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Ausländische Milliarden für das dreckige Dreieck

Im ostdeutschen Chemiedreieck zwischen Bitterfeld, Halle und Merseburg ist die Stimmung weit schlechter als die Lage. Internationale Konsortien wollen Milliarden in die verrotteten Anlagen von Leuna und Buna investieren, denen nach der Wiedervereinigung kaum jemand eine Chance gegeben hatte.
aus DER SPIEGEL 32/1992

Wenn Klaus Schucht in der ostdeutschen Chemieregion zwischen Bitterfeld, Schkopau und Leuna unterwegs ist, freut er sich schon darüber, »daß ich auf der Straße nicht erschlagen werde«.

Der für die Chemie zuständige Treuhand-Vorstand kennt die Stimmung der Bewohner. »Die Leute sind skeptisch, nervös, gereizt«, sagt Schucht. Immer mehr Arbeitsplätze in den alten Fabriken werden abgebaut, und die Werktätigen sehen noch immer kein Ende.

Der 62jährige Manager aus dem Westen, einst Chef der Ruhrkohle Westfalen AG, blickt dagegen voll Zuversicht in die Zukunft. »Das wird ein Industriezentrum von großer Bedeutung«, meint er.

Wer noch an Wunder glaubt, ist im Unternehmensbereich 6 der Berliner Treuhandanstalt wohl am richtigen Platz. Die schrottreifen Giftmischanlagen in Sachsen-Anhalt galten bei den Nachlaßverwaltern des sozialistischen Erbes lange als hoffnungsloser Fall. »Aus betriebswirtschaftlicher Sicht«, so hatten noch im vergangenen Jahr Unternehmensberater ermittelt, »sind die Standorte nicht haltbar.«

Doch nun ist alles ganz anders. Das dreckige Dreieck zwischen Bitterfeld, Halle und Merseburg zieht unverhofft internationale Interessenten an, als läge dort Gold und nicht Quecksilber begraben.

Ausgerechnet eine der verrottetsten Branchen Ostdeutschlands kann nun mit Milliardeninvestitionen rechnen. Ausgerechnet in der trostlosesten Ecke der Ost-Industrie gibt es nun ein wenig Hoffnung.

Innerhalb einer Woche präsentierte die Treuhand gleich zwei milliardenschwere Investoren. Ein Konsortium unter Führung des französischen Staatskonzerns Elf Aquitaine mit der deutschen Thyssen Handelsunion als Partner unterzeichnete den Vertrag zur Übernahme der Ölraffinerien in Leuna und Zeitz sowie des Minol-Tankstellennetzes.

Die Enichem, eine Tochtergesellschaft der italienischen Staatsholding Ente Nazionale Idrocarburi (Eni), will zusammen mit der Österreichischen Mineralöl-Versorgung (ÖMV) große Teile von Buna ("Plaste und Elaste aus Schkopau") sowie Produktionen in Leuna und Böhlen übernehmen. Die Franzosen werden bis 1996 rund 6 Milliarden Mark investieren. Die Italiener wollen 2,9 Milliarden Mark einsetzen.

»Nahezu unglaublich« fand Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann, wie die Anstalt ihrem Privatisierungsauftrag gerecht werde. Denn das »kleine Wunder« (Schucht) von Buna und Leuna ist für die Bonner Politiker ein Geschenk des Himmels. Bezahlt wird es freilich vom Steuerzahler.

Im Mai des vergangenen Jahres hatte Bundeskanzler Helmut Kohl die entmutigten Bunesen und ihre Kollegen in den benachbarten Betrieben mit einem schier unfaßbaren Versprechen überrascht. »Wir wollen«, sagte der Kanzler, »daß hier in diesem Chemiedreieck die Chemie weiterexistiert.« Nicht »duldend und zähneknirschend«, sondern »stolz« sollten die Ost-Arbeiter laut Kohl schon bald sagen dürfen: »Wir sind genausogut wie die in Leverkusen, in Ludwigshafen oder in Frankfurt.«

Das waren starke Worte. Denn die drei westdeutschen Chemiemultis BASF, Bayer und Hoechst hatten sich mit schlecht verborgenem Grausen von den Stätten der ostdeutschen Großchemie gewandt. Bis 1945 waren sie unter dem Dach der berüchtigten I.G. Farben mit den Ost-Fabriken verbunden.

Nach der Wende sahen sich die West-Konzerne bei ihren einstigen Schwesterbetrieben um, doch keiner der drei Großen wollte sich die Sanierung der maroden Anlagen aufhalsen.

Was Buna, Leuna oder Bitterfeld produzierten, konnten die Westdeutschen mühelos auch mit ihren eigenen Fabriken abdecken. Bei Kunststoff-Massenwaren wie PVC gibt es weltweite Überkapazitäten, die Preise sind ruinös.

Nur für Spezialprodukte wagten die Chemiemultis ein bescheidenes Engagement im Osten. So übernahm BASF in Schwarzheide die Polyurethanherstellung und investiert dort eine halbe Milliarde Mark. Bayer will in Bitterfeld für ebenfalls eine halbe Milliarde Mark eine Pharmafabrik hinstellen. Doch um die Großchemie der ehemaligen DDR zu erhalten, sind nach Berechnung der Treuhand 13 Milliarden Mark nötig.

Mit sicherem Gespür ("Ich habe den Duft der Chemie sozusagen in der Nase seit meiner Geburt") witterte der Kanzler aus Oggersheim politische Explosionsgefahr im östlichen Dreieck. Die Chemieindustrie ist der einzige nennenswerte Arbeitgeber in der Gegend. Die Kombinate der Region hatten zu sozialistischen Zeiten rund 80 000 Beschäftigte. Bricht die Produktion bei Buna und Leuna weg, wächst dort wohl auf Jahrzehnte kein neuer Industriezweig nach.

Das halbe Bundesland Sachsen-Anhalt wäre auf Dauer vom versprochenen Aufschwung Ost ausgeschlossen. Da halten selbst die eher bedächtigen Chemiearbeiter nicht mehr still. »Einst geteilt und oft belogen«, dichteten Demonstranten, »jetzt vereint und nur betrogen.«

Kohls kühne Bestandsgarantie für die »Kernregion« nahm die Treuhand in die Pflicht. Vorstand Schucht hat den Ehrgeiz, »einem deutschen Bundeskanzler zu helfen, den Wechsel einzulösen«. So versuchte er, aus den vielfach verflochtenen Kombinaten verkäufliche Pakete zu schnüren.

Die Franzosen konnte er mit dem Tankstellennetz des ehemaligen DDR-Monopols Minol locken. Die Elf verdoppelt mit den neuen Stationen ihren deutschen Marktanteil beim Kraftstoff auf rund 7,5 Prozent. Im Gegenzug mußte sie sich verpflichten, aus ihrer geplanten neuen Raffinerie in Leuna die nachgelagerte - bisher nicht privatisierte - Chemieproduktion mit den nötigen Grundstoffen zu versorgen.

Das Buna-Paket sieht schon weniger verheißungsvoll aus. Hier hat Schucht nur Marktanteile und Kapazitäten in der Olefinproduktion zu bieten, einem Zwischenstoff für die Kunststoffherstellung. Eni und der österreichische Öl- und Chemiekonzern ÖMV könnten mit Buna von den Plätzen 14 und 17 der Olefin-Rangliste etwas vorrücken.

Ein 15 Seiten langes Angebot der Gruppe, zu der wiederum auch Thyssen gestoßen ist, wird nun verhandelt. Die iranische National Petroleum Corp. ist an einer stillen Kapitalbeteiligung interessiert. Ein weiteres europäisches Konsortium bietet ebenfalls noch mit. Doch der Zuschlag scheint der Eni-Gruppe sicher. Schon in vier Wochen, hofft Schucht, könne er die Entscheidung der Treuhand bekanntgeben.

»Wir müssen schnell zu einem Ende kommen«, sagt der Manager. Nicht nur der Kanzler wartet, auch die Beschäftigten im Chemiedreieck verlieren die Geduld. Mit den Namen von ein paar Interessenten konnte Schucht die Betriebsräte auf einer Konferenz in Halle vor einer Woche nicht mehr beruhigen. Der Saal pfiff das Podium aus. Buna-Betriebsrätin Ingrid Häußler traf die Stimmung: »Jetzt ist auch die letzte Klarheit weg.«

Die Italiener haben es nämlich keineswegs so eilig wie der Treuhand-Vorstand. Der Staatskonzern macht monatlich 100 Milliarden Lire (130 Millionen Mark) Verlust. Woher das Kapital für die Investition in Ostdeutschland kommen soll, ist noch offen. »Mindestens ein Jahr«, rechnet ein Eni-Manager aus Mailand, werden die Verhandlungen brauchen, »wer weiß, was inzwischen noch passieren kann.«

Gewiß ist nur: Im Chemiedreieck werden zahllose Steuermilliarden versinken. Rund acht Milliarden Mark sind bisher an Altschulden und Liquiditätskrediten abzubuchen. »Die kommen nie wieder«, weiß Schucht. Nochmals über vier Milliarden Mark Betriebsverluste in den kommenden drei bis vier Jahren hält die Treuhand für unvermeidlich.

Das Minus bleibt bei der Anstalt hängen, weil die Investoren wie etwa das Elf-Konsortium nur zu einem sogenannten Asset-Deal bereit sind. Das bedeutet: Die Firmen kaufen Grundstücke und Anlagen, die verlustreichen Unternehmen selbst, zum Beispiel die Leuna AG, verbleiben der Treuhand. Und natürlich muß die deutsche Staatsholding auch die noch unbekannten Kosten einer Bodensanierung übernehmen, einschließlich »Bombenräumung«. Recht bescheiden sieht dagegen die Bilanz für die Arbeitsplätze aus. Der Vertrag mit den Franzosen sichert derzeit nur 1500 Arbeitsplätze in den alten Raffinerien Leuna und Zeitz. Erst mit der neuen Anlage läuft die Garantie für 6700 Arbeitsplätze an, die Elf und Thyssen bei einer Vertragsstrafe von 40 000 Mark pro Person zugesagt haben.

Am Standort Leuna werden jedoch höchstens 2500 Leute beim neuen Eigentümer Arbeit finden. Der Rest der garantierten Arbeitsplätze entfällt auf die in den neuen Ländern verstreuten Minol-Tankstellen. Und dort werden jetzt erst mal rund 3000 Beschäftigte entlassen. Die Sozialplankosten trägt die Treuhand.

Wie viele Arbeitsplätze bei Buna übrigbleiben, ist noch nicht ausgehandelt. Insgesamt, so hatte die Unternehmensberatung McKinsey errechnet, könnten in der ostdeutschen Großchemie noch 20 000 Arbeitsplätze gehalten werden. Doch von dieser Zahl ist die Treuhand noch weit entfernt, und für viele Betriebe gibt es noch gar keine Interessenten.

Selbst wenn die Privatisierung im Osten planmäßig gelingt, sind Arbeitsplätze gefährdet: im Westen. Bei den vorhandenen Überkapazitäten der Raffinerien und der Massenkunststoffe müßten weniger moderne Anlagen in Westdeutschland stillgelegt werden.

Treuhand-Manager Schucht fühlt sich da aber »jetzt als Ossi«, die Jobs im Westen kümmern ihn nicht. »Wenn schon Arbeitslosigkeit entsteht«, sagt er, »dann relativ gleichmäßig verteilt.«

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__84_ Ostdeutsche chemische Industrie: Neue Investoren gesucht

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