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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Ausstieg aus der Kohle

Von Winfried Didzoleit
Von Winfried Didzoleit
aus DER SPIEGEL 29/1989

Deutsche Kanzler lieben deutsche Kumpel. Auf der siebten Sohle, Antlitz geschwärzt, Helm auf dem Haupt, ließ sich Helmut Schmidt ehedem ebensogern ablichten, wie es Helmut Kohl heute tut.

In zahllosen Reden feierten Politiker die hart schuftenden Männer in den Gruben an Ruhr und Saar. Sie hatten nach der Kapitulation die besiegte Nation gewärmt, hatten Brennstoff für Kraftwerke und Hochöfen ans Tageslicht geschafft.

Und heute? Aus Nationalhelden wurden Subventionenempfänger. 15 Milliarden Mark Steuergeld werden jährlich für die Kohle von den Staatskonten überwiesen, rund 100 000 Mark im Jahr für jeden Arbeitsplatz im Bergbau. Die Hilfen seien, versichern sich Politiker und Bergbaufunktionäre gegenseitig, beileibe keine Almosen. Der gewaltige Betrag sei die Garantieprämie für eine sichere Energieversorgung.

Doch läßt sich das Land wirklich nur mit heimischer Steinkohle sicher mit Strom versorgen? Ist die Bundesrepublik nur mit eigenen Kohlebergen vor Erpressung durch Kommunisten oder Ölscheichs gefeit?

Die wohlfeile Erklärung mit der sicheren Energieversorgung ist die bequeme Lebenslüge der Politiker. Helmut Kohl, Johannes Rau, Oskar Lafontaine - sie alle halten ihre lieben Kumpel zum Narren, behandeln sie wie unmündige Kinder, denen man die Wahrheit nicht sagen darf.

Es gibt keinen Grund mehr, hierzulande in 1500 Meter Tiefe schmale Flöze auszukratzen und für über 100 Dollar Kosten pro Tonne heimische Kohle zu scheffeln, Kohle, wie sie in Australien im Tagebau für zehn Dollar zu haben ist.

Wenn die deutsche Volkswirtschaft sich ausschließlich auf dem Weltmarkt bedienen würde, würden die Lichter auch in politischen Krisen nicht flackern. In den letzten Jahren sind zu den traditionellen Kohleanbietern im Ostblock, in Australien, Südafrika und den USA zahlreiche Neulinge gestoßen. Venezuela, Kolumbien, Indonesien und andere haben ihre günstig gelegenen Kohleschätze erschlossen.

Die vielbeschworene Abhängigkeit, etwa von Moskau oder den rassistischen Buren, ist keine wirkliche Gefahr mehr. Bundesdeutsche Politiker und Kohlebarone halten wider besseres Wissen an ihrer Versicherungsideologie fest.

In dieser Woche feilschen die Regierenden wieder einmal um die Kohlemenge, die verstromt und vom Bürger subventioniert werden muß. Die Politiker wollen Zeit gewinnen, obgleich sie wissen: Der teure deutsche Bergbau ist nicht zu retten.

Eine Politik, die sich an dieser Erkenntnis orientieren und den Ausstieg aus der Kohle einleiten würde, böte viele Vorteile: Billigere Importkohle könnte den Strom preiswerter machen; schwefelärmere Weltmarktkohle täte der Umwelt gut; die Lieferanten aus den USA, dem Ostblock und aus Dritte-Welt-Ländern könnten mit dem Geld den Import deutscher Maschinen bezahlen.

Aber die Arbeitsplätze! 150 000 Kumpel gehen auf die Straße, ganze Regionen veröden - das prophezeien uns Bergassessoren wie Gewerkschaftssekretäre. Viel Geld hat jedoch in der Vergangenheit das Zechensterben nicht verhindert. Besser wäre es deshalb, das unvermeidliche Ende rational und sozial zu organisieren. So was braucht 15 bis 20 Jahre.

In den ersten Jahren kostet eine Wende bei der Kohle sogar mehr als schlichtes Weitermachen. Das Stillegen von Zechen, Sozialpläne und die Umgestaltung der Bergbauregionen wollen bezahlt werden. Unterdes laufen die alten Subventionen weiter, sie sinken erst ganz allmählich.

Proteste enttäuschter Kumpel, die den Politiker-Worten vertraut haben, sind unvermeidbar. Doch die Bergleute wissen auch: So schön ist ihr Job nicht, als daß er für ewig mit Steuergeld gerettet werden sollte.

Gewiß, die Kumpels pflegen bis heute einen für Revierfremde nicht immer verständlichen Stolz auf ihre Maloche. Aber auch die Klage eines genervten Jung-Bergmanns trifft auf viel Verständnis an den Tresen im Revier: »Mutter, nimm mich vonne Zeche, ich kann dat Schwaatze nich mehr sehen.«

»Der deutsche Bergbau ist nicht mehr zu retten«

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