Ausgefallene Reisen Gutschein statt Rückzahlung für Touristen

Unzählige Urlauber wollen ihre Anzahlungen für Reisen zurückhaben. Es geht um Milliarden und könnte viele Anbieter in den Ruin treiben. Sind Gutscheine die Lösung, die beiden Seiten hilft?
Leere Terminals: Die Coronakrise gefährdet viele Tourismusanbieter

Leere Terminals: Die Coronakrise gefährdet viele Tourismusanbieter

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Tao Debin/ dpa

Bislang galt der deutsche Tourist als extrem widerstandsfähig gegenüber Krisen jeder Art: Ob Terroranschläge, Naturkatastrophen oder sogar ansteckende Krankheiten – auf ihn war Verlass. Nach kurzen Rückgängen bei den Buchungen erholte sich die Branche stets recht schnell, denn die Deutschen wollten baldmöglichst wieder in den Urlaub.

In der Coronakrise ist alles anders. Selbst wer will, kann nicht verreisen wie bisher: Fluglinien haben ihre Flotten eingemottet, Länder verbieten Einreisen, das Auswärtige Amt hat eine weltweite Reisewarnung ausgegeben – sogar manche deutsche Bundesländer sind für Touristen tabu.  

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Weite Teile der Tourismuswirtschaft müssen ernsthaft um ihren Fortbestand in der heutigen Form bangen. Branchenexperten reden von massenhaften Insolvenzen bei Reiseveranstaltern oder Reisebüros. Vor allem fürchten sie, dass Rückzahlungen von Kundengeldern die Zukunft fast aller Unternehmen drastisch gefährden.

Wenn die Veranstalter und Reisebüros die gesamten Anzahlungen jetzt zurückerstatten müssten, "dann wird das fast unsere komplette Branche vernichten", sagt Rainer Hageloch dem SPIEGEL. "Die Branche steht vor dem Kollaps." Hageloch ist Vorstand der Kooperation AER, in der mehr als 400 Reiseveranstalter und über 700 Reisebüros organisiert sind. Er schätzt, dass die Kundschaft mindestens acht Milliarden Euro Anzahlungen für Reisen bis zum Jahresende geleistet hat.

Üblich ist in der Branche, dass Kunden eine Anzahlung bezahlen, wenn sie eine Pauschalreise verbindlich buchen wollen. Und nach Paragraf 651h im Bürgerlichen Gesetzbuch  haben sie einen Anspruch auf die Rückzahlung dieser bereits geleisteten Beträge bei Pauschalreisen, wenn die Reise nicht wie geplant stattfinden kann.

Doch nicht alle Veranstalter sind in der Lage, diese Gelder auch für sämtliche Buchungen zurückzuzahlen. Denn im Reisebereich werden Teile der Anzahlung oft an Dienstleister wie Fluglinien oder Hotels weitergegeben. So bleibt die Zahlungsfähigkeit der Veranstalter nur über neue Buchungen erhalten. Genau die bleiben nun nahezu komplett aus – das Geld fließt also ab, ohne dass neue Zahlungen nachkommen.  

"Wenn wir das Problem jetzt nicht in den Griff bekommen, werden Milliardenschäden entstehen. Das werden selbst große Reiseveranstalter nicht überleben", glaubt Hageloch. Die Veranstalter und Reisebüros seien in der Zwickmühle. Einerseits müssten sie den Endkunden die Anzahlungen zurückzahlen. Andererseits bekommen die Veranstalter selbst zurzeit nur einen Bruchteil ihrer geleisteten Vorauszahlungen zurück.

Gutscheine wären ein Darlehen der Kunden

"Viele Fluggesellschaften zahlen gar nichts aus. Bei Easyjet etwa erreicht man gerade gar niemanden", erzählt der Verbandsvertreter. Auch bei den Hotels sei es schwierig. Jeder in der Branche kämpfe derzeit darum, selbst liquide zu bleiben und das Geld beisammenzuhalten.

Deshalb wirbt mancher in der Touristik dafür, statt den Kunden das ihnen zustehende Geld auszuzahlen, die Forderungen lieber in Form von Gutscheinen zu kompensieren. "Anders geht es gar nicht, wenn wir verhindern wollen, dass große Teile der Veranstalter umkippen", sagt Michael Frenzel, bis 2013 Chef der TUI. Er sieht die Gutscheine als eine Art Aufschubdarlehen der Kunden. "Wenn die Krise in Teilen überwunden ist, können die Kunden entscheiden, ob sie lieber ihr Geld wiederhaben wollen oder eine Reise mit dem Gutschein antreten möchten." Der Staat müsse diese Gutscheine besichern. 

Auch der Reisekonzern DER Touristik sieht in der Gutscheinlösung "aktuell die einzig praktikable Lösung, bei den überwiegend inhabergeführten Reisebüros und mittelständischen Reiseveranstaltern einen großen Liquiditätsabfluss zu verhindern", wie eine Sprecherin erklärt. Der Liquiditätsabfluss werde ansonsten unweigerlich Tausende Insolvenzen der mittelständischen Reiseunternehmen zur Folge haben.

Ganz anders sieht das hingegen Marija Linnhoff, die Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbstständiger Reisebüros. "Gutscheine anstelle von Bargeld sind keine Lösung, sondern großer Quark. Kunden wollen keine Gutscheine. In einer Zeit, in der die Kunden selbst nicht wissen, wie es weitergeht, kann man nicht erwarten, dass Urlauber und Reisebüros zu Banken der Veranstalter gemacht werden", sagt Linnhoff. 

Sie verweist auf ein großes Problem. Zwar gibt es Insolvenzversicherungen für Stornierungen von Pauschalreisen. Die einzelnen Versicherer müssen den Reisekonzernen aber nur Schäden bis maximal 110 Millionen Euro erstatten – und das nicht pro Reiseveranstalter, sondern für alle Veranstalter, die Kunden eines Versicherers sind. Und weil nur vier Versicherungen derartige Risiken zeichnen würden, liege die Gesamtversicherungssumme in der Branche bei gerade mal rund 440 Millionen Euro.

"Dafür ist die Bundesregierung verantwortlich. Man wusste, dass im Krisenfall Kundengelder in Gefahr sind und die 110 Millionen Euro pro Versicherung nicht ausreichen", sagt Linnhoff. Sie plädiert dafür, dass der Bund als Bürge für die Veranstalter eintreten müsse: im Hinblick auf die zu erstattenden Kundengelder sowie auch für die Provisionen der Reisebüros. "Jeder muss sein Geld direkt zurückbekommen", fordert Linnhoff. 

Schafft man so eine Zweitwährung?

Auch der Geschäftsführer eines renommierten deutschen Reiseveranstalters, der hier ungenannt bleiben möchte, ist gegen die Gutscheinlösung. Sein Unternehmen stand vor der Coronakrise gut da. "Die Rechtslage ist glasklar: Es steht den Kunden einfach zu, ihr Geld zurückzubekommen. Unternehmen wie wir haben die Liquidität dafür."

Zudem befürchtet der Manager, dass Gutscheine zu einer Art Zweitwährung werden könnten. Reiseveranstalter könnten damit nichts anfangen, wenn Fluglinien Gutscheine statt Rückerstattungen für bereits bezahlte Flüge hergeben würden. Viele Airlines liebäugeln damit, Gutscheine statt Geld zu erstatten, damit sie selbst bei Kasse bleiben. 

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Derzeit gibt es eine Konsolidierungsstelle, die sich um Flüge kümmert, die von Veranstaltern gebucht wurden. Das komplexe System heißt Billing and Settlement Plan (BSP). Bucht ein Veranstalter einen Flug für einen seiner Kunden, werden die fälligen Beträge an den BSP überwiesen, und der verteilt es dann weiter an die Fluglinien. Bezahlt werden muss dafür binnen einer Woche ab Ausstellung der Tickets. "Das ist ein gutes System und es würde kaputt gemacht werden, wenn Airlines uns nun mit Gutscheinen entschädigen wollen", sagt der Veranstalter.

Es braucht eine verbindliche Regel - und die muss Justiz- und Verbraucherschutzministerin Christine Lambrecht (SPD) entwickeln. Sie ist in einer verzwickten Lage. Einerseits sind ihr Verbraucherrechte wichtig. Besonders wenn es um Menschen geht, die auf das Geld angewiesen sind, weil sie zum Beispiel ihren Job verloren haben und die Rückerstattung der Urlaubsreise dringend brauchen, um die Miete zahlen zu können. Andererseits müssten auch die Interessen der Pauschalreiseanbieter berücksichtigt werden. Wenn die Unternehmen reihenweise insolvent gehen, dann ist bei ihnen nichts mehr zu holen und ihre Gutscheine wären wertlos.

Die Gutscheinlösung wurde auch in der Bundesregierung diskutiert. Um diese attraktiver zu machen, könnten die Coupons einer ähnlichen Insolvenzabsicherung unterliegen wie Pauschalreisen. So soll sich der Kunde dank der Staatsgarantie darauf verlassen können, dass er seinen Gutschein später auch tatsächlich einlösen kann.

Dem Justizministerium geht es vor allem darum, die Rechte der Verbraucher mit denen der Unternehmen in Einklang zu bringen. Die Verhandlungen laufen noch. Über die Frage, ob die Gutscheine verpflichtend oder freiwillig sein sollen, wird im Kabinett noch gerungen. 

Sollte es auf eine Mischlösung hinauslaufen, dass also der Kunde frei wählen kann, ob er eine Rückerstattung wünscht oder einen Gutschein akzeptiert, stehen für Gutschein-Befürworter Rainer Hageloch die Folgen fest: Es werde düster werden. Er  prognostiziert, dass in diesem Szenario höchstens zehn Prozent der Kunden den Gutschein nehmen und zahllose Unternehmen pleitegehen würden.

Hageloch fordert, dieses Wahlrecht zu streichen. "Die Justizministerin muss den Passus der Rückerstattung aussetzen und die Gutscheinlösung vorschreiben", sagt der Verbandsvertreter. Dies sei "die  einzige Möglichkeit, unsere Branche zu retten". Und außerdem ein Zeichen der Solidarität: "Alle müssen jetzt da durch: die Endkunden, Reisebüros, Veranstalter, Hotels - und die vielen Menschen im Ausland, die für uns arbeiten."

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