Autobahngebühren Freie Fahrt für Mautpreller

In vier Tagen startet die Lkw-Maut auf Deutschlands Autobahnen. Beobachter rechnen mit Staus und Chaos. Das Gros der ausländischen Brummifahrer dürfte die Straßengebühr zunächst ignorieren und schwarz durch die Republik fahren - Angst vor Kontrollen müssen die Trucker nach Meinung von Experten nicht haben.

Hamburg - Ab Anfang Januar werden Tausende ausländischer Lkw durch Deutschland fahren - und zwar ohne Maut-Ticket. Das prophezeit Karlheinz Schmidt, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). "Nur jeder fünfte Lastwagen aus dem Ausland hat eine On-Board-Unit (Obu)", so der Experte. Der Rest müsse an einem der 3700 Maut-Automaten ein Billett lösen. "Und wenn die Fahrer den kilometerlangen Stau sehen, dann werden sie mautfrei fahren, ganz ohne schlechtes Gewissen."

Einfacher als mit dem händisch zu lösenden Maut-Ticket fährt es sich mit einer satellitengestützen Obu (siehe Kasten), über die fällige Mautgebühren automatisch abgerechnet werden. Während polnische oder skandinavische Brummis zumindest zum Teil mit den Bordcomputern ausgerüstet wurden, sind Frankreichs und Italiens Lkw-Flotte praktisch Obu-frei. Kein Wunder - in beiden Ländern gibt es kaum Werkstätten, die eine Lizenz für die Obu-Montage haben.

Auch Informationen, die Lkw-Fahrern zum Jahresbeginn helfen könnten, dem Chaos zu entgehen, sind Mangelware. So hatte Toll Collect beispielsweise angekündigt, für rund 50 Verkehrsknotenpunkte in Deutschland individuelle Übersichtskarten zu veröffentlichen. Dort sollten alle Mautstellen-Terminals rund um die Knotenpunkte verzeichnet sein. Vier Tage vor dem Mautstart hat das Unternehmen im Internet noch nichts publiziert. Ein Sprecher von Toll Collect erklärte jedoch auf Anfrage, die fraglichen Informationen seien in Form von Broschüren und Karten für Fernfahrer bereits verfügbar. Auch im Netz werde das Kartenmaterial in Kürze verfügbar sein.

Auch Pkw-Fahrer sind betroffen

Der Allgemeine Deutsche Automobil Club (ADAC) hat bereits eine Karte mit möglichen Staustellen veröffentlicht. Nach Angaben von Verkehrsexperte Klaus Reindl werden nicht nur Autobahnen von den Staus betroffen sein. "Wenn es eng wird, dürften viele Brummifahrer auf die Bundesstraßen ausweichen".

Die Maut-Terminals werden aller Voraussicht nach das Nadelöhr sein. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) appelliert deshalb an Fahrer und Spediteure, frühzeitig eine Buchung über das Internet vorzunehmen. "Niemand muss am Sonntagabend seine Zeit an den Terminals verbringen", so der Maut-Minister. Am Sonntag um 22 Uhr steht mit Ablauf des Wochenendfahrverbots die erste Bewährungsprobe des Systems an.

BGL-Geschäftsführer Schmidt hält Stolpes Vorschlag für wenig hilfreich. "Für ausländische Fahrer ist die Internetbuchung praktisch wertlos, denn sie müssen vorab die genaue Strecke und Zeit kennen." Angesichts des zu erwartenden Chaos an den ersten Tagen sei dies jedoch gar nicht möglich.

Außer Kontrolle

Das für die Maut-Kontrolle zuständige Bundesamt für Güterverkehr (BAG) hat angekündigt, vom ersten Tag an hart durchzugreifen. Allerdings verfügt die Behörde pro 142 Kilometer deutscher Autobahn gerade mal über einen Kontrolleur. "Die Zahl der Aufpasser ist winzig", so Schmidt, "so kriegt man nie eine Zahlungsmoral ins System." Auch die an vielen Autobahnen installierten Maut-Kontrollbrücken könnten keine lückenlose Kontrolle gewährleisten - tatsächlich operiere die Mehrzahl der Stationen im Standby-Betrieb.

"Nur ein Bruchteil der Brücken ist jeweils scharf geschaltet", kritisiert der Logistikexperte. Alle Stationen gleichzeitig am Netz zu halten, sei aus EDV-technischen Gründen nicht möglich. Toll Collect widerspricht dieser Darstellung. Zwar treffe es zu, dass jeweils nur ein Teil der Brücken scharf geschaltet werde. "Das reicht aber, um statistisch gesehen eine Kontrolldichte wie bei einer Vollerhebung zu erreichen", so ein Unternehmenssprecher. Von einer Überlastung der EDV durch die Brücken könne keine Rede sein.

Eine Stellungnahme des BAG zur Frage der Maut-Kontrollen war nicht zu erhalten. Die Pressestelle der Bundesbehörde bat per automatisierter Email-Antwort lediglich "um Ihr Verständnis, dass das Bundesamt für Güterverkehr wegen der Vielzahl der Anfragen Ihrem Wunsch nach einem Drehtermin vor Ort derzeit nicht entsprechen kann." Anfragen beantwortet der Pressesprecher den Angaben zufolge erst wieder ab dem 3. Januar - also nach dem Mautstart.

Ab Anfang Januar wird sich auf Deutschlands Straßen wohl eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bilden. Auf der einen Seite die - zumeist deutschen - Obu-Lkws, die flott und unbehelligt durchs Land fahren. Auf der anderen die ausländischen Brummis, die ohne Ticket durch die Republik zuckeln. Und sollten die Maut-Sheriffs der BAG doch mal einen Schwarzfahrer erwischen, können sie ihm möglicherweise nicht mal einen Strafzettel ausstellen. Schmidt: "Wenn der Trucker nachweisen kann, dass es aufgrund von Staus oder technischen Pannen unmöglich war, ein Ticket zu lösen, dann ist das Schwarzfahren nicht ahndungsfähig."

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