Ausfallrate 2007 So viel wurde seit 14 Jahren nicht mehr gestreikt

So kämpferisch wie 2007 zeigten sich die deutschen Arbeitnehmer schon lange nicht mehr: Rund 580.000 Arbeitstage fielen im vergangenen Jahr wegen Arbeitskämpfen aus. Das ist die höchste Streikrate seit 14 Jahren.


Frankfurt am Main – Beim Thema Streik fallen den Deutschen derzeit als erstes die kämpferischen Lokführer ein, die seit Monaten mit der Bahn um höhere Löhne Tarifvertrag ringen – doch insgesamt sorgten sie mit ihren Streiks nur für acht Prozent der Ausfalltage in Deutschland. Das sagte der Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hagen Lesch, der "Frankfurter Rundschau". Am stärksten habe der Ausstand bei der Telekom mit rund 70 Prozent zu Buche geschlagen. So wurde das vergangene Jahr mit 580.000 Ausfalltagen das am heftigsten bestreikte seit 14 Jahren.

Telekom-Mitarbeiter beim Streik im Juni: Immer öfter wollen Arbeitnehmer mit Ausständen Einschnitte vermeiden
DPA

Telekom-Mitarbeiter beim Streik im Juni: Immer öfter wollen Arbeitnehmer mit Ausständen Einschnitte vermeiden

Der fünfwöchige Arbeitskampf der Telekom im Sommer richtete sich gegen die Auslagerung von 50.000 Beschäftigten und die Kürzung ihrer Gehälter. Die Streiks konnten zwar Einschnitte nicht verhindern, doch sie bewirkten, dass das Telekom-Management seine Sparpläne abschwächte.

"Solche Abwehrstreiks sind ein neues Phänomen", sagt Lesch. Demnach kämpften die Beschäftigten früher meist für Verbesserungen wie mehr Geld oder kürzere Arbeitszeiten. In den Abwehrstreiks wehren sie sich hingegen gegen tarifliche Einschnitte wie Gehaltskürzungen oder längere Arbeitszeiten. Lesch sagte der Nachrichtenagentur AP, eine Rolle spiele dabei auch die Tatsache, dass frühere Monopol-Unternehmen wie die Telekom in den Wettbewerb einträten und darauf mit Einschnitten reagierten.

"Notfalls setzt sich der Filialleiter an die Kasse"

Ein weiteres neues Phänomen ist dem Experten zufolge auch die wachsende Zahl von Streiks, zu denen die Berufsverbände aufrufen - wie im Jahr 2007 beispielsweise die Lokführergewerkschaft GDL. Im Vorjahr hatte die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund den ersten großen Ärztestreik organisiert.

Dass sich manche Streiks deutlich länger hinziehen als andere liege auch an ihrer unterschiedlichen Wirksamkeit. So seien beispielsweise im Einzelhandel relativ wenige Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert, sagt Lesch. Zudem könnten notfalls andere Arbeitskräfte für streikende Verkäufer einspringen. "Notfalls setzt sich der Filialleiter eben selbst an die Kasse."

Anders lägen die Dinge in der Industrie, wo Streiks schnell zu Produktionsausfällen führten. Das sei an den Abschlüssen in der Chemie- sowie der Metall- und Elektroindustrie deutlich geworden.

Für dieses Jahr rechnet Lesch mit relativ kurzen Arbeitskämpfen. "Lohnkonflikte sind nicht so zäh wie Abwehrstreiks", sagt er. Dank der besseren Konjunktur sei diesmal auch eine spürbare Gehaltserhöhung möglich, etwa im öffentlichen Dienst. Auch bei der Bahn sei allenfalls damit zu rechnen, dass die Lokführer noch mal drei oder vier Tage streikten. Denn die Lokführergewerkschaft GDL müsse die Verhältnismäßigkeit wahren, andernfalls könnten Gerichte erneut Streikverbote aussprechen.

ase/AP



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