Hermann-Josef Tenhagen

Geldanlage Die Mär von den Minuszinsen

Kein normaler Sparer muss in Deutschland Negativzinsen zahlen. Wenn eine Bank Ihr Geld nicht will, bringen Sie es einfach dorthin, wo es noch Rendite gibt.
Foto: Daniel Karmann/ DPA

Gut zwei Wochen ist es her, dass plötzlich halb Deutschland von drohenden Negativzinsen für Bankkunden redete. Anlass war die Volksbank in Fürstenfeldbruck, die neuerdings ab dem ersten Euro Negativzinsen auf Tages- und Festgeldkonten verlangt. Mittlerweile ist sie nicht mehr allein: Auch die Volksbank Westmünsterland am anderen Ende der Republik an der holländischen Grenze droht Neukunden nun mit Strafzinsen ab dem 1. Euro - offiziell sprechen beide von Verwahrentgelten.

Dabei geht es diesen Volksbanken erkennbar nicht um die Möglichkeit zusätzliches Geld von ihren Neukunden zu kassieren. Da wären hohe Dispozinsen und unerfreuliche hohe Kontoführungsgebühren deutlich vielversprechender.

Vielmehr geht es schlicht um eine Abwehrhaltung. Die Maßnahmen richten sich vor allem gegen Neukunden: Geht mit Eurem Geld woanders hin, kommt nicht zu uns. Denn wir wissen wirklich nicht, was wir damit machen sollen .

Das sollten die Kunden dann auch tun. Denn es gibt andere Möglichkeiten. Gerade erst hat der Versicherer Cosmosdirect bei Neukunden die Zinsen für die ersten 25.000 Euro für zunächst drei Monate auf 0,62 Prozent erhöht. Bestandskunden bekommen für die ersten 25.000 Euro derzeit immerhin 0,31 Prozent Zinsen. Cosmosdirect, eine Tochter der italienischen Generali Versicherung, gehört seit Jahren zu den zuverlässigen Zinszahlern für Kunden hierzulande, die vernünftige Summen auf einem Tagesgeldkonto parken wollen .

Wohin mit dem Geld?

Die Abwehrreaktion der Genossenschaftsbanker aus Fürstenfeldbruck, dem Westmünsterland und anderswo ist verständlich und ernüchternd zugleich. Verständlich, weil Genossenschaftsbanken und Sparkassen im Kundengeld schwimmen. Manche, wie die Raiffeisenbank Pfaffenhausen sind inzwischen sogar dazu übergegangen, als Bauträger selbst Dutzende Wohnungen zu bauen, zu vermieten und so das Geld ihrer Kunden anzulegen . Viele von ihnen haben aber keine wirkliche Idee mehr, was sie mit dem vielen Geld anstellen sollten. In einer solchen Situation will man nicht noch mehr Geld von neuen Kunden.

Genauso hat die Volksbank Fürstenfeldbruck ihren Schritt ja auch begründet. Die Abwehrkonditionen gegen Neukunden soll die Altkunden schützen, weil man schon mit deren Einlagen nicht recht weiß, wohin.

Die Abwehrreaktion ist aber auch ernüchternd. Denn eigentlich zeigen solche abschreckenden Bedingungen und das Raunen von Banklobbyisten, dass es manchen Kreditinstituten am liebsten wäre, wenn die Kunden ihr Geld ins Schließfach packten. Das kostet bei vielen Banken ab 50 Euro im Jahr, macht bei 25.000 Euro im Schließfach 0,2 Prozent Gebühr/Verwahrentgelt.

Wenn Volksbanken und Sparkassen jetzt die Europäische Zentralbank (EZB) und ihre Negativzinsen für die neuen eigenen Minuszinsen verantwortlich machen, ist das natürlich nicht richtig. Erstens, weil ja niemand Banken und Sparkassen zwingt, Kundengeld in größerem Umfang und kostenpflichtig bei der EZB zu lagern und dort Negativzinsen zu zahlen. Die Idee von Bank ist vielmehr: Banken sollen mit dem Geld ihrer Sparer wirtschaften, dem Klempner einen Kredit geben, dem Bauern den Trecker finanzieren und der jungen Familie eine günstige Baufinanzierung. Nur Pflichteinlagen gehören auf ein EZB-Konto - und die sind seit jeher frei von Negativzinsen.

Zweitens hat die EZB gerade in diesem Herbst die Kosten für die Einlagerung für die deutschen Kreditinstitut sogar gesenkt: Jede Bank hat jetzt einen höheren Freibetrag an Geld, den sie ohne Strafzinsen bei der EZB parken kann. Nur oberhalb dieses Freibetrags hat die EZB im September den Negativzins auf 0,5 Prozent im Jahr erhöht.

Es gibt noch Zinsen - man muss nur suchen

Das Ergebnis: Unter dem Strich werden die Banken deshalb 2020 bei der EZB für die gleiche Einlagerung geschätzt 500 Millionen Euro Negativzinsen weniger zahlen müssen. Kein Grund jedenfalls, von den eigenen Kunden jetzt mehr Geld zu verlangen als 2018 oder 2019.

Kommen wir aber zurück zum eigentlichen Problem: Banken sollen Investments befördern. Gerade in schwierigen Zeiten.

Das ist überhaupt der Sinn der negativen Zinsen der EZB: Sie will die Bankvorstände nicht noch dafür belohnen, wenn diese keine Idee für Investments haben. Diesen Kurs verfolgt die EZB konsequent weiter.

Im Sommer hatte der Branchendienst "Finanz-Szene" eine Liste veröffentlicht aus der hervorgeht, dass sich inzwischen auch 40 Sparkassenvorstände Einkommensmillionäre nennen dürften, 33 davon aus NRW . Eine schöne persönliche Rendite für gepflegtes Nichtstun.

Nun könnte man natürlich einwenden, dass auch die Bankkunden ja eine Rendite für Nichtstun erwarten. Aber hier muss man klar unterscheiden: Wer die zwei bis drei Monatseinkommen auf einem Tagesgeldkonto parkt, um flüssig zu sein, wenn das Auto und der Kühlschrank kaputt gehen und nie wieder in den unverschämt teuren Dispo zu müssen, der tut das zu Recht.

Auch wenn die typischen 0,01 Prozent Guthabenzinsen bei der Hausbank keine Freude machen, es geht ja vor allem um Absicherung: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not. Und natürlich um die Vermeidung von 10 Prozent Dispozinsen. Und wer dann noch wenigstens 0,3 Prozent kriegen will, der muss halt noch einmal vergleichen .

Wer jetzt schon weiß, dass er erst in einigen Jahren das Geld braucht, kann nach einem guten Festgeldkonto suchen. Bei Credit Agricole gibt es nach der jüngsten Zinssenkung immer noch 0,8 Prozent pro Jahr bei drei Jahren Laufzeit. Ebenfalls besser, als das Geld zinsfrei bei der Hausbank liegen zu lassen, und viel besser, als jedes Jahr auch noch 50 Euro Kosten für das Schließfach zu berappen .

Tatsächlich bieten manche Banken gar kein Festgeld mehr an: Die Skatbank aus Thüringen hat ihre Termin- und Tagesgelder aus dem Programm genommen. Die Sparkasse Bremen bietet online unter dem Punkt "Einmalig Geld anlegen" nur noch Aktien, Anleihen oder Gold. Die Sparkasse Essen nimmt Festgeld nur für zehn Jahre an, und das nur zu 0,1 Prozent.

Hingehen, wo es noch Zinsen und Rendite gibt

Wer so lange Zeit hat, könnte sein Geld auch investieren. Die Kunden tun dann nur das, was manche hochbezahlte Bankvorstände nicht mehr tun wollen. Die wollen nur noch hoch bezahlt sein und die kompliziertere Arbeit der Geldanlage als Bank nicht mehr übernehmen.

Aber das können Sie (anders als die Kreditvergabe an den Klempner) als Bankkunde auch selbst machen, und das zu überschaubaren Risiken: Zum Beispiel, indem Sie Geld in einen weltweit streuenden Aktienindexfonds stecken, der einen Index wie den MSCI gut nachbildet. Seit 1975 war dabei das Risiko, nach 15 Jahren einen Verlust zu haben, in jedem denkbaren 15-Jahres-Zeitraum praktisch gleich Null. Selbst als die Dotcom-Blase platzte und die große Finanzkrise zuschlug - in keinem der 15-Jahres-Zeiträume um eines dieser Ereignisse (oder sogar um beide) herum, gab es am Ende einen Verlust zu beklagen.

Das heißt nicht, dass dies notwendig so bleiben muss. Es hilft aber dabei, das Risiko einzuordnen.

Durchschnittlich lag die jährliche Rendite über 15 Jahre in den vergangenen Jahrzehnten bei sieben Prozent. Wenn man den besten Zeitraum erwischt hatte, waren sogar 13 Prozent drin .

Zum Autor
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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Fast schon das Beste: Wenn Sie Ihre Anlage mit sogenannten Indexfonds (ETF) machen, schlagen Sie den Banken ein Schnippchen, die Ihnen praktisch dasselbe nur als teuren Fonds mit satten Gebühren anbieten. Und davon gerade in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten mehr als gut lebten.

Statt zwei Prozent Fondsgebühren im Jahr, von denen häufig ein Prozentpunkt als Rückvergütung bei den Banken hängen blieb, kosten solche Indexfonds meist weniger als ein halbes Prozent Gebühren im Jahr.

Fazit: Wenn der Bankmanager mit Negativzinsen droht, meint er vor allem: Ihr Geld will ich nicht. Es ist angemessen und völlig in Ordnung, mit dem eigenen Geld dann woanders hinzugehen, wo es noch Zinsen und Rendite gibt.

Oder um mit den Bremer Stadtmusikanten zu sprechen: Etwas Besseres als den Negativzins findest du überall.