Bankenhilfe Großbritannien plant Versicherung gegen Giftpapiere

London sucht nach Wegen aus der sich verschärfenden Finanzkrise: Die britische Regierung denkt Presseberichten zufolge über eine Bankenversicherung gegen Ausfälle von faulen Wertpapieren nach. Auf diese Weise wollen die Verantwortlichen dem lahmenden Kreditmarkt auf die Sprünge helfen.

London/Hamburg/Washington - Großbritannien forciert die Hilfe für die Finanzbranche: Die Regierung in London will angeschlagene Großbanken besser gegen Ausfälle von faulen Krediten absichern. Die staatliche Versicherung soll als Sicherheitsnetz für das Finanzsystem dienen und das blockierte Kreditgeschäft wieder ankurbeln, berichtet die britische Zeitung "Guardian".

Proteste in London: Banken sollen Ramschpapiere offenlegen

Proteste in London: Banken sollen Ramschpapiere offenlegen

Foto: AFP

Die Regierungspläne sehen demnach vor, dass die Banken ihre faulen Kredite und Ramschpapiere offenlegen und sie gegen eine Gebühr vor Zahlungsausfällen und Verlusten absichern. Dies sei weniger kompliziert als die Schaffung einer staatlichen Bad Bank in der alle faulen Kredite gebündelt würden, hieß es unter Berufung auf Regierungskreise. Die Pläne sollen schon in den nächsten Tagen verkündet werden.

Das Volumen "toxischer Kredite" in den Büchern der Banken wird auf umgerechnet rund 220 Milliarden Euro geschätzt. Diese Lasten gelten als Grund dafür, dass die Banken nur noch zögerlich Kredite vergeben, wodurch Unternehmen das Geld ausgeht und ein weiterer Stellenabbau droht.

Die Pläne würden die Banken dazu zwingen, reinen Tisch zu machen und sämtliche noch geheimen Belastungen offenzulegen. Die Regierung hofft den Berichten zufolge, so wieder Vertrauen herstellen zu können, weil mit der Versicherung eine Grenze für die Verluste der Banken gezogen wird. Unklarheiten gebe es noch über die Bewertung der faulen Kredite und die Auswirkungen des Plans auf die internationale Bankenwelt.

Barclays geht in die Offensive

Im Oktober hatte die britische Regierung ein erstes großes Hilfspaket im Volumen von 500 Milliarden Pfund für die Banken aufgelegt. Neben Garantien für Leihgeschäfte und frischem Geld der Notenbank für den Finanzkreislauf konnten sich die Geldkonzerne im Tausch gegen Aktien auch mit direkten Finanzspritzen vom Steuerzahler versorgen. Bisher nahmen die Royal Bank of Scotland  , die Halifax Bank of Scotland und Lloyds TSB   davon insgesamt 37 Milliarden Pfund in Anspruch. Die beiden anderen Großbanken HSBC   und Barclays   verzichteten bislang auf direkte staatliche Finanzspritzen.

Wie groß die Verunsicherung an den britischen Finanzmärkten weiterhin ist, zeigt der Fall der Großbank Barclays. Mit einem ungewöhnlichen Schritt versuchte das Institut, verunsicherte Anleger zu beruhigen. Nach einem drastischen Kurseinbruch gewährte die Bank einen vorgezogenen Einblick in ihre Bilanzen und stufte ihren Gewinn vor Steuern für 2008 über den von Analysten vorhergesagten Wert von 5,3 Milliarden Pfund (5,8 Milliarden Euro) ein. Für den Einbruch der Papiere auf dem Londoner Börsenparkett gebe es keine Rechtfertigung, hieß es in der Stellungnahme des Bankenvorstands.

Deutschen Banken drohen Milliarden-Abschreibungen

Weltweit geraten Banken angesichts hoher Abschreibungen derzeit unter Druck. So drohen den Geldkonzernen in Deutschland weitere Verluste in Milliardenhöhe. Nach SPIEGEL-Informationen haben die Institute erst einen Bruchteil ihrer faulen Wertpapiere rund um amerikanische Hypothekendarlehen und Studentenkredite abgeschrieben.

Das ergab eine Umfrage von Bundesbank und Bankenaufsichtsbehörde BaFin unter 20 großen Kreditinstituten, die für das Bundesfinanzministerium erstellt wurde. Befragt wurden alle Großbanken und Landesbanken.

Danach besitzen diese Institute "toxische Wertpapiere" im Volumen von knapp unter 300 Milliarden Euro, von denen erst rund ein Viertel abgeschrieben wurde. Der Rest steht noch immer zu mittlerweile illusorischen Werten in den Büchern. Das Finanzministerium selbst geht davon aus, dass der gesamte deutsche Bankensektor Risikopapiere mit einer Summe von bis zu einer Billion Euro in den Büchern führt.

Gleichwohl lehnt die Bundesregierung wie ihr britisches Pendant die Gründung einer Bad Bank ab. Angesichts des hohen Abschreibungsbedarfs hält es Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) für unverantwortlich, dass der Staat die Papiere übernimmt. "Das würde im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich die Bundesschuld mehr als verdoppelt", rechtfertigt ein Mitarbeiter Steinbrücks die Ablehnung im Gespräch mit dem SPIEGEL. Derzeit hat der Bund Schulden von fast einer Billion Euro. Deutsche Bankenvertreter fordern schon seit längerem die Einrichtung einer Bad Bank. Ohne die Maßnahme könne der Kreditfluss nicht wieder in Gang kommen, argumentieren sie.

USA planen Bad Bank

Die US-Regierung dagegen erwägt offenbar die Einrichtung einer Bad Bank. Ziel sei es, die Geldkonzerne zu entlasten und das Finanzsystem zu stabilisieren, sagten mit den Überlegungen vertraute Personen am Samstag. Daneben gehe es dem künftigen Präsidenten Barack Obama und seiner Regierungsmannschaft darum, das grundsätzliche Problem der Krise aggressiv an der Wurzel zu bekämpfen: der Zusammenbruch am US-Immobilienmarkt und die damit verbundenen Milliardenausfälle im Geschäft mit verbrieften Hypothekenkrediten.

Zu den diskutierten Optionen gehörten demnach eine nationale Bad Bank, einzelne auf Problemanlagen spezialisierte Einrichtungen und die Schaffung mehrerer dieser sogenannten schlechten Banken innerhalb der privaten Großbanken sowie eine Kombination aus diesen drei Vorschlägen, hieß es in den Kreisen weiter. Ein führender Berater Obamas wollte sich nicht konkret dazu äußern. Allerdings werde die neue Regierung in den nächsten Tagen einiges zu einer neuen Initiative zu sagen haben, sagte David Axelrod der Nachrichtenagentur Reuters.

suc/AFP/Reuters/dpa