Bahn-Streckenkosten Um 700 Millionen Euro verschätzt

Der Bau der ICE-Strecke Nürnberg-Berlin kommt Bahn und Bund offenbar weit teurer zu stehen als gedacht. Allein bei einem Teilstück sollen die Kosten um eine Dreiviertelmilliarde über Plan liegen.


Schnellzug ICE: Die Strecke Berlin-Nürnberg ist eine große Herausforderung für Ingenieure und ein Albtraum für Controller
DDP

Schnellzug ICE: Die Strecke Berlin-Nürnberg ist eine große Herausforderung für Ingenieure und ein Albtraum für Controller

Berlin - 4,91 Milliarden Euro dürfte allein der Bau des Abschnitts Nürnberg-Erfurt verschlingen - davon geht der Bahn-Aufsichtsrat nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa inzwischen aus. Noch vor einem Jahr kalkulierte das Staatsunternehmen mit Kosten von 4,2 Milliarden. Hinzu kommt: Wahrscheinlich wird die Gesamtstrecke erst 2015 fertig, nicht wie ursprünglich geplant 2012. Die Landesregierungen von Sachsen-Anhalt und Thüringen warfen der Bundesregierung daher vor, Wahlversprechen zu brechen.

Insgesamt soll die 500 Kilometer lange Strecke mindestens 7,6 Milliarden Euro kosten. Wie genau diese Summe aufgebracht wird, ist weiter unklar. Laut dpa benötigt die Bahn wohl weitere Bundesmittel für die Realisierung der Strecke.

Politisch gewollt, betriebswirtschaftlich irrsinnig

Der Bahn-Aufsichtsrat rechnet sich angesichts der Haushaltsnöte der Regierung offenbar geringe Chancen aus, kurzfristig mehr als die bereits zugesagten Mittel zu bekommen. Für einen der Bau-Abschnitte haben Bund und Bahn noch gar keine Finanzierungsvereinbarung unterzeichnet, für einen anderen soll sie noch aktualisiert werden.

Allerdings hat die rot-grüne Koalition die ICE-Strecke kürzlich als prioritäres Projekt eingestuft. Die Bund hofft, durch die Strecke die Verkehrsverbindungen zwischen neuen und alten Ländern zu verbessern. Von 2012 soll sich die Fahrzeit von Berlin nach Nürnberg und weiter bis München auf drei bis vier Stunden verkürzen - derzeit dauert die Reise sechs bis sieben Stunden. Die neue Trasse soll zugleich Teil einer europäischen Schnellverbindung von Norditalien nach Skandinavien werden.

22 Tunnel, 29 Brücken allein im Thüringer Wald

Die Strecke wird vor allem auf Grund der hohen Zahl von Unter- und Überführungen so teuer. Allein auf der Bergetappe durch den Thüringer Wald sind 22 Tunnel und 29 Brücken nötig. Dieses Teilstück soll komplett neu entstehen, andere Teile der Strecke werden nur ausgebaut. Bei Berlin zum Beispiel ist die Ausbaustrecke nach Bahn-Angaben fast fertig; zwischen Erfurt und Ilmenau sind bereits 470 Millionen Euro in Brücken, Fundamente und Tunnel investiert.

Das Bundesverkehrsministerium hatte kürzlich eingeräumt, dass es beim Bau der Strecke zu Verzögerungen gekommen sei. Grund dafür seien Haushaltsfragen. Zugleich betonte das Ministerium, dass Projekt insgesamt werde nicht in Frage gestellt.

Umsatz-Prognosen geschönt?

Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) will das Thema am 5. Dezember bei einem Treffen mit Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) ansprechen. Der Bahn-Aufsichtsrat soll sich am Tag davor mit der mittelfristigen Bauplanung befassen.

Dann wird auch die Entwicklung der Umsatz- und Ergebniszahlen für die Bahn insgesamt auf der Agenda stehen. Auch in dieser Hinsicht könnte die Bahn zu optimistisch kalkuliert haben - das wirft ihr die Gewerkschaft Transnet vor. Die für 2003 von der Bahn unterstellte Wachstumsrate von zwei Prozent und von 2,5 Prozent für die Folgejahre seien zu hoch, sagte ein Gewerkschaftssprecher.



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