrot, oder deutsche EU-Politiker wie Cem Özdemir (Grüne) und Doris Pack (CDU) oder die Bundestagsabgeordnete Annette Faße (SPD) hinter "Powership".

Ein Psychologe soll zur Crew gehören. Außerdem Kamerateams und TV-Redakteure, die das Leben an Bord porträtieren, einfangen, moderieren. Homestorys, Features, Hintergründe, Gewinnspiele – alles sei denkbar. Bei Anlande-Events in den Häfen sind Konzerte und Partys geplant. Viele Künstler haben laut Ströbel schon zugesagt. "Wenn wir durch unseren Beitrag helfen können, tun wir das natürlich gerne", heißt es etwa seitens der Popgruppe Pur. Auch der Schweizer Choreograf Pierre Wyss, der unter anderem die Abschlussveranstaltung des Fußball-Champions-League-Finales 2006 in Paris inszenierte, oder der Tonmann der Söhne Mannheims, Heights Gittens, gehören zum Team.

Fördertöpfe gibt es ja eigentlich genug, sollte man meinen. Sogar die Bundesmarine ist mit an Bord. Was fehlt, sind Sponsoren.

"Powership" hat die Planungsphase hinter sich. Sogar einige Auszubildende sind schon ausgewählt. Die Stuttgarterin Ströbel legt Wert darauf, dass die 16 Azubis einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Jugendlichen bilden. Es sollen durchaus einige ziemlich gegensätzliche Charaktere drei Jahre lang miteinander auskommen, auf engstem Raum. Konfliktbewältigung ist Teil des Konzepts.

"Mein Sohn muss weg von zu Hause"

Was alle Lehrlinge gemeinsam haben werden: Sie sind bisher nicht im Berufsleben angekommen. Teils aus Schicksal, aber auch aus Faulheit, Naivität oder wegen mangelnder Bildung. Da ist zum Beispiel Daniele, 16, der sich bei Powership beworben hat. Ein etwas verzogenes Muttersöhnchen, einer, der zu Hause einfach nicht auf die Beine kommt. Sein Vater hat persönlich bei Ströbel vorgesprochen und gesagt: "Mein Sohn muss weg von zu Hause. Ich könnte heulen, aber es ist so." Daniele legt wert auf Hairstyling und Klamotten, sonst auf wenig. Er möchte eine Ausbildung zum Maler machen. Sein Deutsch in der Bewerbung ist verbesserungswürdig.

Moritz, 19, kämpft gegen Rechts und ist bei jeder Demo dabei. Er macht den Eindruck eines cleveren Kerlchens. Aber vor ein paar Jahren bekam er eine Schreiblegasthenie und Prüfungsangst. Der Traum vom Abitur ist seither passé.

Ein anderer hat mit 14 Jahren auf einem Containerschiff in Iran angeheuert, weil er es zu Hause nicht mehr aushielt.

So geht es weiter: Models, die etwas Neues machen wollen, Studenten, die sich für nichts entscheiden können, Jugendliche aus gutem Hause, denen irgendwie komplett die Orientierung abhanden gekommen ist.

Theoretische Ausbildung in Oberhausen

"Damit kein falscher Eindruck entsteht – das hier wird keine Randgruppen-Arche", schiebt Ströbel hinterher. "Die Jugendlichen von heute kämpfen mit Problemen, die wir gar nicht auf dem Schirm haben." Einen Ausbildungsträger, und damit jemanden, der mit den Problematiken vertraut ist, hat sie bereits gefunden: das Zentrum für Ausbildung und berufliche Qualifikation im nordrhein-westfälischen Oberhausen (ZAQ).

Von hier aus würde der theoretische Teil der Ausbildung koordiniert. Der Träger würde auch die Bezahlung der Azubis übernehmen. "Wenn wir die schulische Ausbildung mit dem Konzept in Einklang bringen können, ist das eine klasse Sache", sagt ZAQ-Geschäftsführer Jochen Kamps.

Im Prinzip ist also alles getan. Eigentlich müssten die TV-Sender nur noch zugreifen. Woran hängt es also noch? Die gute Konjunktur macht Ströbel einen Strich durch die Rechnung. Denn seit die Wirtschaft brummt, scheint es, als habe sich die angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt ein bisschen gelöst. Dennoch: Der Monatsbericht der Agentur für Arbeit vom August weist eine rechnerische Differenz von 252.700 zwischen gemeldeten Ausbildungsstellen und gemeldeten Bewerbern aus - das entspricht einer Stadt mit der Einwohnerzahl von Magdeburg.

Es mangelt also weder an Kandidaten noch an Gründen. Vermutlich ist es also doch nur das ewige Problem: Einer muss den Anfang machen.

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