Bahnpreise Der teure Kotau des Hartmut Mehdorn

Nach der Kritik an dem neuen Tarifsystem führt Bahnchef Hartmut Mehdorn wieder die altbewährte 50-Prozent- Rabatt-Bahncard ein. Der Preis dafür ist hoch, denn der betriebswirtschaftlich notwendige Umbau des Tarifsystems wird damit praktisch unmöglich.

Von




"Wir haben verstanden": Bahnchef Mehdorn bei der Ankündigung der neuen Bahncard 50
AP

"Wir haben verstanden": Bahnchef Mehdorn bei der Ankündigung der neuen Bahncard 50

Berlin - An Aufwand für die Öffentlichkeitsarbeit wurde nicht gespart. Schließlich galt es, einen bedingungslosen Rückzug zu begründen. Wenigstens das gelang. Bereits einige Stunden, bevor Bahnchef Hartmut Mehdorn vor die Presse trat, hatten Reisebüros und Großkunden umfangreiches Info-Material über die Veränderungen in ihrer Post. Weil aber das neue Tarifsystem bis zuletzt auch innerhalb der Führungsgremien heftig umstritten war, lagen die Broschüren bis vor wenigen Tagen unvollständig und in mehreren Versionen in den Druckereien. "Da wurde diskutiert bis zum Schluss", so ein Sprecher der Bahn.

Der Grund für die heftige Gegenwehr innerhalb des Konzerns: Die Controller wissen nicht, wie sie das Bonbon für die Kunden in Form der neuen Bahncard 50 finanzieren sollen. Denn mit der pauschalen Rabattkarte verliert das Unternehmen jedes marktwirtschaftliche Steuerinstrument. "Es macht keinen Sinn, den Reisenden in übervollen Zügen am Wochenende hohe Rabatte zu gewähren", räumt Mehdorn ein. Sinnvoller wäre es, für die ausgelasteten Züge den vollen Preis zu nehmen, um damit zusätzliche Mittel in die Kasse zu bekommen, die dann für die Subventionierung der Züge mit weniger Fahrgästen genutzt werden könnten.

Mehdorn verwies dabei auf die europäischen Nachbarn, an deren Regelungen man sich bei der Konzeption des neuen Preissystems orientiert habe. Dort funktionierten die Bahnpreise nach dem Prinzip: Zu Stoßzeiten teurere Tickets, damit die Kunden auf weniger ausgelastete Züge ausweichen. Eine solche Steuerung habe man mit dem neuen System auch erreichen wollen. Aber: "Dies haben unsere Kunden nicht akzeptiert, danach richten wir uns."

Künftig 50 Prozent Rabatt trotz voller Auslastung: ICE-Freitagszüge
DPA

Künftig 50 Prozent Rabatt trotz voller Auslastung: ICE-Freitagszüge

Den Bedenkenträgern im eigenen Haus bleibt nur der wehmütige Rückblick und der Ärger über eine verspielte Chance. Denn hätte Mehdorn gleich mit der Einführung des neuen Preissystems die Bahncard 50 an Bedingungen geknüpft - etwa den Ausschluss für die Züge mit der stärksten Auslastung -, wäre er vermutlich damit durchgekommen.

Doch so musste die Bahn auf der Bilanzpressekonferenz Ende Mai erstmals drastische Umsatzeinbußen bekannt geben. Allein im ersten Quartal waren rund 13,5 Prozent weniger Kunden im Fernverkehr zu verkraften. In den ersten fünf Monaten des Jahres lag der Umsatz in dieser Sparte Unternehmenskreisen zufolge mit 1,02 Milliarden Euro um rund 262 Millionen Euro unter Plan. Der Betriebsverlust betrug 231 Millionen Euro. Kalkuliert war lediglich ein Minus von 28 Millionen Euro. Mehdorn rettete seinen Posten damals nur, weil er zwei seiner höchsten Manager feuerte. Und er versprach, das Preissystem erneut zu überarbeiten.

Jetzt also der Rückzug, oder besser: die bedingungslose Kapitulation. Künftig werden drei unterschiedliche Bahncards existieren, die für jeden Zug je nach Kartentyp Rabatt gewähren. Kunden, die flexibel reisen wollen, können sich die Bahncard 25 für 50 Euro in der zweiten Klasse kaufen und erhalten wie bisher 25 Prozent Rabatt. Dazu kommt die wieder eingeführte Bahncard 50, mit der man nur noch den halben Preis bei voller Flexibilität zahlen muss. Sie soll in der ersten Klasse 400 Euro und in der zweiten Klasse 200 Euro kosten. Dazu kommt die so genannte Bahncard 100, hinter deren Namen sich die alte Netzkarte verbirgt. Sie soll billiger werden und nur noch 5000 beziehungsweise 3000 Euro kosten.

Rückkehr ohne Bedingungen: Bahncard 50
DPA

Rückkehr ohne Bedingungen: Bahncard 50

Wer zusätzlich Frühbucherrabatte nutzen will, muss auch die weiterhin verfügbare Bahncard 25 zurückgreifen. Hier soll es künftig allerdings nur noch zwei Stufen mit 25 und 50 Prozent Rabatt geben. Die Tickets für beide Sparpreise müssen einheitlich nur noch drei Tage vor der Fahrt gekauft werden. Bislang gab es - je nach Buchungstag vor der gewünschten Abfahrt - 10, 25 oder 40 Prozent Ermäßigung.

Die neuen Preise sollen schon ab dem 1. August in Kraft treten. Für die Inhaber der bisher neuen Bahncard 25 wird es eine Übergangsphase bis Ende September 2004 geben, in der sie die Bahncard mit Rabatten kombinieren können, wenn sie sie nicht gegen die neue Bahncard 50 umtauschen wollen. Denn die Bahn will sich kulant zeigen - und ja keinen neuen Ärger mit den Kunden bekommen. Auch wenn es ökonomisch nicht sinnvoll ist. Mehdorns neues Motto heißt deshalb: "Wir kreieren hier keine Verlierer."

Als Niederlage will Mehdorn den spektakulären Rückzug denn auch keinesfalls verstanden wissen. Die Bahn habe ihre Kunden noch nie im Stich gelassen, sagt er. Und: Man habe die Kritik der Kunden verstanden und wolle jetzt in die Zukunft schauen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.