Autokrise VW-Chef drängt Merkel zu mehr staatlicher Hilfe

Die Finanzkrise erfasst die Autobranche mit voller Wucht. VW verkauft 21 Prozent weniger Fahrzeuge als vor einem Jahr, Peugeot will 11.000 Jobs abbauen, auch die Zulieferer leiden. Volkswagen-Chef Winterkorn fordert nun: Die Abwrackprämie soll länger gezahlt und aufgestockt werden.


Hamburg - Immer mehr Unternehmen geraten in den Sog der Wirtschaftskrise: Weltweit bricht der Absatz der Autohersteller ein, weil die Verbraucher kaum noch Geld ausgeben. Allein bei Volkswagen Chart zeigen, dem größten Autokonzern Europas, sind die Verkäufe im Januar um 21,3 Prozent eingebrochen.

VW-Autostadt in Wolfsburg: Zuwächse nur bei Kleinwagen
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VW-Autostadt in Wolfsburg: Zuwächse nur bei Kleinwagen

Und damit steht VW noch gut da. Nach Konzernangaben ist der gesamte Weltmarkt für Autos im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 24,1 Prozent geschrumpft.

Besonders hart trifft die Krise auch die Nummer zwei in Europa, Peugeot-Citroën (PSA) Chart zeigen. Wegen der globalen Entwicklung plant das Unternehmen den Abbau von mindestens 11.000 Stellen. Nach PSA-Angaben sollen die betroffenen Mitarbeiter freiwillig gehen. Details nannte der Konzern nicht. Nur so viel: Trotz der Maßnahme werde man wohl erst im Jahr 2010 wieder rentabel sein.

Dabei hat PSA gerade erst eine Milliardenspritze des französischen Staates erhalten - ein Punkt, der in der Bundesregierung auf Kritik stößt. Denn je stärker Paris seine Autobauer subventioniert, desto schlechter stehen die deutschen im internationalen Wettbewerb da. "Wir halten den Aufbau von neuen protektionistischen Hürden im EU-Binnenmarkt für nicht angemessen", sagte denn auch der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg am Mittwoch in Berlin.

Gelöst sind die Probleme bei PSA ohnehin nicht. Für das vergangene Quartal musste der französische Konzern rote Zahlen bekanntgeben. Auch für 2009 kündigte das Unternehmen einen Verlust an. An der Börse sackte der PSA-Kurs am Mittwoch um mehr als sieben Prozent ab.

Und Peugeot ist kein Einzelfall. Nach Einschätzung des Konzerns wird der gesamte Automarkt in Westeuropa in diesem Jahr um weitere 20 Prozent schrumpfen und 2010 stagnieren.

Stahl, Chemie - überall geht es abwärts

Die desaströse Lage bei den Autoherstellern betrifft auch ihre wichtigsten Zulieferer. Dazu zählen vor allem die Stahl- und die Chemieindustrie. Allein der größte Stahlkonzern der Welt, ArcelorMittal Chart zeigen, macht Milliardenverluste. Offizielle Begründung: die schwache Nachfrage nach Stahl für Autos, Gebäude und Maschinen. In den letzten drei Monaten des Jahres 2008 verzeichnete ArcelorMittal einen Verlust von rund zwei Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es knapp zwei Milliarden Euro Gewinn gewesen.

Der Konzern reagiert nun mit dem Abbau von 9000 Stellen weltweit. Immerhin erklärte Vorstandschef Lakshmi Mittal, er sehe bereits "einige Anzeichen für eine Besserung".

Auch beim deutschen Stahlverarbeiter Rheinmetall Chart zeigen hat die Autokrise das Ergebnis verhagelt. Der operative Gewinn fiel binnen Jahresfrist um knapp neun Prozent auf 246 Millionen Euro. Nur wegen des florierenden Rüstungsgeschäfts konnte das Unternehmen einen drastischeren Rückgang verhindern.

Der Chemieriese BASF bereitet seine Mitarbeiter ebenfalls auf einen Jobabbau vor. "Wir werden uns von weniger effizienten Anlagen trennen müssen", sagte Konzernchef Jürgen Hambrecht der "Zeit". Gleichzeitig stellte er klar: Für deutsche Arbeitsplätze werde es keine Vorzugsbehandlung geben.

Die Chemiebranche versorgt die Autoindustrie mit Lacken und ähnlichen Produkten. Damit ist sie einer der wichtigsten Zulieferer - und leidet in Krisenzeiten genauso wie die Autohersteller selbst.

VW drängt auf eine höhere Abwrackprämie

Immerhin: Bei Kleinwagen sieht die Lage für Volkswagen und Co. besser aus - dank der Abwrackprämie. "Die Akzeptanz der Umweltprämie führt besonders bei Klein- und Kompaktwagen wie Fox, Polo, Golf, Seat Ibiza und Skoda Fabia zu einem deutlichen Nachfrageschub. Hier liegen die Auslieferungen jeweils über dem Niveau des Vorjahres", sagte Konzernvertriebschef Detlef Wittig.

Laut dem Magazin "auto motor und sport" will der Konzern nun sogar die Produktion des VW Polo steigern. Im spanischen Werk Pamplona würden zusätzlich 30.000 Fahrzeuge produziert. Auch deutsche Standorte profitierten von der Produktionssteigerung.

Ansonsten verzeichnete der Konzern aber in allen wichtigen Weltregionen einen Absatzrückgang, so in den USA, Europa und China. Zuwächse konnte VW nur in Russland und Brasilien verzeichnen.

VW-Vorstandschef Martin Winterkorn sprach sich nun für eine längere Zahlung der Abwrackprämie aus, außerdem sollte sie aufgestockt werden. "Es wäre unser Wunsch, dass die Abwrackprämie verlängert wird", sagte er der "Wirtschaftswoche". Die Prämie von 2500 Euro, die für die Verschrottung von alten Autos gezahlt wird, habe das Geschäft spürbar belebt. Winterkorn kündigte an, kommende Woche in einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu prüfen, welche Möglichkeiten es gebe, die bis zum 31. Dezember befristete Aktion zu verlängern und die Fördersumme von 1,5 Milliarden Euro aufzustocken.

wal/Reuters/dpa/ddp/AP

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