Bahnstreik 1992 Sturm auf Fahrradläden, verstopfte Toiletten

15 Jahre liegt der letzte große Streik der Bahn zurück. Zusammen mit Angestellten des öffentlichen Dienstes meuterten damals die Eisenbahner gegen zu niedrige Löhne. Die Bilanz von elf Tagen: Verkehrschaos in den Großstädten, ein Boom der Fahrradindustrie, verdreckte Züge.

Berlin - Das will der Mann hinter dem Schalter der Deutschen Bundesbahn nicht länger hinnehmen: Er und seine Kollegen bekämen zu wenig Lohn, dafür, dass sie schließlich "hochqualifiziert seien, an Computerbildschirmen arbeiten und blitzschnell passende Zugverbindungen" raussuchen. "Dafür bekommen wir weniger als die Schreibtischhengste im Innendienst", so schimpfte ein Bahnangestellter in der "taz".

Es ist der 27. April 1992 und in der Bundesrepublik beginnt der erste flächendeckende Arbeitskampf seit 18 Jahren. Niemand weiß, wie lange - die Positionen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern liegen meilenweit auseinander: 9,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern die ÖTV, die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG), die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschland (GdED) und die Gewerkschaft der Lokführer (GdL), die Arbeitgeber bieten 4,8 Prozent. Es geht, so schreibt der SPIEGEL, durchschnittlich um 20 bis 30 Mark mehr im Monat für jeden Angestellten. GdL und GdED kämpfen auch um die Angleichung der Tarifverhältnisse zwischen den Beschäftigten der Deutschen Reichsbahn der ehemaligen DDR und der Deutschen Bundesbahn.

Elf Tage lang dauert der Streik. Etwa 400.000 Bedienstete des öffentlichen Dienstes, Post- und Bahnangestellte legen die Arbeit nieder. Der Zeitpunkt damals ist schlecht gewählt - Geld ist weniger da als in den Jahrzehnten zuvor. Und Deutschland hat seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr einen derartigen Arbeitskampf erlebt. Nun, kurz nach der Wiedervereinigung, sind die öffentlichen Kassen belastet wie nie. Elf Tage Verkehrschaos, stillstehende Züge im Nah- und Fernverkehr.

Der ICE steht still

Mit einer "Taktik der Nadelstiche" habe man damals die Forderungen durchsetzen wollen, heißt es bei der Bahn. Vollständig lahmgelegt werden sollte der Zugverkehr nicht. Die Bilanz ist trotzdem eindrucksvoll: 3200 Personenzüge fallen aus, 390 Güterzüge, 25.000 Mitarbeiter der Bundesbahn - Zugbegleiter, Wartungs- und Stellwerkpersonal - gehen nach Angaben der Bahn in den Ausstand. Das ist rund ein Viertel der nicht-verbeamteten Bahnmitarbeiter.

Begonnen hat der Streik der Eisenbahner mit der Arbeitsniederlegung der 750 Beschäftigten im Hamburger ICE-Betriebswerk Ende April. Wartungsarbeiten fallen aus, nach einer Woche sind nur noch sieben von insgesamt 57 ICE einsatzfähig. Die Züge müssen aus Sicherheitsgründen etwa alle 2500 Kilometer zur Wartung. Bilder von dem neuen deutschen Prestigeobjekt - seit einem Jahr im Einsatz - gehen um die Welt: Der ICE steht still.

Ähnlich auch die Ausfallquote der Intercityzüge: Nur die Hälfte von ihnen kann eingesetzt werden. Man solle möglichst auf Toilette gehen, bevor man in den Zug steigt, warnt die Direktion der Bundesbahn damals die Reisenden - das Personal leere die Toiletten in den Zügen nicht mehr.

174 Kilometer Stau im Berufsverkehr

Schwerpunkte der Bahn-Bestreikung: der Fernverkehr und die S-Bahnen, hauptsächlich im Ruhrgebiet. Nach einer Woche droht die vollständige Einstellung des ICE-Verkehrs. Dort - im Raum Köln/Düsseldorf - herrscht bereits in der ersten Streikwoche ein Verkehrschaos. 174 Kilometer Stau im Berufsverkehr an einem Morgen insgesamt. Allein in Nordrhein-Westfalen warten an einem Dienstag Ende April drei Millionen Menschen vergeblich auf ihren Nahverkehr. Die Reisenden seien solidarisch mit den Streikenden, schreiben Zeitungen in der ersten Woche - aber da fahren ja auch viele Züge noch.

Auf den Straßen werden Busspuren außer Kraft gesetzt, damit auch Pkw sie nutzen können. In Berlin versuchen die Menschen per Anhalter an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Fast die Hälfte aller Berliner Schüler erscheint am ersten Streiktag nicht zum Unterricht.

Im Ausland betrachtet man den Streik mit Häme - und mit heimlicher Bewunderung für die Wehrhaftigkeit der deutschen Arbeitnehmer. Wenn die Deutschen streiken, dann tun sie das so gründlich wie alles, schrieb die engliche Boulevardzeitung "Sun". Ein italienischer Kommentator befindet damals in der "taz" sogar, dass die Deutschen "die besseren Italiener" seien, weil sie einen langatmigen Streik auf die Beine bekämen - während die Linke in Italien scheinbar eingeschlafen sei. Die Italiener konnten es kaum glauben, dass aus Deutschland auf einmal verspätete Züge eintrudelten und die Deutschen auf ihren immer pünktlichen ICE warten müssten.

Nach elf Tagen geht der Streik zu Ende - der Zugbetrieb rollt mit Verzögerungen wieder an. Am Ende der anderthalb Wochen stehen 5,4 Prozent Lohnerhöhung und mehr Urlaubsgeld für die Bahnbeschäftigten. Und hundert Millionen Deutsche Mark Verlust bei der Bundesbahn.

Eine andere Branche konnte sich im Frühjahr 1992 hingegen freuen: In Berlin konnten Fahrradläden den Ansturm der Kunden kaum bewältigen. Um 20 Prozent sei der Radumsatz in den zwei Wochen etwa gestiegen, schätzte ein Händler damals.

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