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15. Februar 2009, 12:49 Uhr

Autoindustrie in der Krise

Rüttgers verhandelt in den USA über Opel

Bangen bei Opel: Der Konzernmutter GM droht die Insolvenz, wenn sie keine weiteren Milliarden vom Staat erhält, ein Sanierungskonzept ist noch nicht fertig. NRW-Ministerpräsident Rüttgers will bei einer Reise nach Detroit über die Zukunft der deutschen Werke verhandeln.

Düsseldorf - Die Zukunft der Autokonzerne Opel und Ford steht im Mittelpunkt seiner USA-Reise: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers will in Detroit unter anderem den Chef der Opel-Mutter General Motors (GM), Rick Wagoner, und den Finanzvorstand des Ford-Konzerns, Lewis W.K. Booth, treffen. Ford und die GM-Tochter Opel beschäftigen allein in Nordrhein-Westfalen über 23.000 Menschen direkt und Zehntausende in Zulieferbetrieben.

Ministerpräsident Rüttgers: Opel und Ford am Tropf der Regierung
Getty Images

Ministerpräsident Rüttgers: Opel und Ford am Tropf der Regierung

Die US-Autobranche braucht dringend weitere Milliarden. Jetzt fordern auch die Autozulieferer Hilfen von mindestens 18,5 Milliarden Dollar, weil sie von den Produktionsstopps der großen US-Hersteller betroffen sind. Das US-Finanzministerium schätze, dass GM bis Ende März mindestens fünf Milliarden Dollar mehr benötigt, um das erste Quartal zu überleben. In Deutschland bemüht sich Opel um Staatsbürgschaften von bis zu 1,8 Milliarden Euro. Chrysler will nach bisherigen Informationen um weitere drei Milliarden Dollar bitten.

Beide hängen bereits am Tropf der Regierung. GM bekam bisher 13,4 Milliarden Dollar und Chrysler vier Milliarden. Am Dienstag müssen beide Hersteller ein ausführliches Sanierungskonzept vorlegen. Die Regierung will dann entscheiden, ob sie weitere Unterstützung gewährt. Von den Plänen werden weitere Werksschließungen und massiver Stellenabbau erwartet.

Allerdings sei unsicher, ob GM das Konzept rechtzeitig vorlegen kann, da notwendige Verhandlungen mit Gewerkschaften am Samstag wegen Differenzen über die Gesundheitsversorgung von Betriebsrentnern festgefahren seien, berichtete das "Wall Street Journal". Die Lage sei dramatisch: Fließe kein Geld vom Staat, drohe dem größten US-Autobauer trotz der bisher gewährten Kredite die Insolvenz, schrieb die Zeitung unter Berufung auf informierte Personen.

Der GM-Konzern, der lange Zeit strikt ein Insolvenzverfahren abgelehnt hatte, ziehe diese Option nun immer stärker in Erwägung, hieß es. GM-Chef Rick Wagoner hatte stets gewarnt, Autofahrer würden keine Fahrzeuge eines insolventen Unternehmens kaufen und somit würde ein solcher Schritt das Ende für den Autobauer bedeuten. Die US-Regierung befürchtet, ein Aus eines großen Autoherstellers könnte mehrere hunderttausend Arbeitsplätze vernichten, weil auch Zulieferer getroffen wären.

Weitere Stationen der Rüttgers-Reise neben Detroit sind Washington, New York und Boston. Dabei geht es auch um die internationale Finanzkrise. Die US-Reise dauert vom 16. bis zum 21. Februar.

Abwrackprämie führt zu deutlicher Belebung der Nachfrage

Dank des gestiegenen Absatzes durch die Abwrackprämie kann Opel zunächst auf weitere Kurzarbeit beim Bau von Kleinwagen verzichten. Die ersten drei Wochen im März werde im Eisenacher Werk durchgearbeitet, sagte der Europa-Vizechef von General Motors (GM), Alain Visser, dem "Handelsblatt". Dort wird das kleine Opel-Modell Corsa gebaut.

Laut "Handelsblatt" war intern nach Angaben des Betriebsrates bisher davon ausgegangen worden, dass auch im nächsten Monat erneut Kurzarbeit in Eisenach nötig gewesen wäre. Opel hatte allerdings bereits angekündigt, schon im Februar die geplante Kurzarbeit in den Werken Eisenach und im spanischen Zaragossa, wo ebenfalls der Corsa gebaut wird, um zwei Tage zu reduzieren.

Die staatliche Abwrackprämie von 2500 Euro führte Visser zufolge nun zu einer deutlichen Belebung der Nachfrage. "Wir spüren eine extreme Nachfrage, vor allem nach unseren Kleinwagen." Schon im Januar seien die Auftragseingänge von Privatkunden bei Opel um die Hälfte gestiegen. "Die Nachfrage nach dem Agila hat sich sogar verdoppelt, die Bestellungen für unserem Kleinwagen Corsa haben um 70 Prozent zugelegt, die für den Astra um 30 Prozent."

Der steigende Absatz insbesondere von Kleinwagen hatte zuletzt teils zu mehrmonatigen Wartezeiten für ein neues Auto geführt. Der spanische Autobauer Seat hatte am Wochenbeginn angekündigt, seine Produktion im März erhöhen zu wollen. Grund sei die erhöhte Nachfrage aus Deutschland wegen der Abwrackprämie.

Der ACE Auto Club Europa trat Befürchtungen entgegen, die auf 1,5 Milliarden Euro begrenzten Mittel für die Abwrackprämie könnten am Ende nicht ausreichen. "Die aus Kreisen des Kfz-Gewerbes geschürte Angst, dass potentielle Antragssteller leer ausgehen könnten, ist nach Lage der Dinge völlig unbegründet", erklärte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner am Wochenende in Stuttgart.

Bei Hochrechnung der in den ersten vier Wochen gestellten rund 42.000 Prämienanträge könnten bei gleich großem Interesse noch weitere 462.000 Anträge bis zum Ablauf der Frist gestellt werden. Die verfügbaren Mittel reichten aber für rund 600.000 Anträge aus, erklärte der ACE-Sprecher.

Nach Angaben des Händlerverbandes ZDK kurbelt die Abwrackprämie insbesondere das Geschäft mit Neuwagen an. 80 Prozent der Käufer, welche die Prämie in Anspruch nehmen, kauften einen Neuwagen, sagte ZDK-Sprecher Helmut Blümer dem "Focus". Es ist auch möglich, beim Kauf eines Jahreswagens von der Prämie für die Verschrottung eines mindestens neun Jahre alten Wagens zu profitieren. Laut ZDK bezahlen die Kunden derzeit im Schnitt zwischen 10.000 und 12.000 Euro für ihren neuen Pkw. Bei den Jahreswagen betrage die Preisspanne 15.000 bis 18.000 Euro.

jjc/dpa/AFP

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