Bahnverkehr Behörde plant Massenkontrolle bei Güterwaggons

Im Güterverkehr auf der Schiene droht bundesweit Ungemach. Das Eisenbahnbundesamt plant eine gigantische Kontrolle und will die Achsen von mehr als 100.000 Güterwagen auf Risse prüfen. Kritiker befürchten den totalen Stillstand.


Berlin - Der Verband der privaten Güterbahnen warnt vor der völligen Lahmlegung des deutschen Güterverkehrs, sollte das Eisenbahnbundesamt seinen Plan umsetzen. Die Behörde beabsichtigt, sämtliche Achsen von mehr als 100.000 Güterwagen, die über deutsche Schienen rollen, auf Risse oder Brüche zu prüfen. Massenweise Waggons würden zumindest vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Damit droht dem ohnehin von der Wirtschaftskrise schwer getroffenen Güterbahnen ein weiterer Rückschlag.

Güterzug in Maschen bei Hamburg: Das Eisenbahnbundesamt will 100.000 Wagen auf ihre Sicherheit kontrollieren
AP

Güterzug in Maschen bei Hamburg: Das Eisenbahnbundesamt will 100.000 Wagen auf ihre Sicherheit kontrollieren

Nach einem Kesselwagen-Unglück im italienischen Viareggio mit 22 Toten und weiteren Unfällen beabsichtigt das Eisenbahn-Bundesamt eine "Verfügung zur Gewährleistung der Sicherheit" zu erlassen, wie es am Donnerstag auf der Internet-Seite der Behörde hieß. "Sämtliche in Güterwagen eingesetzte Radsatzwellen sollen innerhalb einer die Sicherheit wahrenden Frist einer geeigneten zerstörungsfreien Prüfung zur Bestätigung der Rissfreiheit zugeführt werden." Darüber hinaus solle ein Intervall bestimmt werden, innerhalb dessen die Prüfung wiederholt werden müsse.

Berliner S-Bahn befährt Strecke nicht

Welche Folgen Massenkontrollen an Schienenfahrzeugen haben, bekommen derzeit S-Bahn-Fahrer in Berlin zu spüren. Wegen verkürzter Wartungsintervalle nach einem Radbruch mit entsprechenden Werkstattaufenthalten liegt derzeit ein großer Teil der Flotte still. Die Bahn-Tochter kündigte am Donnerstag an, vorübergehend den Betrieb auf der Innenstadtstrecke zwischen den Stationen Zoologischer Garten und Ostbahnhof einzustellen.

Zuvor hatte das Eisenbahnbundesamt seine Vorgaben noch einmal verschärft. Vorerst ist nur noch ein Drittel der Berliner S-Bahn einsatzfähig. Bahn-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg sagte, ab August werde sich die Lage aber bessern und ab Dezember könne die S-Bahn vermutlich wieder fahrplanmäßig fahren.

Auch ICE-Passagiere hatten in der Vergangenheit Ausfälle hinnehmen müssen. Nach einem Radbruch bei einem Hochgeschwindigkeitszug der Baureihe ICE 3 waren die Wartungsintervalle bei den Hochgeschwindigkeitszügen der DB verkürzt worden. Die Achsen sollen im großen Stil ausgetauscht werden. Nun drohen im Güterverkehr massive Behinderungen.

Güterbahnen sind entsetzt

Den Güterbahnen wurde vom Bundesamt bis Freitag eine Frist zur Stellungnahme gegeben. Ab wann im Güterverkehr möglicherweise Behinderungen drohen, war zunächst nicht bekannt. Eine Sprecherin der Sparten-Tochter der DB sagte, derzeit könne man noch nichts zur Reaktion sagen. Der Verband der privaten Güterbahnen äußerte sich entsetzt über die Ankündigung der Behörde, wenn sie sich nur auf Deutschland beziehen würde. "Eine deutsche Insellösung ist völlig inakzeptabel, da das die Eisenbahnen lahmlegen würde", sagte Arthur-Iren Martini vom Netzwerk Privatbahnen.

Das Verkehrsministerium erklärte, es solle nun so schnell wie möglich eine Abstimmung mit anderen europäischen Sicherheitsbehörden stattfinden. "Nur ein europäisch koordiniertes Vorgehen kann die Sicherheit des Güterverkehrs nachhaltig verbessern", sagte ein Sprecher. Auch das Eisenbahnbundesamt erklärte auf Anfrage, man wolle sich europäisch abstimmen.

Derzeit müssen Güterwagen in der Regel alle sechs Jahre untersucht, bei gutem Zustand darf dies laut Eisenbahn Bau und Betriebsordnung (EBO) auf maximal acht Jahre erweitert werden.

tko/Reuters



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