Bankenaufsicht CEBS Start-up der Stresstester

Niemand kennt sie, dabei koordiniert die CEBS von London aus die alles entscheidenden Stresstests für Europas Banken. SPIEGEL ONLINE hat die internationale Behörde besucht, die noch einem Start-up gleicht - und sich trotzdem zur mächtigen Europäischen Bankenaufsicht mausert.

CEBS-Sekretariat in London: Nichts soll vorab nach außen dringen
dpa

CEBS-Sekretariat in London: Nichts soll vorab nach außen dringen


Patrick Amis telefoniert. Durch die Glastür seines Büros signalisiert er: noch ein paar Minuten. Der 40-Jährige hat nicht viel Zeit, er steckt mitten im Endspurt des europaweiten Stresstest-Projekts. Seine Anrufliste ist lang, Notenbanker auf dem ganzen Kontinent warten auf Rückruf. Doch gestresst wirkt der freundliche Franzose nicht. "Belastungstests sind Teil der Arbeit von Aufsichtsbehörden", sagt er. "Neu ist nur, dass wir sie koordinieren und einzelne Ergebnisse veröffentlichen."

Amis ist Vizegeneralsekretär des Komitees der europäischen Bankenaufseher (CEBS) in London. Bei ihm und seinem Chef, dem Holländer Arnoud Vossen, laufen die Fäden der Großaktion zusammen. 91 Banken aus 20 EU-Ländern mussten die Formulare ausfüllen, Angaben zu wichtigen Kennziffern wie Kernkapital und Verschuldung machen. Nationale Aufsichtsbehörden wie die deutsche Bafin haben dann mit diesen Daten verschiedene Szenarien unter Härtebedingungen durchgespielt (siehe Kasten links). Die Resultate der Stresstests werden von dem Team in London aufbereitet und am Freitag ab 18 Uhr, also nach dem Börsenschluss in Europa, veröffentlicht.

Amis sitzt im 18. Stock eines verglasten Hochhauses mitten in der Londoner City. Aus seinem Büro hat er einen spektakulären Blick auf das Finanzzentrum Europas. Er ist einer von 25 Mitarbeitern des ständigen CEBS-Sekretariats. Normalerweise führt das kleine Büro ein Schattendasein, doch für einen Tag wird es nun im Rampenlicht stehen: Die ganze Wirtschaftswelt wartet auf die Zeugnisse für die europäischen Banken.

Stresstest ist eigentlich Routine

Die Operation läuft unter größter Geheimhaltung, selbst in der CEBS haben nur Wenige Zugang zu den Daten, die von den Mitgliedstaaten weitergeleitet wurden. Nichts darf vorab nach außen dringen, damit die Finanzmärkte nicht durcheinander geraten. Amis schweigt sich zu allen Details aus. Trotzdem konnte auch er nicht verhindern, dass in dieser Woche bereits erste Ergebnisse durchsickerten. So dürfte die deutsche Fast-Pleitebank HRE den Stresstest nicht ganz bestanden haben.

Beim Stresstest werden Szenarien durchgespielt, wie die Bilanz einer Bank sich in bestimmten Krisensituationen verändern würde - wenn etwa die Konjunktur einbricht oder die Kurse am Anleihenmarkt abstürzen. Sinkt die Kernkapitalquote der Bank dabei unter eine gewisse Prozentzahl (sechs Prozent gelten als magische Grenze), wird sie als Sicherheitsrisiko gewertet. Entsprechend muss das Institut sein Kapital aufstocken, um eine mögliche Krise zu überleben.

Solche "Was wäre wenn"-Denkspiele werden von Großbanken und nationalen Kontrolleuren routinemäßig durchgeführt. Bisher wurden die Ergebnisse aber immer nur intern analysiert. Die Vertrauenskrise an den Märkten, die im Frühsommer die Risikoaufschläge mehrerer europäischer Staatsanleihen in die Höhe trieb, veranlasste die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem letzten Gipfeltreffen, die Karten offenzulegen. Die Geste soll die Märkte beruhigen.

Kritik an den Stresstest-Methoden

Bislang ist jedoch eher das Gegenteil eingetreten, denn schon vor der Veröffentlichung gibt es Kritik an den Methoden der Stresstester. Die Kriterien seien viel zu harmlos, bemängeln Experten. Die Ergebnisse spiegelten daher nicht den tatsächlichen Gesundheitszustand der Banken. Die CEBS verteidigt ihre Kriterien, die sie zusammen mit der Europäischen Zentralbank, der EU-Kommission und den nationalen Behörden ausgearbeitet hat.

Das Team in dem Großraumbüro ist jung. Die CEBS ist keine eigenständige Behörde, die Mitarbeiter sind alle von nationalen Aufsichtsbehörden für zwei bis drei Jahre nach London ausgeliehen worden. Das Sekretariat hat ein kleines Jahresbudget von drei Millionen Pfund, expandiert aber. Als sie vor zwei Jahren anfing, erzählt die griechische Pressesprecherin Efstathia Bouli, hätten gerade einmal zwölf Personen hier gearbeitet. Jetzt sind es 25, bis Ende nächsten Jahres sollen es 40 sein. Kürzlich hat die CEBS die andere Hälfte der Büroetage hinzugemietet.

Die Finanzkrise hat die Erwartungen an die CEBS erhöht. Ursprünglich war der Ausschuss 2004 als reines Beratungsgremium für die EU-Kommission gegründet worden. Die Mitglieder sind hochrangige Vertreter aller nationalen Bankaufsichtsbehörden und Notenbanken. Sie treffen sich vier Mal im Jahr zum Meinungsaustausch, unter Vorsitz des italienischen Zentralbankers Giovanni Carosio. Ein kleinerer Führungszirkel, das "Bureau", trifft sich einmal im Monat. Das ständige Sekretariat arbeitet beiden Gremien zu.

Der Dialog zwischen den nationalen Aufsehern führt dazu, dass sich im Laufe der Jahre ein gewisser Konsens über die Bankenregulierung herausgebildet hat. "Es gibt immer noch Unterschiede bei den Aufsichtspraktiken in Europa", sagt Amis. "Aber seit 2004 haben wir es geschafft, dass sich die Standards zunehmend annähern."

Die CEBS wird zu einer richtigen EU-Behörde aufgewertet

Die Finanzkrise beschleunigt diese Harmonisierung noch. 2009 wurde die CEBS vom EU-Rat beauftragt, jedes Jahr einen europaweiten Banken-Stresstest durchzuführen. Ab 2011 wird sie zur neuen Europäischen Bankenaufsicht (EBA) aufgewertet, einer richtigen EU-Behörde mit eigenen Angestellten. Sie darf dann nicht mehr nur Empfehlungen aussprechen, sondern verbindliche Regeln aufstellen. "Es ist der Durchbruch für ein einheitliches EU-Regelwerk", sagt Amis.

Welche Durchgriffsrechte die EBA genau erhält, wird gerade zwischen Europaparlament, EU-Kommission und EU-Rat verhandelt. Noch sperren sich einflussreiche nationale Aufsichtsbehörden wie die deutsche BaFin oder die britische FSA gegen den Machtverlust.

Das Kräftemessen wird auf absehbare Zeit ungleich bleiben. Neben den nationalen Riesen nimmt sich die CEBS wie ein Start-up aus. Ende 2014 soll sie nach aktuellen Planungen 90 Mitarbeiter haben - gegenüber den 1800 der BaFin. Doch aus der europäischen Bankenkontrolle ist die Minibehörde im 18. Stock schon jetzt nicht mehr wegzudenken.

Amis wird die neue Phase nicht mehr in London erleben. Die Stresstests sind sein letztes großes Projekt. Er ist am Ende seiner zwei Jahre angelangt und kehrt bald zu seinem Arbeitgeber Banque de France nach Paris zurück. Nach den stürmischen Wochen dürfte ihm eine Ruhepause ganz recht sein.

insgesamt 253 Beiträge
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Seite 1
urban_grandier 16.07.2010
1. bravo!
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Also ich find's super, dass, im Zuge des Stresstests, jetzt auch die Großbanken vom 750-mrd-Fonds profitieren können. Sollte irgendein Staat bei der Stützung angeschlagener Finanzinstitute seine nationalen Fonds ausgereizt haben, könne er auf die finanzielle Rückendeckung der EU setzen, sagte Rehn am Montag. (http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE66500L20100706) Ist ja auch egal - ob man es nun erst umständlich den Griechen (oder so) gibt und die es dann den Banken geben ... kann man's den Banken auch einfach direkt überweisen, dann können die damit schneller wieder gegen die Griechen (oder sonstwen) wetten. Das nenn ich mal Synergieeffekte nutzen.
rolli 17.07.2010
2.
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Wann ist je die ganze Wahrheit im Zusammenhang mit Banken und Bankenkrise ans Licht gekommen? Haben die Banken überhaupt die richtigen Zahlen an die Tester übermittelt? Und wie kann eine Postbank, die nie im Investmentbanking tätig war plötzlich illiquide sein? Sicher hat die Deutsche Bank die Postbank als bad bank benutzt. Ein Stresstest, dessen Kriterien nicht öffentlich ist, sondern nur die Ergebnisse, ist wertlos, und möglicherweise schädlich. http://bazonline.ch/wirtschaft/konjunktur/Was-ist-Europas-BankenStresstest-wert-/story/17223174 rolli
sponfeind 17.07.2010
3.
Ach, das wird doch das selbe Spiel wie in den USA. Als ob die 'offiziellen Ergebnisse' nicht schon vor Beginn des Test feststehen. Am Ende steht natürlich das nächste Rettungspaket... Adieu stabile Währung.
atzigen 18.07.2010
4. Anlegerberuhigung
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Das ganze dient doch lediglich der Anlegerberuhigung. Das ganze dient vorrangig der Stressminderung bei den Verantwortlichen. Und was geschieht jetzt mit Banken die den Test nicht bestehen??? Natürlich nichts! Resp.Sie wird unauffällig mit Liquidität versorgt,sofern es nicht eine Hinterhofsparkasse ist und somit nicht Systemrelevant. Denn jede die den Test nicht besteht,währe sofort Pleite,oder ein Sanierungsfall. Wie schon in anderen Beiträgen dargelegt. Das System lebt von einer stetig wachsenden ÜBERLYQOIDITÄT. Wird diese reduziert bricht das System zusammen. Der eingeschlagene Spar-Lyqoiditätsenzug-Weg wird unfermeidlich zu schweren Verwerfungen an der Sozialfront führen. Fehler darf man fiele machen. Es gibt aber ein paar wenige fundamentale,die dürften niemals gemacht werden,denn die sind schwer,oder ab einem nicht genau definierbaren Punkt Irreparabel. Offen ist nur noch eine Frage,wie lange kann das System damit am Leben bleiben. Genisse die schönen Tage solange sie noch schön,sind den auf Sonnenschen volgen Gewitter und Regentage.
japan10 19.07.2010
5.
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Bei neuen Krisen wären die Banken fertig. Doch dies wird nicht geschehen, die Staaten werden soviel Geld drucken, bis es wieder reicht. Die Wahrheit will doch keiner hören, dann würde man, wie bei Honecker sagen: der letzte macht das Licht aus. Das Leben hat sich geändert und es wird wahrscheinlich noch schärfer. Wenn Mathematikfreaks die Macht übernehmen, dann kann es nicht gut ausgehen. Es ist einfach nur Schade, dass die Politik so in die Knie gegangen ist.
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