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Irak Bar auf die Hand

Über ein verzweigtes Finanzsystem schaffte Saddam Hussein viele Milliarden Dollar auf die Seite. Ein New Yorker Detektiv soll sie aufspüren.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Jules Kroll gilt als Profi im Umgang mit dem organisierten Verbrechen. Als Staatsanwalt war er einst für die ganz harten Fälle im New Yorker Untergrund zuständig, als Privatdetektiv spürte er die versteckten Milliarden des ehemaligen philippinischen Diktators Marcos auf.

Krolls jüngster Fall ist sein spektakulärster. »Es handelt sich um eine organisierte Verbrecherclique«, sagte er in einer Sendung der Fernsehstation CBS, »es ist das Äquivalent des Gambino-Mafia-Clans, aber in Potenz.«

Die Supermafia, von der die Rede war, stammt aus dem Irak, und ihr Pate heißt Saddam Hussein. »Er ist ganz klar im Spitzenteam der Branche«, meint der Detektiv.

Der Ex-Staatsanwalt hat im Auftrage des Kuweiter Botschafters in Washington das weltweite Finanzimperium des irakischen Diktators ausgeforscht. Mindestens zehn Milliarden Dollar, so Krolls erste Schätzung, hat Saddam Hussein beiseite geschafft. Jawad Hashim, einst Planungsminister der Iraker, jetzt im Exil, hält diese Zahl noch für »sehr konservativ«.

Beim Aufbau eines verdeckten, weitverzweigten Finanzimperiums erwies sich der Diktator als sehr erfindungsreich. Eingeweiht sind nur wenige Mitglieder seines eigenen Clans. Die geheime Finanzmaschinerie wird von Barzan al-Takriti geführt. Der einstige Geheimdienstchef des Irak ist ein Halbbruder Saddam Husseins.

Barzan wirkt offiziell als Botschafter Saddams am europäischen Hauptquartier der Vereinten Nationen in Genf. Das sichert dem zweitmächtigsten Clan-Mitglied diplomatische Immunität an einem Platz zu, der für zwielichtige Geschäfte wie geschaffen ist: Nirgendwo sonst ist der Umgang mit geheimnisvollen Geldern und Kunden für Banker so selbstverständlich.

In Genf, wie Kroll festgestellt hat, steht eine der Drehscheiben der verzweigten Finanzmaschinerie Saddams: die Midco Financial, die sich als Handels- und Investmentfirma bezeichnet. Unter gleicher Adresse und mit teils identischem Management firmiert ein Unternehmen namens Montana Management. Es ist im mittelamerikanischen Staat Panama registriert, einem beliebten Standort für Briefkastenfirmen.

Die Montana-Manager, so Kroll, sind »Saddams Frontsoldaten«. Dem Unternehmen gehören unter anderem 8,4 Prozent der französischen Verlagsgruppe Hachette (Umsatz etwa acht Milliarden Mark). Zu deren bekanntesten Erzeugnissen zählen Zeitschriften wie Road and Track, Woman's Day und Elle.

Hachette wird von dem französischen Geldaristokraten Jean-Luc Lagardere geführt, der auch Herr über die französische Rüstungsfirma Matra ist. An Matra wiederum hält Daimler-Benz Anteile.

Der Schweizer Rechtsanwalt Bruno Bühler, Board-Mitglied der mit Montana Management verbundenen Midco Financial, ließ im Fernsehen überraschend eine halbe Wahrheit heraus. Auf die Frage, wo denn die wirkliche Firma Montana zu finden sei, antwortete er grob: »Gehen Sie nach Bagdad.« Und auf eine weitere Frage: »Es sind Iraker. Normalerweise leben Iraker im Irak.«

Über Mittelsmänner und Holdingunternehmen steuert der Saddam-Clan Hunderte von Unternehmen quer über die Welt. Einen Teil davon, 52 Firmen in 17 Ländern, hat die US-Regierung inzwischen identifiziert. Dazu gehören auch Niederlassungen der irakischen Luftfahrtgesellschaft sowie die Filiale der irakischen Staatsreederei in Bremen.

Über die Firmen laufen Waffeneinkäufe für die irakischen Streitkräfte. An jedem Geschäft verdiente der Saddam-Clan mit. Ein typisches Beispiel dieser Idealkombination haben die Amerikaner schon vergangenen September entdeckt.

Damals blockierte der US-Zoll Vermögensteile der Matrix Churchill Company in Ohio. Saddam hatte mit Hilfe dieses Handelsunternehmens für hochfeine Werkzeugmaschinen seine Waffenproduktion ausgebaut. Matrix Churchill befindet sich im Besitz eines britischen Unternehmens, dessen britische Muttergesellschaft wiederum der Al-Arabi Trading Company gehört.

Matrix' Präsident, so wird berichtet, hieß zuletzt Safa al-Habobi und war hauptberuflich Topmanager der von Saddam Husseins Schwiegersohn kontrollierten Rüstungsfirma Nassr State Enterprise for Mechanical Industries. Matrix mußte stets 5 bis 15 Prozent seiner Vertragssummen für Geschäfte mit dem Irak auf Bankkonten überweisen, die von Saddam Hussein selbst kontrolliert wurden.

Was bei Matrix wie ein kleines Nebengeschäft aussieht, betrieb der Saddam-Clan mit den Schätzen des Landes im großen Stil.

Detektiv Kroll ist sicher, daß die Familie des Diktators seit zehn Jahren von jedem Barrel verkauften Irak-Öls fünf Prozent für sich selbst abgezweigt hat.

In den vergangenen zehn Jahren hat der Irak für rund 200 Milliarden Dollar Öl verkauft. »Allein daraus«, sagt Kroll, »sind zehn bis elf Milliarden Dollar an Saddam gegangen.«

Mit den Japanern soll der Irak ein zusätzliches Geheimabkommen getroffen haben: 2,5 Prozent des Wertes sämtlicher Geschäfte des Landes mit dem Irak mußten zugunsten Saddams auf ein japanisches Bankkonto überwiesen werden.

Schon 1972, behauptet auch der frühere irakische Minister Jawad Hashim, habe der Irak einen »Community Fund« gegründet, auf den fünf Prozent sämtlicher Öleinnahmen geflossen seien. Der Fonds habe aber nicht dem Staat, sondern der Baath-Partei gehört, als deren oberster Herr Saddam Hussein 1979 das Präsidentenamt eroberte.

Dieser Fonds, so Hashim, stehe längst unter der alleinigen Kontrolle des Saddam-Clans. Hashim schätzt seinen gegenwärtigen Wert auf 33 Milliarden Dollar.

Nicht alle Mittel hielt Saddam offensichtlich auf seinen Geheimkonten. Viele Millionen Dollar hat er angeblich zinslos als Bargeld im Palast gestapelt - in sämtlichen führenden Weltwährungen. Wie ein Drogendealer, berichtet ein Kenner des Diktators, habe der einmal dem Präsidenten der afrikanischen Republik Tschad eine Million Dollar in bar auf den Tisch gelegt.

Kurz vor dem Überfall auf Kuweit kam Bewegung in Saddams Finanzsystem. Der Diktator ließ vorsichtshalber Milliardenbeträge von irakischen Konten in aller Welt auf Konten bei der Jordanischen Zentralbank überweisen, die wiederum Filialen in aller Welt besitzt. Nur zwei dieser Transfers konnten rechtzeitig gestoppt werden. »Iraks und Jordaniens Banksysteme«, so Kroll trocken, »arbeiten sehr eng zusammen.«

Auch sonst ist Jordanien, so Krolls Erkenntnisse, dem Iraker hilfreich entgegengekommen. Ein großer Teil der in Kuweit geraubten Autos - Wert: etwa 300 Millionen Dollar - soll via Amman auf den Weltmarkt für Gebrauchtwagen geschleust worden sein.

Anderes Diebesgut blieb im Lande. Die beim Besuch des sowjetischen Sonderbotschafters Jewgenij Primakow im Februar in Bagdad benutzten Mercedes-Limousinen sind von den Kuweitis als gestohlen identifiziert worden.

»Nach den Gesetzen seines eigenen Landes«, vermerkt Kroll lakonisch, »müßten Saddam Hussein die Hände abgehackt werden.«

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