Bahnchef Mehdorn "Diplomat wollte ich nie werden"

Hartmut Mehdorn ist oft der Buhmann der Nation – trotzdem fühlt er sich immer im Recht. In einem Interview-Band erzählt der Bahnchef jetzt über sein Leben und seine Arbeit und versucht, den menschenfreundlichen Vernunftmanager zu geben. Doch er ist keiner, der sich verstellen kann.


Hamburg – Hartmut Mehdorn von seiner träumerischen Seite: Er würde gern einmal mit seiner Frau im Wohnmobil durch Kanada fahren, erzählt er dem Publizisten Hugo Müller-Vogg. Oder einfach geradeaus segeln und gucken, ob man einmal rumkommt um die Welt. Wenn er den Job tauschen dürfte, wäre er gern einmal Porsche-Chef. Weil ein Porsche etwas ist, was niemand wirklich braucht, aber mächtig Spaß macht.

So heiter kommt Mehdorn in Fernsehen und Zeitungen selten rüber. Dort giftet er zurzeit nach Kräften gegen Gewerkschaftschef Manfred Schell, der für die Lokführer mehr Lohn fordert und am Freitag schon streiken ließ. Oder Mehdorn verteidigt polternd und tobend den geplanten Bahnbörsengang gegen eine immer breiter werdende Front von Gegnern. So gesehen erscheint der Gesprächsband zu einem günstigen Zeitpunkt: In den sechs Interviews, die der ehemalige "FAZ"-Mitherausgeber Müller-Vogg führte, hat Mehdorn endlich einmal Gelegenheit, sich als menschenfreundlicher Vernunftmanager zu präsentieren.

Zumal Müller-Vogg – der unter anderem schon Angela Merkel und Horst Köhler für Bücher befragte – Mehdorn ziemlich gut findet. Im Vorwort lobt er den umstrittenen Bahnchef als "Macher", "Beweger", "Team-Player". Ein "harter Chef" sei Mehdorn immer gewesen, "der tut, was getan werden muss". Aber auch ein "Mann mit sozialer Verantwortung".

Ausführlich fragt sich der Journalist durch Mehdorns Weltanschauung, durch seine Kindheitseinnerungen und die Karrieren als Airbus-Manager und Chef der Heidelberger Druckmaschinen. Mehdorn sagt Sachen wie: "Ich habe mich auf dem Schulhof für die Schwächeren geprügelt." Oder erzählt, wie er als Junge nach dem Umzug von Bayern nach Berlin wegen der Lederhosen verspottet wurde.

Bei dem weitgehend zahmen, oft auch zähen Geplänkel erfährt der Leser, dass Mehdorn Familienmensch ist und politisch weder eindeutig konservativ noch eindeutig links. Eine deutsche Industriepolitik hätte er gerne, und den Sozialstaat findet er mit Einschränkungen gut.

Während der ersten 90 Seiten will man das Buch oft gelangweilt beiseite legen. Nur selten lässt der Bahnchef da markige Sätze fallen wie: "Sie können ein Unternehmen nicht mit Wattebäuschen an den Händen sanieren." Stattdessen verrät er Details zu seinen Schlafgewohnheiten – er schläft gut und viel - und dass er mit seiner Größe von 1,70 sehr zufrieden ist: "Astronautenmaß".

Mehdorns Welt: Es gibt Freunde und Gegner der Bahn

Der typische Mehdorn kommt zum Vorschein, als es um seine aktuelle Arbeit geht. Ein Manager, der die Welt einteilt "in Freunde und Gegner der Bahn", wie Müller-Vogg schlussfolgert. Der hitzig seine Ansichten als die einzig vernünftigen verkauft, Kritik auch dann noch beleidigt als Nonsens abtut, wenn sie von Gutachten des Bundesrechnungshofs gestützt wird. Jetzt bohrt Müller-Vogg nach. So werden die Dialoge zu spannenden Wortgefechten. Es geht um den Zustand von Schienen und Bahnhöfen, die Preispolitik der Bahn, den Kampf um den Berliner Hauptbahnhof. Und natürlich um den Börsengang.

Hartmut Mehdorn, "Diplomat wollte ich nie werden", ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg

Hartmut Mehdorn, "Diplomat wollte ich nie werden", ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg

Verkommen die Gleise, wenn der Betreiber renditehungrige Aktionäre im Nacken hat? Muss man das Schienennetz deshalb zuerst aus dem Konzern herauslösen? Kann die Bahn die Schienen nicht besser bewirtschaften, weil nur sie die technische Kompetenz hat? Oder wird sie die Hoheit über das Netz zwangsläufig nutzen, um der Konkurrenz zu schaden? Das Hin und Her ist im Grunde eine pointierte Zusammenfassung der aktuellen Diskussion zu dem Thema. Dank Mehdorns Hang zur bildreichen Sprache wirkt sie sehr lebhaft: "Mutter und Baby müssen sich trennen. Der Börsengang ist der Schnitt in die Nabelschnur."

Ein zentraler Punkt bleibt freilich unerwähnt: Nach der aktuellen Gesetzesvorlage soll die Bahn das Netz vorerst bewirtschaften und in die eigene Bilanz einstellen, der Staat kann die Gleise aber nach 15 Jahren zurückfordern. Allerdings muss er dann den Gegenwert bezahlen: derzeit rund 7,5 Milliarden Euro. War das zu kompliziert, oder fand das Gespräch statt, bevor dieser absurde Deal öffentlich diskutiert wurde? Wie auch immer – Mehdorns Ansichten sind zumindest lesenswert. Schon weil sich zeigt, wie vielschichtig das Problem Bahn-Privatisierung ist.

Auch Mehdorns Gedankenspiele zur Zukunft des Konzerns sind spannend. Ein "Mobilitätschip" im Geldbeutel soll irgendwann das Bahnticket ersetzen: Die Fahrten würden automatisch registriert und am Monatsende abgerechnet. Das geplante europäische Navigationssystem "Galileo" wird, so hofft er, im Personenverkehr die Organisation und Abstimmung bei Verspätungen erheblich erleichtern. Und der Kunde könnte minutengenau aktualisierte Reisepläne per Handy abrufen.

"Es wird zwei oder drei europaweite Gesellschaften geben"

In Mehdorns Gedankenwelt verdoppelt sich der Umsatz der Bahn in den nächsten 20 Jahren auf etwa 60 Milliarden Euro jährlich, auch wenn der Wettbewerb immer härter wird und der Markt sich konsolidiert, "Es wird zwei oder drei große europaweite Gesellschaften geben", sagt Mehdorn. Dass die Bahn eine davon ist, steht für ihn fest.

Man lernt den Manager bei solchen Themen besser kennen, als wenn er über seine Kindheit plaudert. Eine seiner hervorstechendsten Eigenschaft ist wohl, dass er in Superlativen denkt und mit seinen Meinungen selten hinterm Berg hält. Beim Thema Energiesparen etwa erklärt er unverblümt, der Atomausstieg sei sicher keine endgültige Sache. "Wer die CO2-Ziele von Kyoto einhalten will, der braucht Atomenergie zumindest für einen längeren Übergang." Er könne sich durchaus auch eine Beteiligung der Bahn beim Bau neuer Kernkraftwerke vorstellen.

Dass er damit provoziert, dürfte dem Bahnchef ziemlich egal sein. Nicht umsonst lautet der Titel des Buchs: "Diplomat wollte ich nie werden".


Hartmut Mehdorn, "Diplomat wollte ich nie werden", ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg, Hoffmann und Campe, 17,95 Euro, ab Montag im Handel



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