Bankdatendieb Heinrich Kieber Meister der Manipulation

In seiner Heimat ist er verhasst, doch sonst genießt er einen durchaus guten Ruf: Heinrich Kieber hat mit seinem Datendiebstahl die Liechtensteiner Steueroase trockengelegt und Hunderte Hinterzieher entlarvt. Doch eine Biografie zeigt nun, warum der Ex-Bankangestellte nicht zum Helden taugt.

autoren.tv

Von


Hamburg - Der Multimillionär scheint ein recht geiziger Mann zu sein: Als Heinrich Kieber, der für einen der größten Steuerskandale der Geschichte gesorgt hat, in Australien einmal eine Bekannte zum Essen trifft, kann er die Rechnung nicht zahlen. Gerade einmal zehn Dollar habe er dabei gehabt, erinnern sich Freunde. Zu wenig, um Sandwichs und Getränke im Fast-Food-Restaurant zu begleichen. Das Resultat: Die Umworbene musste einen Teil des Essens selbst zahlen.

Die Anekdote steht in dem neuen Buch des Journalisten Sigvard Wohlwend - "Der Datendieb. Wie Heinrich Kieber den größten Steuerskandal aller Zeiten auslöste". Es erscheint am Mittwoch, dreieinhalb Jahre, nachdem Kieber Finanzbehörden auf der ganzen Welt einen Einblick in die Steueroase Liechtenstein gewährte - und so für die Überführung Hunderter Steuersünder sorgte. Der Ex-Angestellte der LGT Treuhand hatte Kundendaten kopiert und an Geheimdienste in Deutschland, Australien und den USA verkauft. Prominentestes Opfer in der Bundesrepublik war Klaus Zumwinkel. Der Ex-Post-Chef musste aufgrund der Kieber-Daten eine Million Euro Strafe zahlen und wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Kieber dagegen erhielt von den deutschen Behörden vier Millionen Euro, aus Amerika dürfte es noch deutlich mehr sein. Auch beim Untertauchen halfen ihm Geheimdienstmitarbeiter, immerhin gilt Kieber in seiner Heimat Liechtenstein seit dem Verrat als Staatsfeind Nummer eins. In Deutschland genießt er dagegen einen guten Ruf - immerhin sorgte er dafür, die Steueroase im Fürstentum trockenzulegen.

Doch wie Wohlwend mit seiner Biografie nun zeigt, taugt Kieber kaum zum Steuerhelden. Der Liechtensteiner Journalist, der bereits einen Dokumentarfilm über den Datendieb gedreht hat, recherchierte drei Jahre, wertete Gerichtsunterlagen aus und sprach mit mehr als hundert Vertrauten Kiebers. Das Ergebnis: Wohlwend beschreibt den 46-Jährigen als Meister der Manipulation und als Hochstapler, der stets egoistische Motive verfolgt. So habe das Geld beim Datendeal sicher eine Rolle gespielt, schreibt Wohlwend, "wirklich scharf jedoch ist er auf Australien". Sein Ziel sei es stets gewesen, in das Land seiner Träume zurückzukehren.

Und dafür braucht Kieber die Hilfe der Behörden. Denn auf normalem Wege bleibt ihm die Einreise nach Australien verwehrt. Hintergrund ist ein Versicherungsbetrug aus den neunziger Jahren. Es ist nicht die einzige Straftat, die Kieber laut Wohlwend begangen hat. Gleich zweimal kaufte er demnach mit ungedeckten Schecks Immobilien und verkaufte diese weiter, bevor seine Geschäftspartner den Betrug feststellen konnten.

Bereits als Kind stahl er kleine Geldbeträge

Kiebers Biograf schildert die Betrügereien in allen Einzelheiten. Das ermüdet ein wenig, auch das Auftauchen immer neuer Protagonisten hemmt den Lesefluss. Dennoch überwiegt das Positive: Wohlwend liefert ein spannendes Psychogramm des manischen Datendiebs. Anschaulich beschreibt er die intellektuellen Fähigkeiten des Schnelldenkers Kieber, ebenso wie dessen charakterliche Mängel.

Das Buch habe auch sein eigenes Bild von Kieber verändert, sagt Wohlwend. "Als ich mit den Recherchen begann, hielt ich ihn für einen großen Strategen, der alles im großen Stil geplant hat. Heute weiß ich, dass er permanent Krisenmanagement betreibt - also seine kriminellen Aktionen stets auf frühere Fehltritte zurückgehen."

Kiebers Tante, die in seiner Jugend für ihn sorgte, beschreibt dieses Verhalten im Buch so: "Ich war stets wegen seiner Zuneigung zum leicht verdienten Geld besorgt." Bereits als Kind habe ihr Neffe kleine Beträge gestohlen, das habe sich immer mehr gesteigert, je erwachsener er wurde. Das Fazit der Tante: "Ich halte es für notwendig, dass er sich in die Hände eines Fachmannes für Psychiatrie begibt. Er braucht eilig eine gute Behandlung. Vielleicht ist es für eine Rehabilitation noch nicht zu spät."

Auch Reinhard Haller, Experte für Kriminalpsychologie, sieht bei Kieber eine tiefe Persönlichkeitsstörung. Auf der Basis von Wohlwends Recherchen diagnostiziert er eine "emotionale Instabilität". Kieber leide offenkundig an einer ständigen Antriebssteigerung und Unternehmungslust und sei zudem zu Selbstkritik nicht in der Lage. Eine solche Störung müsse nicht zwangsläufig zu kriminellem Verhalten führen, auch bei Geschäftsleuten, Politikern und Profisportlern sei sie festzustellen. Aber eben auch bei Kriminellen.

"Kieber braucht diesen Stress"

Wo Kieber sich derzeit aufhält, ist unbekannt. Eine Spur führt Wohlwends Darstellungen zufolge in die USA. Dort, in Washington, sitzt nicht nur sein Anwalt. Möglicherweise hat sich Heinrich Kieber im vergangenen Jahr selbst über einen längeren Zeitraum an der amerikanischen Ostküste aufgehalten. Er schreibt viele Briefe an alte Freunde in dieser Zeit, einmal trägt er als Absender eine Adresse in Virginia ein, 30 Meilen westlich der Hauptstadt: "8014 Sudley Road, Manassas VA 20109".

An der Adresse befindet sich ein Second-Hand-Laden der gemeinnützigen "Goodwill"-Organisation. Bedürftige können hier preisgünstig Kleidung, Möbel oder Spielzeug erstehen. Was hat das mit Kieber zu tun? Ein Hinweis könnte sich im Interview finden, das Kieber im vergangenen Jahr dem "Stern" gab: "Ich nutze die Gelegenheit und mache Freiwilligendienst", sagte der Datendieb. "Hier gibt es Menschen, die fahren alte Leute ins Spital oder zum Zahnarzttermin. Es gibt da viele Möglichkeiten."

Kieber, der "Goodwill"-Gönner? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch nur eine weitere Finte des Hochstaplers. In der Sudley Road jedenfalls erinnern sich die meist spanischsprachigen Mitarbeiter nicht an ihn. Auf Fotos erkennen sie den Mann mit dem schütteren Haar und der runden Brille nicht. Sie schütteln den Kopf. "Nein, nie gesehen", sagen sie.

Obwohl diese Spur ins Leere führt, ist Wohlwend überzeugt, dass der Datendieb schon bald wieder irgendwo auftaucht. "Kieber braucht diesen Stress, die Gefahr, entdeckt zu werden. Für ihn ist das alles ein großes Spiel."

Mitarbeit: Sebastian Fischer, Washington



insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wolffm 09.10.2011
1. Diebstahl ???
Beim unerlaubtem Zugriff auf Daten handelt es sich nicht um Diebstahl sofern die Daten weiterhin im Besitz zB der Bank bleiben, was im Fall LGT der Fall war. Juristisch ist Diebstahl eine Entwendung, die einem anderen den Besitz entzieht. Im diesem Fall wurde aber der Besitz der Daten sogar noch vermehrt und der sogenannte Eigentümer der Daten blieb im Besitz der Selben. Aus sicht der LGT kann es sich also allenfalls vertragsbruch zwischen Ihr und einem Angestellten handeln, was aber - in der EU - so schnell keinesfalls ins Strafrecht fällt, sondern allenfalls eine Zivilklage nach sich ziehen könnte. Noch einmal - "Industriespionage" - "geistiges Eigentum" könnte hier strafrechtlich bemüht werden. Auch der Tatbestand der "Geschäftsschädigung" nach Deutschem Recht fällt flach, da die Daten ja ausschliesslich dem Staat anvertraut wurden. Zumindest Medien innerhalb des EU-Raumes sollten mit dem Begriff "Diebstahl" diesbezüglich vorsichtig operieren.
NormanR, 09.10.2011
2. trotzdem finde ich diesen Herrn
noch wesentlich harmloser als die Top-Bankster, darunter auch Ackermann. Die richten viel mehr Schaden an!!
PeteLustig, 09.10.2011
3. Revision
Zitat von sysopIn seiner Heimat ist er verhasst, doch sonst genießt er einen durchaus guten Ruf: Heinrich Kieber hat mit seinem Datendiebstahl die Liechtensteiner Steueroase trockengelegt und Hunderte Hinterzieher entlarvt. Doch eine Biografie zeigt nun,*warum der Ex-Bankangestellte*nicht zum Helden taugt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,790529,00.html
Das war kein Betrug, er spekulierte auf Wertsteigerung der Immobilie. Das nennt sich "ungedeckter Leerverkauf" und war damals nicht strafbar ;)
Marginalius 09.10.2011
4. egfergre
Zitat von PeteLustigDas war kein Betrug, er spekulierte auf Wertsteigerung der Immobilie. Das nennt sich "ungedeckter Leerverkauf" und war damals nicht strafbar ;)
Hehe. Das hab ich auch grad gedacht. ;-) Viele Grüße
Achim 09.10.2011
5. Schön ausgedrückt
»... und sei zudem zu Selbstkritik nicht in der Lage. Eine solche Störung müsse nicht zwangsläufig zu kriminellem Verhalten führen, auch bei Geschäftsleuten, Politikern und Profisportlern sei sie festzustellen. Aber eben auch bei Kriminellen.« Gibt es da keine Schnittmengen, vor allem zwischen »Geschäftsleuten« und Kriminellen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.