Verstorbener Erntehelfer mit Corona Ein Leben für den Spargel

Die Bundesregierung hat mit Arbeitskräften aus Osteuropa die Spargelernte gesichert. Nun ist ein rumänischer Erntehelfer nach einer Corona-Infektion gestorben. Ein Besuch beim Betrieb.
Rumänische Spargelstecher im brandenburgischen Beelitz

Rumänische Spargelstecher im brandenburgischen Beelitz

Foto: Emmanuele Contini/ imago images

Nicolae Bahan hat mitgeholfen, den deutschen Spargel vor dem Verrotten zu retten. Er wurde dafür mit dem Flugzeug nach Baden-Württemberg geflogen. Doch er hat diesen Arbeitseinsatz nicht überlebt. Am Morgen des 11. April starb er in seiner Unterkunft, einem Wohncontainer bei Bad Krozingen. Der 57-Jährige, das ergab ein Test, hatte sich mit Corona infiziert.

Er sei mit dem Virus gestorben, ob das auch die Todesursache sei, wisse man nicht, sagte ein Sprecher des zuständigen Landratsamts. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) wusste mehr. "Er ist an einem Herzinfarkt verstorben", sagte sie in der Talkshow "Markus Lanz", fünf Tage nach dem Tod. Es klang wie eine Entwarnung, so als ob die Ministerin das Risiko für die Erntehelfer relativieren wollte, um die Versorgung mit dem Edelgemüse nicht zu gefährden.

Doch in den beengten, stickigen und oft heruntergekommenen Containern, in denen viele rumänische Erntehelfer leben, ist die Infektionsgefahr nun Berufsrisiko: Inzwischen sind laut Landratsamt vier Personen des Bad Krozinger Betriebs positiv getestet worden. Geerntet wird weiter.

Ist die Rettung von Spargel diesen Einsatz wert? Diese Frage wird sich Nicolae Bahan womöglich gar nicht so oft gestellt haben. Um Geld zu verdienen, blieb ihm nicht viel anderes übrig. Vor neun Jahren, sagt der Betriebsleiter, sei Bahans Frau das erste Mal zur Ernte gekommen. Zwei Jahre später habe sie ihren Mann mitgebracht. Sie seien ein eingespieltes Team gewesen, an Landarbeit gewöhnt.

Solca ist der Name ihres Heimatortes. Es liegt im Nordosten Rumäniens, wo fließendes Wasser in den Häusern nicht die Regel ist. An dem Ort, mitten in der rumänischen Postkartenlandschaft Bukowina gelegen, dem einstigen habsburgischen Buchenland, geht der Touristenstrom vorbei. Die Hauptstraße von Solca ist gesäumt von unansehnlichen Verwaltungsbauten und Wohnblocks aus der Ceausescu-Zeit, vernagelten alten Bauernhäusern und jenen wild eklektizistischen neuen Eigenheimen, an denen sowohl Geschmack wie auch Bauvorschriften abzuprallen scheinen.

Der am stärksten betroffene Kreis Rumäniens

Der Ort ist in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgeblutet, berichtet Bürgermeister Cornel Tehaniuc am Telefon: Die Holzfabrik, die Textilfabrik, die Brauerei, das Sanatorium mit dem Heilbad - alles wurde im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte dichtgemacht. Von 5000 Einwohnern sind 2000 geblieben; und wie die Bahans suchen viele ihr Glück als Erntehelfer im Ausland. "Saisonler" werden sie im Rumänischen genannt. Viele von ihnen seien wegen der Coronakrise jetzt verunsichert, sagt der Bürgermeister, und sie überlegten, wegen des Infektionsrisikos lieber zu Hause zu bleiben. "Aber", sagt er nach einer Pause mit belegter Stimme, "man kann ja auch an Hunger sterben."

Um ihre Arbeiter haben sie sich im Bad Krozinger Betrieb früh bemüht. Nicolae Bahan kam bereits am 20. März mit einer eigens gecharterten Maschine. Die zweite Maschine landete Anfang April in Baden-Baden. Dass der Kreis Suceava, aus dem fast alle Erntehelfer stammen, der von Corona am stärksten betroffene Kreis Rumäniens ist und die Stadt Suceava zu der Zeit wegen der enorm hohen Zahl Infizierter bereits unter Quarantäne stand, störte nicht.

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Das Virus ging wohl mit auf die Reise: Bahan, heißt es, habe sich erst in Deutschland infiziert. Kontakt hatte er allerdings fast nur mit Rumänen.

Mit Verantwortlichen des am Rand von Bad Krozingen gelegenen Betriebs zu sprechen, ist nicht leicht: Der Chef des Spargelverbands wird eingeschaltet, ein Gespräch wird in Aussicht gestellt, dann zunächst abgesagt, schließlich sitzt man unter einem Plastiktunnel für Erdbeeren dem Betriebsleiter gegenüber, der vorher noch als Schwiegersohn angekündigt war, das aber nicht bestätigen möchte. Es ist heiß, die Gegend des Rheingrabens am Schwarzwaldrand südlich von Freiburg zählt zu den wärmsten im Land.

Auch der Mann des Verbands ist dabei. 600 Erdbeer- und Spargelproduzenten im Süden Deutschlands vertritt er. Die Betriebe hätten jetzt "richtig Feuer", denn die Früchte seien reif, doch die Arbeiter fehlten - wie auch in Bad Krozingen: Dort sind immerhin 320 eingetroffen, sonst sind es noch etwas mehr. Der Ernteausfall von geschätzt 30 Prozent werde die Branche hart treffen, Existenzen stünden auf dem Spiel, sagt der Mann vom Verband.

Auch einem Betrieb wie dem in Bad Krozingen setzt die Situation gehörig zu: Mit dem Weinbau ist man dort groß geworden, vor dem Hofladen hängen noch Auszeichnungen, die allerdings ein paar Jahre alt sind. Inzwischen machen Spargel und Erdbeeren einen Großteil des Umsatzes aus. Als vor mehr als zehn Jahren mit den Freizügigkeitsregelungen der EU die ersten Erntehelfer kamen, hätten die noch in den freien Kinderzimmern der Höfe übernachtet, erzählt der Betriebsleiter.

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Obligatorische Quarantäne nach der Ankunft

Dann wurden die Wohncontainer aufgestellt, außerhalb des Ortes, auf dem Betriebsgelände zwischen den Feldern. Das Gelände in Bad Krozingen ist mit Zäunen, Sichtschutzplanen und meterhohen Buchenhecken umgeben, die Eingänge sind bewacht. Hinter einer Lagerhalle und abgetakelten Transportern sind Wohncontainer in Reihen aufgestellt, zwischen Wäscheleinen stapeln sich Mülltüten.

Der Betriebsleiter referiert aus den Sicherheitsbestimmungen des Innenministeriums. Er spricht von der obligatorischen Quarantänezeit nach der Ankunft, von der Arbeit in Kleingruppen. Sogar in den altersschwachen Bussen, die die Arbeiter auf die Felder bringen, flattern Trennfolien zwischen den Sitzreihen.

Lange Zeit hat man sechs, sieben Leute in den größeren Zimmern untergebracht, sogar acht seien ja laut Arbeitsstättenverordnung erlaubt, so der Verbandssprecher. Inzwischen habe der Betrieb das natürlich entzerrt und mehr Container aufgestellt. Zeigen möchte der Betriebsleiter die Unterkunft der Rumänen nicht. Und die Fotos von klapprigen Stockbetten und speckigen Gaskochern, die in rumänischen Zeitungen und im Internet über seine Unterkunft kursieren? Da habe wohl irgendwer irgendwo was gesehen. Er könne nicht erkennen, "dass die Fotos aus unseren Wohneinrichtungen stammen".

Ionela Rusu und ihr Mann Gheorghe kennen den Betrieb aus vielen Jahren eigener Erfahrung. Es ist keine gute. Ionela Rusu heißt in Wirklichkeit anders, sie fürchtet Ärger, wenn sie unter ihrem richtigen Namen berichtet. Über einen Messenger-Dienst erzählt sie, wie es ihr und ihrem Mann in Bad Krozingen erging. Dem SPIEGEL ist die Identität der Eheleute bekannt.

Auch die Rusus, heute beide Mitte fünfzig, kommen aus einer weitläufigen, abgelegenen Gemeinde im Norden Rumäniens. Gheorghe Rusu arbeitete lange Zeit als Kraftfahrer, seine Frau war zu Hause mit den beiden Kindern, kümmerte sich um Haus und Hof.

Nach dem EU-Beitritt Rumäniens 2007 kamen die Eheleute erstmals zum Spargelstechen in den Bad Krozinger Betrieb. Die Bedingungen seien hart gewesen. "Wir hatten sehr viel Arbeit und bekamen wenig Geld", sagt Ionela Rusu. Manchmal hätten sie knietief im Schlamm gestanden auf den Spargelfeldern. Im Jahr 2013, dem letzten, in dem sie in Bad Krozingen gewesen seien, hätten sie für das Spargelstechen um die vier Euro pro Stunde bekommen.

Das Geld hätten sie vor allem gebraucht, um für die Ausbildung ihrer Kinder zu sparen, sagt Ionela Rusu. Um genug zu verdienen, hätten sie manchmal sogar zwei Schichten pro Tag gearbeitet. Die Unterkünfte seien heruntergekommen gewesen. "Wir waren fünf bis sieben Leute je Zimmer, die Spinde in unseren Zimmern waren verrostet, die Betten aus Eisen wie im Gefängnis, im Gemeinschaftsbad waren die Duschen nur durch Plastikvorhänge abgetrennt und in der Küche gab es nicht einmal ein Waschbecken", sagt Ionela Rusu.

Die Ausweise hätte man ihnen bei der Ankunft abgenommen, sagt Ionela Rusu, Arbeitsverträge hätten sie zwar unterschrieben, aber nie eine zweite Ausfertigung oder eine Kopie erhalten. Und Lohnabrechnungen? "Sie bringen mich zum Lachen", antwortet Ionela Rusu auf die Frage. Inzwischen arbeitet das Ehepaar in einem anderen landwirtschaftlichen Betrieb in Süddeutschland.

Wohncontainer des Bad Krozinger Spargelbetriebs

Wohncontainer des Bad Krozinger Spargelbetriebs

Foto: Nils Klawitter/ DER SPIEGEL

Zu den meisten der Vorwürfe will der Betriebsleiter in Bad Krozingen nichts sagen. Die Firma zahle den Mindestlohn von 9,35 Euro und sogar Prämien, heißt es. Auf gut 2000 Euro käme ein ordentlicher Arbeiter so im Monat - und Sozialversicherungsabgaben fielen meist nicht an. Vom Lohn gehen allerdings noch Gebühren an die Jobvermittler in Rumänien ab, außerdem müssen die Arbeiter die Transportkosten selbst zahlen. Viele aus der Gegend der Stadt Suceava kamen wie die Bahans über die Agentur Panap Jobs, die ein ganzes Netzwerk an Vermittlungsbüros unterhält. Die Firmenzentrale liegt in Solca, dem Ort der Bahans. Den Agenturen wird jetzt Fahrlässigkeit vorgeworfen, sie hätten auch Leute aus Quarantänegebieten ins Ausland vermittelt. Panap Jobs wollte sich gegenüber dem SPIEGEL dazu nicht äußern.

Viele Vermittler, auch Panap Jobs, werben damit, dass ihre Arbeiter krankenversichert seien - in der Coronakrise ein besonders wichtiger Punkt. Nach Ansicht von Gewerkschaftern aus Rumänien und Deutschland stimmt das jedoch oft nicht. Sevghin Mayr von der Beratungsstelle "Faire Mobilität" des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in München sagte dem SPIEGEL, dass die Mehrheit der rumänischen Saisonarbeiter in Deutschland nach ihren Erfahrungen keine Krankenversicherung haben.

Für die Unterbringung in den Containern zahlen die Saisonarbeiter acht Euro pro Tag

Für die Unterbringung in den Containern zahlen die Saisonarbeiter acht Euro pro Tag

Foto: Nils Klawitter/ DER SPIEGEL

Auch Kost und Logis sind nicht umsonst: Für die Containerbaracke in Bad Krozingen sind etwa acht Euro pro Tag fällig, vier Euro kostet das Mittagessen. "Wir stellen den Arbeitskräften immer so viele Kartoffeln wie sie wollen", so der Betriebsleiter.

Die Witwe Nicolae Bahans will der Betriebsleiter nun bei den Formalitäten unterstützen. Auch finanziell? Dafür nutze man die Krankenversicherung, die man für die Arbeiter abgeschlossen habe. Es gebe eine Prämie für den Todesfall.