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13. Oktober 2007, 11:32 Uhr

Bahn-Tarifstreit

Lokführer erhalten eigenen Tarifvertrag

Im Bahn-Streit zeichnet sich nach Informationen des SPIEGEL ein Kompromiss ab: Bahn-Chef Mehdorn hat einem eigenen Tarifvertrag für die GDL zugestimmt - und so die Hauptforderung der Lokführergewerkschaft erfüllt. Die Einigung wäre ein Triumph für GDL-Chef Schell.

Hamburg - Das Gespräch am vergangenen Donnerstag begann in äußerst angespannter Atmosphäre: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Bahn, Werner Müller, hatte die beiden Dauerkontrahenten, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und den GDL-Chef Manfred Schell, zum Gespräch gebeten - vorsichtshalber aber darauf bestanden, dass zwischen den beiden ein Stuhl frei bleibt. Der Sicherheitsabstand scheint gewirkt zu haben, denn nach Informationen des SPIEGEL haben sich Mehdorn und Schell nach dem rund vierstündigen Gespräch auf einen Kompromiss geeinigt.

GDL-Chef Schell (links) und Bahn-Chef Mehdorn: Einigung in gespannter Atmosphäre
AP

GDL-Chef Schell (links) und Bahn-Chef Mehdorn: Einigung in gespannter Atmosphäre

Danach soll die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) einen eigenen Tarifvertrag bekommen. darauf hätten sich die Präsidiumsmitglieder des Bahn-Aufsichtsrats, Vertreter der Bahn und GDL-Chef Schell verständigt. Ob das Wörtchen "Tarif" in dem Papier auftauche, sei noch unklar, berichtet ein Sitzungsteilnehmer. Der Vertrag werde jedoch zu über 90 Prozent deckungsgleich sein mit dem Tarifvertrag der übrigen Bahn-Mitarbeiter – und zusätzlich lokführerspezifische Punkte klären.

Dazu gehöre beispielsweise die Vergütung sogenannter Leerstunden, die anfallen, wenn Lokführer am Zielort Aufenthalt haben. Um die Gehälter auszuhandeln, wird es zwei weitere Verhandlungsrunden geben – zwischen der Bahn und der GDL sowie zwischen der GDL und der Tarifgemeinschaft der übrigen Gewerkschaften. Die GDL hat sich verpflichtet, während der Verhandlungszeit bis zum 31. Oktober nicht mehr zu streiken.

Der Streit zwischen der GDL, die einen eigenen Tarifvertrag und bis zu 31 Prozent mehr Lohn fordert, und der Bahn, die die Forderungen immer wieder kategorisch zurückgewiesen und die Streikhandlungen der Lokführer vor allem juristisch unterbunden hatte, schwelt seit Wochen. Die Gesprächsatmosphäre zwischen Schell und Mehdorn galt schließlich als so zerrüttet, dass der Bahn-Aufsichtsrat eingriff und die beiden am Donnerstag zum Gespräch bat, das in eisiger Atmosphäre begann.

Buletten in rasender Geschwindigkeit verzehrt

Nach SPIEGEL-Informationen beruhigte sich Bahn-Chef Mehdorn während Schells Statement, indem er "die eigens für ihn servierten Buletten in rasender Geschwindigkeit durch den Senftopf zog und dann vertilgte", was den Vortrag gestört habe, so der Teilnehmer. Als Schell ausgeredet hatte, forderte Müller Mehdorn auf, die Buletten doch in die Mitte zu stellen, "so, dass Herr Schell auch welche nehmen kann". Als Schell dann einige von Mehdorns Frikadellen gegessen hatte, war das Eis gebrochen.

Trotz der Einigung auf neue Verhandlungen, die am späten Donnerstagabend verkündet wurde, hatte die GDL gestern fast ganztägig gestreikt - den angekündigten Ausstand für Montag und Dienstag aber abgesagt. Nach eigenen Angaben gelang es den Lokführern, rund 85 Prozent des Regionalverkehrs lahmzulegen. Allerdings blieb das erwartete Chaos an den Bahnhöfen aus, da sich Millionen Pendler auf den Streik eingestellt und der Bahn gleich ganz den Rücken gekehrt hatten. Da nicht wenige auf das Auto umstiegen, kam es vor allem auf den Zufahrtsstraßen vieler Großstädte zu langen Staus.

"Stellt Mehdorn auf stur, werden wir streiken"

Die Bahn will der GDL das neue Angebot offiziell am Montag vorlegen. "Ich rechne damit, dass uns die Bahn am Montag einen eigenständigen Tarifvertrag anbietet", sagte Schell der "Bild am Sonntag". "Wenn dann noch ein ordentliches Gehaltsplus dabei ist, lassen wir unsere Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn sofort fallen. Dann kann es eine schnelle Einigung geben - ohne dass noch ein einziger Zug ausfallen muss."

Zugleich drohte Schell mit einer unbefristeten Fortsetzung des Arbeitskampfes, sollte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn der GDL nicht entgegenkommen. "Stellt sich Mehdorn auf stur, werden wir länger streiken, als es dem Bahn-Vorstand lieb sein kann", sagte er. Der Arbeitskampf koste die Bahn schließlich viel mehr als die GDL.

Tatsächlich könnte ein dauerhafter Streik die Bahn teurer kommen, als sie bislang zu erkennen gibt. Nach Informationen der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" kommen auf die Bahn wegen des Streiks Kosten in Millionenhöhe zu, da Bundesländer und Verkehrsverbünde Rückzahlungen fordern können. Der Geschäftsführer der niedersächsischen Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG), Wolf Gorka, sagte der Zeitung, die Deutsche Bahn kassiere in Niedersachen pro Tag rund eine Million Euro für die Fahrten der Nahverkehrszüge. Jetzt sei mit Rückforderungen zu rechnen: "Die DB würde eine halbe Million täglich verlieren, wenn nur jeder zweite Zug fährt." Laut Gorka haben die meisten Länder ähnliche Verträge mit der Bahn, so dass jeder Streiktag die Bahn bundesweit mehrere Millionen Euro kosten dürfte.

sam/AFP

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