Zur Ausgabe
Artikel 28 / 81

AFFÄREN Ausgezeichnete Qualität

Wertpapier-Diebstähle und -Fitschungen sind in Mode gekommen. Nach Kripo-Erkenntnissen sollen gefälschte Daimler-Aktien im Nennwert von rund 200 Millionen Mark im Umlauf sein.
aus DER SPIEGEL 35/1979

Oben, im Empfangsraum der Kölner Privatbank Delbrück & Co., bedachte Bankdirektor Jürgen Frese die versammelte Belegschaft gerade mit »dem besonderen Dank des Hauses« für gute Arbeit im abgelaufenen Jahr. Unten im Keller der Bank wurde gleichzeitig einer der Belobigten in eigener Sache tätig: Wertpapier-Verwalter Rudolf Melcher bediente sich mit 4000 Stück Daimler-Benz-Aktien aus dem Depot des Milliardärs Friedrich Karl Flick.

Der Aktien-Diebstahl bei der angesehenen Kölner Privatbank, am Vorabend des Weihnachtsfestes 1977 inszeniert, ist kein Einzelfall.

Seit Monaten fahndet die Kripo im Rhein-Main-Gebiet ebenso wie das Bundeskriminalamt (BKA) nach einem offensichtlich hervorragend organisierten Ganoven-Ring, der sich auf Aktien und Anleihen, auf Schecks und Schatzbriefe, auf Kontenmanipulationen und Wertpapierfälschungen spezialisiert hat.

Herbeigeschafft wird die heiße Ware häufig durch schlichten Diebstahl, und zwar nicht nur, wie in Köln, aus Banktresoren. So holten sich die Ganoven ganze Pakete von Wertpapieren aus Postautos. In Frankfurt blieb der Verlust etlicher inhaltsreicher Postsendungen bis heute unaufgeklärt.

Als erwiesen gilt, daß die Diebe, die stets gezielt zuschlagen, über Informationen aus erster Hand verfügen. Die Tips, so wollen es die Kriminalisten wissen, können nur von Helfern aus den Banken selbst kommen.

Die geklauten Wertpapiere werden von einem weitverzweigten Hehlerring verschoben. Die beliebtesten Absatzmärkte sind die Schweiz und Italien.

Auch jene von Melcher am Vorweihnachtstag gegriffenen Daimler-Papiere im Kurswert von 1,3 Millionen Mark tauchten in der Schweiz wieder auf. Sie brachten die Polizei erstmals auf eine aussichtsreiche Spur.

Beim Zürcher Bankhaus Leu bot der westdeutsche Handelsvertreter Horst Ferger wenige Tage nach dem Diebstahl in Köln die heiße Ware zum Verkauf an. Die Leu-Banker nahmen die Aktien an, vertrösteten Ferger aber mit der Auszahlung des Gegenwerts: Er möge doch in zwei Tagen wieder versprechen.

Als er wiederkam, wurde Ferger verhaftet, konnte sich aber damit herausreden, er habe lediglich im Auftrag westdeutscher Geschäftsleute gehandelt, die ihn über eine Anzeige im »Kölner Stadt-Anzeiger« als Kurier angeheuert hätten.

Mit Hilfe des Fernseh-Detektivs Eduard Zimmermann wurde aus der harmlosen Annonce ein heißes Indiz. Zimmermann zeigte Anfang des Jahres in seiner XY-Sendung das Inserat und den handschriftlich beim »Stadt-Anzeiger« eingegangenen Auftragstext. Wenig später war der Inserent enttarnt: der Kölner Gastwirt Hans-Günter Ludwig.

Der wiederum war den BKA-Fahndern kein Unbekannter. Ludwig war bereits beim Verkauf eines ansehnlichen Postens in Frankfurt gestohlener Pfandbriefe und Anleihen ins Netz gegangen. Auch verbindet das Frankfurter Polizeipräsidium den Namen Ludwig noch mit »mehreren Wertpapierdiebstählen aus Kraftfahrzeugen«.

Das BKA will überdies herausgefunden haben, daß Ludwigs Kölner Kneipe, das »Café Drugstore«, beliebter Kontaktort einer weitverzweigten Bande von Wertpapierspezialisten ist.

Als häufigen Drugstore-Gast orteten die BKA-Fahnder beispielsweise den Innenrevisor der »Kölner Bank von 1867«, Manfred Müller. Müllers Ruf war so unbeschadet nicht mehr. Einer der Posträuber, die Ende letztei Jahres nach dem Diebstahl von Geld und Wertpapieren auf dem Frankfurter Flughafen gefaßt worden waren, brachte den Revisor ins Gespräch: »Unser banktechnischer Berater, das war der Müller Manfred.«

Gemeinsam mit Rudolf Melcher vom Bankhaus Delbrück und Manfred Müller von der Kölner Bank verhaftete die Kripo auch noch Horst Reinartz, den ehemaligen Chefrevisor de Kölner »ABC-Bank«. Reinartz will an der Flick-Sache nicht beteiligt gewesen sein, darüber erzählen konnte er aber allerhand.

So erinnerte sich Reinartz, daß der Melcher seinerzeit bei ihm anrief und darum bat, ihn mit Manfred Müller zusammenzubringen. Er, Melcher, käme an Aktien ran, die man in der Schweiz verkaufen könne.

Inzwischen überprüfen Kripo und BKA mehr als ein Dutzend bisher unaufgeklärter Wertpapierdiebstähle sowie Wertpapierfälschungen und Kontenmanipulationen auf Querverbindungen zu der Kölner Gang. Danunter entdeckten die Kriminalisten auch einen besonders delikaten Fall.

Aus »vertraulichen Informationen« hat des BKA erfahren, daß gefälschte Daimler-Aktien im Nennwert von bis zu 200 Millionen Mark im Unlauf sein könnten. Die Falsifikate »sollen in Norditalien im Stahltiefdruckverfahren hergestellt und von ausgezeichneter Qualität sein«, so das BKA in einem Telex an Interpol.

Die Fahnder befürchten, daß zumindest Teile dieser Nachdrucke ihren Weg in die Tresore nichtsahnender Aktionäre gefunden haben.

Ein Handgriff genügt: Der betrügerische Bankangestellte tauscht die Fälschungen gegen die echten Papiere aus und ist im Besitz makelloser Handelsware. Bevor derlei Manipulationen auffallen, können Jahre vergehen. Denn mit Hilfe des Nummernverzeichnisses können nur Großaktionäre geortet werden.

Im Bankhaus Delbrück schließen die Manager solche Umtausch-Aktionen in ihrem Hause aus. Die Flick-Aktien, so die Banker, seien wieder komplett, und die Nummern stimmten auch.

Damit sich Coups á la Melcher so schnell nicht wiederholen, haben sich die Bankmanager von Delbrück derweil an ein bewährtes Sicherheitssystem erinnert. Die Tresor-Türen können jetzt nur noch von drei Schlüssel-Trägern gleichzeitig geöffnet werden.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 81
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.