Bankaktien im Plus Abgerechnet wird zum Schluss

Dank positiver Vorgaben aus den USA steigt der Kurs deutscher Bankaktien seit Wochen. Die Vorfreude auf die Zahlen zum ersten Quartal ist groß. Doch Analysten teilen die Euphorie nicht, sie befürchten: Für so manches Institut geht das Zittern erst richtig los.

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Hamburg - Eines gilt als sicher: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wird am kommenden Dienstag die Rückkehr seines Instituts in die Gewinnzone verkünden. Daran zweifelt kein Analyst. Allerdings wird der deutsche Branchenprimus beim Nettoergebnis schon deutlich über den Schätzungen von etwa 700 Millionen Euro liegen müssen, will er die Experten und Märkte noch beeindrucken. Denn Vorschusslorbeeren für das erste Quartal hat die Börse der Deutschen Bank Chart zeigen bereits über Gebühr gewährt.

Die Skyline von Frankfurt: Milliardengewinne der US-Banken gehen vor allem auf Bilanzierungserleichterungen zurück
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Die Skyline von Frankfurt: Milliardengewinne der US-Banken gehen vor allem auf Bilanzierungserleichterungen zurück

Getrieben von dem enormen Gewinnanstieg der US-Banken im ersten Quartal hat sich der Wert ihrer Aktie wie auch der anderer deutscher Banken seit März nahezu verdoppelt - trotz einiger Rücksetzer in dieser Woche.

Und noch etwas gilt als sicher: Die märchenhafte Gewinnvermehrung der US-Banken, die vor Monaten noch dem Untergang geweiht waren, kann keine Blaupause für die anstehende Berichtssaison der Banken in Deutschland und Europa sein. Denn unabhängige Analysten führen den Großteil der Milliardengewinne jenseits des Atlantiks vor allem auf die enormen Bilanzierungserleichterungen zurück, mit denen die Institute - ganz legal - ihr Zahlenwerk schön gerechnet haben. "Da war mehr Schein als Sein, man darf die Ergebnisse nicht für bare Münze nehmen", sagt Konrad Becker von Merck Finck.

Dickes Fragezeichen

Dabei ist es nicht so, dass die Institute auf dem alten Kontinent keine Erleichterungen genossen hätten. Alle deutschen Großbanken haben im vergangenen Jahr illiquide Vermögenswerte in Milliardenhöhe zu historischen Anschaffungspreisen bilanziert - mit dem positiven Effekt, dass Abschreibungen auf diese Papiere entweder ausblieben oder deutlich geringer ausfielen. Die Deutsche Bank zum Beispiel erzielte durch diese Praxis im Jahr 2008 einen positiven Effekt auf das Vorsteuerergebnis von 3,3 Milliarden Euro. Allerdings gehen die jüngsten Erleichterungen in den USA weit über die Bilanzierungsspielräume europäischer Institute hinaus.

Grafik zur Dax-Entwicklung
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Hinter dem Tempo des Kursanstiegs deutscher Bankenwerte, der seinen Ursprung ja ganz entscheidend jenseits des Atlantiks hat, ist also ein dickes Fragezeichen zu setzen. Kaufempfehlungen für deutsche Bankenwerte sind derzeit ohnehin Mangelware. Und so mancher Analyst zog zuletzt auch bei der Deutschen Bank die Reißleine. Olaf Kayser von der LBBW zum Beispiel stufte die heißgelaufenen Titel noch zu Wochenbeginn kurzerhand auf "Verkaufen".

Zwar bezweifelt kaum ein Branchenkenner, dass sich die Erlössituation der Banken im dem erfahrungsgemäß starken ersten Quartal verbessert haben wird. Ähnlich wie bei den US-Konkurrenten soll auch bei der Deutschen Bank der Handel mit Devisen, Renten und Rohstoffen gut gelaufen sein, berichtet der "Platow Brief". Doch das Geschäft gilt eben als anfällig, die Erlöse lassen sich keineswegs auf kommende Quartale fortschreiben.

Das dicke Ende kommt noch

Aus seiner Skepsis gegenüber der Nachhaltigkeit zu erwartender Gewinne und der Kursrallye macht Kayser daher keinen Hehl: "Der Markt übertreibt nach oben. Wir stehen mitten in einer schweren Rezession. Und deren Auswirkungen in Form von faulen Krediten haben sich in den deutschen Bankbilanzen noch gar nicht richtig niedergeschlagen." Den Höhepunkt der Risikovorsorge deutscher Institute erwartet der Analyst erst 2010. Die meisten Banken hätten das dicke Ende noch vor sich.

Auch Becker bleibt vorsichtig: "Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist noch längst nicht beendet." Es sei leichtfertig aus den Erstquartalsberichten die These abzuleiten, die deutschen Banken hätten den Wendepunkt erreicht, und jetzt ginge es mit den Gewinnen nur noch bergauf.

Sicher, die sich jetzt abzeichnende Lösung einer dezentralen Bad Bank in Deutschland wird die Bilanzen jener Institute entlasten, die dort ihre unverkäuflichen Wertpapiere abladen. Doch werden in den ausgelagerten Zweckgesellschaften vermutlich nur strukturierte Wertpapiere Einlass finden und keine herkömmlichen faulen Kredite aus Geschäften mit Firmen- und Privatkunden.

Für die in ihrer Höhe noch unbekannten Garantien, die der Staat für den Giftmüll abgibt, haben die Banken eine Gebühr zu entrichten. Darüber hinaus müssen sie für die Zeit der Garantie jährlich Rückstellungen in ihrer Bilanz bilden, die sich aus der Differenz von Buchwert und vermutetem Marktwert der toxischen Papiere errechnet. Rückstellungen und Gebühren werden also weiter Bilanz und Gewinnentwicklung der verbliebenen Good Bank belasten. Vermutlich werden sich ohnehin nur wenige Geschäftsbanken an so einer Lösung beteiligen: Die Deutsche Bank braucht sie angeblich nicht, die Postbank Chart zeigen zaudert noch, während die ohnehin teilverstaatlichte Commerzbank Chart zeigen die Bad Bank nach einhelliger Meinung bitter nötig hat.

Experten wie der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, gehen ohnehin davon aus, dass sich spätestens im Sommer dieses Jahres der Fokus verschieben wird. "Der zyklische Abschreibungsbedarf auf Kredite wird dann die Abschreibungen auf toxische Aktiva ablösen", schreibt der Experte. Dabei macht allein der Blick auf das Volumen der ausstehenden Forderungen den Unterschied zwischen den einzelnen Banken deutlich.

Qualität der Kreditportfolios zweifelhaft

Mit 533 Milliarden Euro wies die Commerzbank laut Geschäftsbericht Ende vergangenen Jahres nahezu ein doppelt so hohes Kreditvolumen aus wie der Branchenprimus Deutsche Bank mit 271 Milliarden Euro. Dabei sind die Schulden der von der Commerzbank jetzt übernommenen Dresdner Bank noch nicht einmal eingerechnet.

Die Postbank wiederum bilanzierte Ende 2008 ein Kreditvolumen von rund 125 Milliarden Euro, wobei der Löwenanteil der Kredite von rund 100 Milliarden Euro ganz überwiegend auf Privatkunden entfällt. Letzteres veranlasste Postbank-Chef Wolfgang Klein am Mittwoch zu der Aussage, seinem Institut drohten in der Rezession dank der Kundenstruktur geringere Kreditausfälle als den Wettbewerbern. Diese Einschätzung kann man teilen - muss es aber nicht.

Denn niemand kennt die tatsächliche Qualität der Kreditportfolios. Sollte nur ein geringer Prozentsatz der Forderungen infolge steigender Privat- und Firmeninsolvenzen ausfallen, was Beobachter angesichts der schwierigen Wirtschaftslage für sehr wahrscheinlich halten, liegen die unterschiedlichen Belastungen und Gefahren für die einzelnen Institute auf der Hand.

Nicht von ungefähr machen sich Analysten daher um die Commerzbank auch die größten Sorgen. Dabei dürften jene 27 Milliarden Euro an Krediten, die die Bank in der Region Osteuropa vergeben hat und wo die Wiener Raiffeisen International Chart zeigen als größter Kreditgeber der Region zuletzt vor massiven Ausfällen gewarnt hat, noch das kleinere Problem darstellen. "Ob nun Schiffs-, Gewerbeimmobilien- oder Mittelstandsfinanzierung - die Coba hat aus heutiger Sicht in jeden erdenklichen Fettnapf ihren Fuß gesetzt, von den Belastungen durch die Übernahme der Dresdner Bank ganz zu schweigen", sagt ein anderer Analyst.

Vieles spricht daher für die These, dass die Deutsche Bank als letzte deutsche Universalbank wahrscheinlich besser und schneller aus der Krise kommt als die klassischen Kreditbanken. "Dort geht das Zittern jetzt erst richtig los", sagt ein Branchenkenner. Das ist gut möglich - aber endgültig abgerechnet wird bekanntlich zum Jahresschluss und nicht nach dem ersten Quartal.



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