Ausbildungsfrachter "Powership" Ablegen in die Arbeitswelt

Drei Jahre lernen und leben auf einem Schiff, weil es an Land irgendwie nicht geklappt hat: Eine Stuttgarterin hat einen Frachter gekauft, auf dem 16 Jugendliche die Chance haben, einen Beruf zu erlernen. Doch noch fehlt ihr das Geld, um das Projekt zu vollenden.

Von Jochen Schönmann


Stuttgart - Sie nennt sich "eine völlig durchgeknallte Rock'n-Roll-Business-Frau". Die Stuttgarter Künstlerin Andrea Ströbel arbeitet an einem Motivationsprojekt für sich und andere: Im kommenden Februar soll das "Powership" vom Stapel laufen. Mit 16 Auszubildenden - ein Azubi pro Bundesland - an Bord, soll es ab 2008 drei Jahre lang durch die Wasserstraßen Europas gehen. "Mit dem 'Powership' entsteht eine autarke binnenschifffahrts-taugliche Ausbildungsstätte für Lehrberufe wie Maler, Koch, Elektriker, Schreiner oder Binnenschiffer", sagt Ströbel. Komplett mit Lehrwerkstätten, Küche, Unterkünften und Gemeinschaftsräumen.

Es soll ein Hoffnungsträger werden. Und die Medien sollen das Projekt mit einer neuen Form von Reality-Formaten begleiten: Menschen dabei zu beobachten, wie sie eine Chance ergreifen, die vielleicht ihre letzte ist. Doch im Moment läuft es nicht so, wie es soll.

Ströbel sitzt in einem etwas ungewöhnlichen Büro: ein alter Metzgerladen in Stuttgart, verkachelt, mit Fleischerhaken an der Decke, die Wände mit Projekt-Skizzen und Bildern beklebt, dazwischen ein Konferenztisch, eine Couch, Schreibtische, Computer. Hier residiert die Powership GmbH, die irgendwann auch Gewinne machen soll. Die Chefin ist eine Musikerin, die schon mit so ziemlich allen auf der Bühne stand, die Rang und Namen haben: Eric Clapton, Buddy Miles, Udo Lindenberg und so weiter.

Jetzt hat sie einen neuen Traum, für den sie bereit ist, anzupacken. Die Idee kam ihr backstage bei einem Konzert. "Die Politiker erreichen die Jugendlichen nicht mehr, fragen Sie mal einen 16- bis 18-Jährigen, wer Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist." Ihr wurde klar, dass es auch Musiker sind, zu denen die Kids aufschauen. "Und damit haben sie eine verdammte Verantwortung", sagt Ströbel.

"Meiner ist länger und hat mehr PS"

Dieser Verantwortung will sie mit dem Großprojekt "Powership" nachkommen. Und es kostet sehr viel Geld, laut Kalkulation zwischen 15 und 20 Millionen Euro. "Und damit sind wir in der Realität angekommen", sagt Ströbel.

Seit etwa einem Jahr sucht sie nach Partnern, die mit ins Boot wollen. Dafür turnt sie durch die Chefetagen der Republik - bisher mit mäßigem Erfolg. Sie schläft wenig. Sie kämpft wie eine Löwin. "Man müsste meinen, dass für eine Ausbildungsoffensive dieser Art eigentlich Geld da ist, wo doch alle immer darüber reden, endlich ein Zeichen zu setzen, dass Jugendliche eben doch eine Chance haben in diesem Land." Aber wenn es konkret werde, sagt sie, dann sei es so wie immer: "Erst sollen mal die anderen einsteigen, dann tun wir es auch." Auf Denglisch heißt das "First-Mover-Problematik".

An mangelnder Information kann es kaum liegen. "Powership" ist geradezu minutiös durchgeplant. Das Schiff besitzt Ströbel bereits: einen 85,90 Meter langen Frachter, der den Anforderungen entsprechend umgebaut werden soll. Im Moment heißt er noch "Vivarium".

Einmal saß sie auf dem Rückweg von einem Termin im Zug. Mit im Abteil waren drei Manager, die sich über Autos unterhielten. Sie konnte einfach nicht an sich halten: "Meiner ist länger und hat mehr PS", platzte sie heraus. Immerhin, sagt sie: "Die waren sofort ganz Ohr."



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