Autokrise Wie Opel zu retten ist - und wie nicht

General Motors stürzt ab und reißt Opel mit. Branchenkenner sind sich einig: Dauerhaft kann nur ein starker Investor den Autobauer retten - die Deutschen brauchen Hilfe von außen.

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Berlin - Von einer Absatzkrise, die allein Opel betrifft, mag Paul Schäfer nicht sprechen. Der Chef des Stuttgarter Opel-Händlers Auto Staiger, der zu den größten in Deutschland gehört, verweist auf den Mercedes-Anbieter Schwabengarage und den großen VW/Audi-Händler Hahn und Lang in der Nachbarschaft: "Die kämpfen genauso wie wir - so ist das eben in einem konjunkturellen Abschwung".

Opel-Neuwagen: "Kaum eine Chance, langfristig zu überleben"
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Opel-Neuwagen: "Kaum eine Chance, langfristig zu überleben"

Natürlich würden General Motors und seine europäischen Marken derzeit unter Absatzproblemen leiden, so Schäfer. Doch wenn die Regierungen in den USA und in Deutschland mit Bürgschaften einsprängen, müsste sich auf Dauer nichts ändern. Er sei sicher, dass es schon irgendwie weitergehe, fügt der Autoverkäufer hoffnungsvoll hinzu.

Übersicht: Opel in Deutschland
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Übersicht: Opel in Deutschland

Schäfer steht mit seinem Optimismus ziemlich alleine da. Denn Opel ist dem angeschlagenen Mutterkonzern General Motors (GM) auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sollte GM untergehen und Opel mitreißen, wäre der Autostandort Deutschland schwer getroffen. Das Unternehmen produziert an seinem Stammsitz in Rüsselsheim (Hessen) sowie in Bochum (Nordrhein-Westfalen), Eisenach (Thüringen) und Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz). Insgesamt hat der Autobauer hierzulande knapp 25.700 Mitarbeiter (siehe Grafik).

Das Management sucht fieberhaft nach einem Ausweg. Nach SPIEGEL-Informationen erwägen einige Opelaner eine Trennung von GM. Der US-Hersteller könnte so möglicherweise noch einige Milliarden erlösen, wenn es gelänge, Investoren für einen Einstieg zu gewinnen. Angedacht ist auch ein Mitarbeiterbeteiligungsmodell, bei dem die Belegschaft im Gegenzug für Lohnverzicht oder unbezahlte Mehrarbeit Unternehmensanteile erhalten könnte.

Branchenbeobachter sehen das Vorhaben kritisch. Immerhin gehört die Marke schon seit rund 80 Jahren zu GM. "Opel war jahrelang auf Hilfen angewiesen und steht derzeit fast ohne Liquidität da", erklärt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Die Rettung von Opel berge ein enormes Risiko und sei ohne einen finanzstarken Investor nicht zu machen. Ein solcher Investor habe derzeit aber eine große Auswahl, weil die meisten Autohersteller bemerkenswert geringe Börsenbewertungen aufwiesen. "Wieso sollte sich ein Interessent deshalb ausgerechnet für Opel entscheiden?", fragt Dudenhöffer.

Nach Überzeugung von Stefan Bratzel vom FHDW Center of Automotive in Bergisch Gladbach dürfte die Trennung der Vermögenswerte mit viel Gezänk einhergehen. "Detroit stellt sich wahrscheinlich auf den Standpunkt, dass sie über viele Jahre hinweg die mühsame Sanierung von Opel mit Milliarden unterstützt haben, und die schwedische Schwestermarke Saab hängt immer noch am Tropf. Man könnte sogar verstehen, wenn die Amerikaner jetzt einen Teil davon zurückhaben wollen."

Opel in Deutschland: Traditionsmarke mit Krisenerfahrung
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Die Wurzeln
Das 146 Jahre alte Traditionsunternehmen Opel produzierte ursprünglich Nähmaschinen und Fahrräder. Erst später entwickelte es sich zum größten deutschen, europaweit tätigen Autohersteller. 1929 übernahm der US-Konzern General Motors die Adam Opel AG - für den seinerzeit enormen Betrag von 33,4 Millionen Dollar.

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Die Krisenzeiten
In den neunziger Jahren geriet der Autobauer erstmals in heftige Turbulenzen: 1997 fuhr die Adam Opel AG mit 228 Millionen Mark erstmals in die Verlustzone. Es folgten Sparprogramme unter dem später in die Führung von GM-Europe aufgerückten Manager Carl-Peter Forster. Zurzeit leidet Opel vor allem unter den Problemen des Mutterkonzerns: General Motors droht angesichts eines massiven Absatzeinbruchs das Aus.

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Das Werk in Rüsselsheim
Rüsselsheim in Hessen ist der Stammsitz des 146 Jahre alten Unternehmens. Hier arbeiten 18.300 Mitarbeiter. Neben der Zentrale ist hier das Internationale Technische Entwicklungszentrum und ein neu errichtetes Werk angesiedelt (Jahreskapazität: 270.000 Einheiten). Dazu kommt noch das Testcenter im nahen Dudenhofen.

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...Bochum
Seit 1962 ist Opel am Standort Bochum in Nordrhein-Westfalen tätig. Mittlerweile werden drei Werke auf einem ehemaligen Zechengelände betrieben. Die 5300 Mitarbeiter stellen vor allem den Astra, Zafira, Achsen und Getriebe her. 2007 wurden rund 240.000 Fahrzeuge gebaut.

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...Kaiserslautern
In Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz stellen rund 1200 Mitarbeiter Vierzylinder-Leichtmetall-Ottomotoren und Vierzylinder-Turbodieselmotoren mit Commonrail-Kraftstoffeinspritzung her. Im Komponentenwerk sind weitere 2300 Mitarbeiter tätig. Opel ist seit 1966 in Kaiserslautern.

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...Eisenach
Bei der Opel Eisenach GmbH in Thüringen produzieren 1900 Mitarbeiter den neuen Corsa. Das Werk machte 1992 kurz nach der Wende auf.

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Die grundsätzlichen Probleme des deutschen Herstellers hätten sich damit nicht erledigt: "Opel hat allein kaum eine Chance, langfristig zu überleben. Allenfalls mit Unterstützung eines starken industriellen Partners könnte dies gelingen", erklärt Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft der Fachhochschule Geislingen. Er bezweifelt ohnehin, dass General Motors die Konzerntochter so ohne weiteres für einen angemessenen - also sehr niedrigen - Preis verkaufen würde. Eine solche Transaktion würde wegen der damit verbundenen komplizierten Entflechtung beider Unternehmen lange dauern.

Tatsächlich sind die Vermögenswerte bei weitem schwieriger auseinander zu dividieren, als dies auf den ersten Blick den Anschein hat. So wird ausgerechnet das Internationale Technische Entwicklungszentrum (ITEZ) in der Krise zum Problem. Die Einrichtung ist der ganze Stolz der Rüsselsheimer. Dort forschen rund 6000 gutbezahlte Ingenieure an der Zukunft des Konzerns und entwickeln neue Modelle. Die Plattform für viele GM-Wagen kommt aus Rüsselsheim. Das aktuell größte Prestigeprojekt des Konzerns, das Elektroauto Volt, wurde vom deutschen GM-Top-Ingenieur Frank Weber entwickelt.

Wahrscheinlicher ist deshalb das Szenario, dass Opel oder GM-Europa erst nach einem Konkurs von General Motors abgetrennt werden. Die attraktivsten Unternehmensteile könnten dann weiterexistieren, der Rest dürfte anderweitig verwertet werden. Auf der Strecke bliebe im jedem Fall ein großer Teil der Arbeitsplätze.

Das aber wollen die Beteiligten auf jeden Fall verhindern. "Die Probleme sind in den USA entstanden", sagte an diesem Montag ein Sprecher von EU-Industriekommissar Günter Verheugen. "Aber Opel ist ein europäischer Hersteller, und man muss dafür sorgen, dass dieser Hersteller nicht vom Markt verschwindet."

Beim Opel-Gipfel im Kanzleramt stellte Regierungschefin Angela Merkel an diesem Montag Bedingungen, bevor es eine Staatsbürgschaft für den Autokonzern geben soll. Die Bundesregierung will auf Nummer sicher gehen, damit am Ende nicht General Motors von der deutschen Unterstützung profitiert.

Allen ist klar, dass die Zeit drängt, dass die drohende Zahlungsunfähigkeit des US-Mutterkonzerns die Zukunft des deutschen Unternehmens gefährdet. Genauso klar ist aber allen das Problem, dass eine schlichte Staatsbürgschaft für Opel allein wenig helfen dürfte - im Gegenteil: Die Gefahr ist groß, dass die Regierung dem schlechten Geld noch gutes hinterherwirft.



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