S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Wir werden uns mit Sehnsucht an 2012 erinnern

Ein weiteres Jahr in der Euro-Krise geht so zu Ende, wie es anfing: mit einer Stimmung, die besser ist als die tatsächliche Lage. Was können wir für 2013 erwarten? Die Lebenslügen der Politiker werden in den kommenden Monaten auffliegen.

Der Grund für die herbstliche Ruhe an den Märkten ist ohne Zweifel Mario Draghis Ankündigung im Sommer, dass die Europäische Zentralbank (EZB) in unbegrenztem Umfang Anleihen aufkaufen wird. Viele Menschen sahen allein darin schon das Ende der Krise. Aber ist es nicht doch ein Phantomprogramm?

Die EZB hat bislang nur "Buh" gesagt und keine einzige Anleihe gekauft. Aber für die Märkte reichte die Ankündigung. Mir sagte im Sommer ein Investor, er wisse nicht mehr so richtig, wie man jetzt noch gegen den Euro wetten könne. Draghi hat ihm das Leben schwerer gemacht. Herzlichen Glückwunsch! Es war der Schachzug eines geldpolitischen Großmeisters.

Wenn man sich aber einmal kurz die Augen reibt und fragt, was sich denn jetzt objektiv in diesem Jahr geändert hat, dann kommt man zu dem genau entgegengesetzten Schluss. Die Nachhaltigkeit öffentlicher und privater Schulden hat sich durch die anhaltende Wirtschaftsflaute in vielen Teilen des Euro-Raums verschlechtert. Die Euro-Krise ist ja schließlich kein Hirngespinst von Spekulanten. Wir wissen aus der Wirtschaftsgeschichte und durch die Anwendung elementarer Logik, dass eine Währungsunion eben dann nicht funktioniert, wenn die Länder sich in ihrer Realwirtschaft stark unterscheiden, und wenn es keine Transferleistungen und keine Vergemeinschaftung der Schulden gibt. Irgendetwas in diesem Gebälk wird zusammenbrechen.

Auch die Bankenaufsicht, auf die man sich in den vergangenen Wochen einigen konnte, ändert daran nichts. Jedes Land haftet weiter für seinen eigenen Bankensektor. Für Spanien heißt das: die Anpassung wird sehr, sehr lange dauern, länger noch als in Japan - und dort kriselt es schon seit über zwanzig Jahren.

Neben den strukturellen Problem, die weiter bestehen, sehe ich für 2013 zwei grundlegende Mechanismen, die uns im Euro-Raum die Hölle heiß machen werden. Der erste und wichtigste ist die Auswirkung der Sparpolitik auf die Konjunktur und indirekt auf den Schuldenstand. Die gängigen Prognosemodelle haben den Effekt einer radikalen Sparpolitik in Krisenzeiten deutlich unterschätzt. Schon seit fünf Jahren prognostizieren diese Modelle eine Trendwende für Griechenland im jeweils folgenden Jahr. Sie tun es jetzt schon wieder.

Diese Modelle versagen, weil eine ganze Reihe von Stabilisatoren ausgefallen ist: Alle Staaten sparen gleichzeitig; der Finanzsektor ist kaputt; und die Geldpolitik hat ihre Spielräume ausgeschöpft.

Die Krise wird im nächsten Jahr zurückkommen

Die zweite Gefahr lauert in einer globalen Abwertungsspirale. Das wird den konjunkturellen Schock der Sparprogramme noch verstärken. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hatte jüngst angekündigt, die Zinsen so lange bei null zu belassen, bis die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gefallen ist. Es ist das erste Mal, dass eine moderne Notenbank ihr Ziel anhand der Arbeitslosigkeit definiert. Eine derart klare Vorfestlegung wäre hier in Europa völlig undenkbar.

Aber die Fed liegt hier voll im Trend. Mark Carney, der jüngst ernannte nächste Gouverneur der Bank of England, denkt gar über ein nominales Ziel für das Bruttoinlandsprodukt nach. Das würde die Notenbank regelrecht zwingen, Inflation zu erzeugen, wenn das Realwachstum gering ist - so wie jetzt. Und der frisch gewählte japanische Regierungschef Shinzo Abe will ebenfalls, dass seine Notenbank Staatsanleihen kauft, um die Inflation anzukurbeln. Überall um uns herum wird die Geldpolitik in dramatisch aufgelockert, nur in der Euro-Zone nicht.

Die EZB hingegen muss auch weiter dem alleinigen Ziel der Preisstabilität huldigen. So steht es in den europäischen Verträgen. Zu deren strikter Einhaltung mahnen fast jeden Tag die Bundesbank und die meisten deutschen Leitartikler. Die Folgen dieser Diskrepanz in der Geldpolitik zwischen EZB und fast allen anderen großen Notenbanken sind in den Märkten überhaupt noch nicht durchgesickert. Ich erwarte eine kräftige spekulative Aufwertung des Euro, die die Krise im Euro-Raum noch verschärfen wird.

Spanien muss sich also nicht nur entschulden und gleichzeitig anpassen, sondern muss all dies auch noch unter der Last eines steigenden Wechselkurses tun. Um der Schuldenfalle zu entkommen, braucht Spanien einen Schuldenschnitt, Transferzahlungen oder eine Euro-Abwertung. Da Deutschland die ersten beiden Varianten ablehnt und die EZB die letztere, gibt es für Spanien kein wirkliches Anpassungsszenario.

Nach meiner Prognose wird die Krise im nächsten Jahr zurückkommen - möglicherweise noch vor der Bundestagswahl. Ich bin mir nicht sicher, ob Griechenland seine Reformen politisch und rechtlich umsetzen kann. Spanien und Portugal sind ebenfalls gefährdet. Und in Italien wird 2013 ein absolut kritisches Jahr.

Man wird sich mit Sehnsucht an 2012 erinnern.