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14. März 2000, 16:48 Uhr

Autoallianz

Fiat-Kurs stürzt ab

Die verabredete Allianz zwischen General Motors (GM) und Fiat hat die Anleger nicht überzeugt. An den Börsen stürzte der Kurs des italienischen Autobauers ab. Dagegen zeigt sich die italienische Politik zufrieden.

Mailand - Zeitweise gaben die Fiat-Stammaktien um mehr als zehn Prozent nach, die Vorzugsaktien verloren sogar mehr als 16 Prozent. Die Titel mussten wegen der starke Verluste vorübergehend vom Handel ausgesetzt werden. Am frühen Nachmittag verzeichneten die Stammaktien ein Minus von gut 7,5 Prozent.

Am Montag hatten Fiat, die weltweite Nummer sechs der Autobranche, und General Motors einen Aktientausch und eine Zusammenarbeit bei Motoren bekannt gegeben. General Motors wird sich mit 20 Prozent an der Fiat Autosparte beteiligen. Fiat erhält eine Kapitalbeteiligung im gleichen Wert an GM in Höhe von 5,1 Prozent.

Der Umfang des Aktientauschs - die Pakete haben jeweils einen Wert von umgerechnet 4,8 Milliarden Mark - ging den Anlegern offensichtlich nicht weit genug. In den vergangenen Monaten waren die Aktienkurse von Fiat jedes Mal hochgeschnellt, wenn Zeitungen über eine bevorstehende Allianz berichtet hatten. Professionelle Händler wie auch Kleinaktionäre spekulierten auf eine Fusion oder gar einen Aufkauf von Fiat durch einen starken Hersteller. Beide Ereignisse hätten die Fiat-Aktie nach Einschätzung von Börsenexperten nach oben getrieben.

Vereinbarten die Allianz: GM-Chef Richard Wagoner und Fiat-Präsident Paolo Fresco
REUTERS

Vereinbarten die Allianz: GM-Chef Richard Wagoner und Fiat-Präsident Paolo Fresco

Im Gegensatz zu den enttäuschten Anlegern zeigten sich viele italienische Politiker mit der "sanften Version einer Allianz" zufrieden. Denn die Kontrolle des größten Industriekonzerns bleibt zumindest vorläufig in italienischer Hand. Ministerpräsident Massimo d'Alema begrüßte das Abkommen mit General Motors. "Ein positives und wichtiges Abkommen, das den Unternehmen der Gruppe Fiat neue Märkte und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen kann", lautete sein Urteil. Oppositionsführer Silvio Berlusconi teilte diese Ansicht. "Angesichts der Globalisierung bliebt den großen Autoherstellern nichts anderes übrig, als sich zusammenzutun", sagte der Unternehmer.

Der Einsicht in die Notwendigkeit einer Allianz für Fiat hatten sich in letzter Zeit offensichtlich auch die Gewerkschaften gebeugt. Dennoch haben die Mitarbeiter Sorge um die Zukunft des Unternehmens, das mehr als ein Jahrhundert lang die Industriegeschichte Italiens geprägt hat. Für Giorgio Cremaschi, Generalsekretär der Metallgewerkschaft des Piemont, ist das Abkommen mit General Motors "in der Substanz die Abspaltung der Autosparte vom Rest der Gruppe".

Steht im Wort: Fiat-Legende und Großaktionär Gianni Agnelli
REUTERS

Steht im Wort: Fiat-Legende und Großaktionär Gianni Agnelli

Er hat das Fernseh-Interview mit Fiat-Ehrenpräsident Giovanni Agnelli, der keine massiven Entlassungen erwartet, aufgezeichnet. Notfalls will Cremaschi es bei künftigen Verhandlungen vorführen, um den Ehrenpräsidenten beim Wort zu nehmen.

Auch die Beschäftigten, die in den Turiner Werken zur Schicht antreten, sind eher skeptisch. "Erst in zwei oder drei Jahren werden wir wissen, welche Konsequenzen das Abkommen für uns hat", sagte eine Arbeiterin. Ihr Kollege gab sich gelassen. Er hatte schon eine Werksumstrukturierung hinter sich und kann sich nicht vorstellen, "dass die Amerikaner drastischer vorgehen".

Anita Merkt

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