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BÄCKER Barfuß und bei Nacht

Die französischen Brot-Hersteller rüsten zum Angriff auf die europäischen Märkte. Vorschriften des Europa-Rechts helfen ihnen dabei.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Gegen elf Uhr nachts, wenn Deutschlands Bäcker schlafen, rumpeln über den französisch-deutschen Grenzübergang Forbach schwer beladene Brot-Lastwagen. Wenig später riecht es auf dem Saarbrücker Neumarkt trotz Nachtbackverbot schon nach frischen Brötchen. Und wenn die Deutschen morgens um vier ihre Öfen erst anwerfen dürfen, ist die französische Ware schon ausgeliefert.

An festvereinbarten Punkten der saarländischen Hauptstadt haben gegen Mitternacht französische Fabrikanten und Bäcker Baguettes, Petit Pains und Croissants aus ihren Groß-Lastern in kleine wendige Lieferwagen umgeladen. Wenig später liegt das frische Franzosenbrot vor den Türen deutscher Haushalte, in den Lagern von Kaufhäusern und Supermärkten. »Um drei Uhr morgens ist Saarbrücken mit französischem Brot verseucht«, jammert Otto Leyendecker, Obermeister der saarländischen Bäckerinnungen.

Generalstabsmäßig fast begannen die französischen Bäcker und Brotfabriken, den deutschen Markt zu erobern. Wie aus dem Kriegsbericht klingt die Ankündigung der französischen Wirtschaftszeitung »Les Echos": »Das französische Brot beginnt, die ausländischen Märkte zu attackieren.«

Dabei hilft ihm die Gewohnheit der französischen Regierung, das Reglement des europäischen Agrarmarktes stramm zugunsten der einheimischen Wirtschaft auszulegen.

So erhöhten die Franzosen nach der Franc-Abwertung nicht etwa wie im EG-Agrarsystem vorgesehen ihre Agrarpreise, sondern erhoben lediglich bei der Ausfuhr eine bescheidene Grenzabgabe. Die wiederum gilt aber nur für die Backrohstoffe Weizen, Roggen und Mehl, nicht dagegen für die Endprodukte Brot und Brötchen.

»Die Farce ist zum Skandal geworden«, erregt sich Günter Blum, Mühlenbesitzer und Vorsitzender des saarländischen Mühlenverbandes. Denn nun können die französischen Bäcker mit billigem Mehl backen -- weil Frankreich EG-widrig die Agrarpreise nicht erhöhte -- und das begünstigte Brot billig nach Deutschland schaffen -- weil die anstelle der Preiserhöhung erhobene Grenzabgabe für Endprodukte nicht gilt.

Der Kosten-Vorsprung des französischen Backhandwerks wurde so uneinholbar: Die Bäcker zahlen für die Tonne Mehl 650 bis 680 Mark. Der Kollege in Deutschland muß den durch Grenzausgleichsabgaben hinaufgeschaukelten Mehlpreis von 820 Mark zahlen. Obermeister Leyendecker: »Meine tausend Bäcker wollen auf die Barrikaden.« Der »Schummel« -- so Mühlen-Manager Blum -- wird für das deutsche Backhandwerk noch ärger, weil die Kollegen von jenseits der Grenze durch keinerlei Nachtbackverbot behindert sind.

Diese Vorteile wollen die Franzosen künftig nicht nur im kleinen Grenzverkehr nutzen. Angeführt vorn Mehl- und Futtermittelgiganten »Grands Moulins de Paris soll französisches Brot in ganz Europa, vor allem im konsumfreudigen Deutschland eingeführt werden. Parole von Jean-Louis Vilgrain. Wirtschaftsdirektor von Grands Moulins: »Wir wollen zwei Prozent des europäischen Brotmarktes erobern.«

Für den Weg dahin sind die ersten Zeichen schon gesetzt. Längs der Grenze werden neue Brotfabriken hochgezogen -- so etwa von »France Pain« in Forbach. nur vier Kilometer vom Zentrum der saarländischen Hauptstadt entfernt

Selbst weitere Transportwege aber brauchen die Franzosen bei ihren Kostenvorteilen nicht zu scheuen. Aus dem rund 60 Kilometer entfernten Metz etwa liefert die Backwarenfabrik Neuhauser an. Im Großraum Saarbrücken. den die Franzosen zum Testmarkt erkoren, schoß der Marktanteil französischer Bäckerei-Produkte, so schätzte Bäcker Leyendecker. auf 15 bis 18 Prozent hoch.

Inzwischen aber sind die Verkäufer französischen Weißbrots schon im entfernten Ballungsgebiet Ludwigshafen-Mannheim aufgekreuzt. Dort werben sie ebenfalls mit Handzetteln Abonnenten, die sieh ihre Ware Morgen für Morgen ins Haus bringen lassen sollen.

Solchen Service lassen Deutschlands Bäcker ihren Kunden allerdings auch nur noch selten angedeihen. »zum Schutze unserer Arbeitskräfte«, so das Bäckerhandwerk.

Für die Verbraucher war der Service der Nachbarbäcker am Anfang -- so muß selbst Innungszar Leyendecker einräumen -- sogar im Preis von Vorteil. »Preise, zu denen wir nicht produzieren können«, hat der Meister ausgemacht und verweist auch noch auf das Lohngefälle.

Wenn die Einführung des welschen Brotes allerdings gelungen ist, langen auch die französischen Bäcker und ihre deutschen Helfer hin -- so jedenfalls behauptet die deutsche Konkurrenz. »Da gibt"s Handelsspannen bis zu einhundert Prozent«, überschlägt Leyendecker.

Tatsächlich werden französische Brötchen nach einer gewissen Schamfrist sogar teurer als deutsche. Heimische 50-Gramm-Brötchen kosten 20 Pfennig. französische Ware bis zu 36 Pfennig. Aber inzwischen haben die Grenzlandbewohner sieh an den speziellen Geschmack der Franzosenware gewöhnt.

Innungschef Leyendecker mäkelt dagegen: Innungsbrüder hätten französische Brotverteiler »barfuß und im Unterhemd« in der bislang von ihnen beherrschten Stadt Saarbrücken ausgemacht. Das Gewerbeaufsichtsamt solle die auf blankem Lastwagenblech liegenden Brote einmal genau in Augenschein nehmen. »Die stellen ihre Weißbrotstangen«, so Leyendecker, »unverpackt, für jeden Hund erreichbar, vor die Haustüren.«

Bei alledem geriet das Backhandwerk gar noch in den Zweifrontenkrieg. Während an der Grenze der französische Freund steht, rüsten an der Heimatfront Landsleute zum Dolchstoß. Längst nämlich haben deutsche Brotfabriken, die an den hohen Handelsspannen profitieren wollen, damit begonnen, französische Ware zu vertreiben.

Von den Bonner und Brüsseler Amtsstellen. bei denen die Bäcker seit Monaten antichambrieren, um beim Einkauf der Rohstoffe mit den französischen Konkurrenten gleichgestellt zu werden, haben die Saarländer bisher wenig gehört. »Wir sind im Tröstungszustand«, klagt Leyendecker.

Mit dem Tip, doch die Niederlassungsfreiheit in der Europäischen Gemeinschaft zu nutzen und ihre Öfen auch im kostengünstigen französischen Forbach aufzubauen, aber will Leyendecker seine schwerfälligen Innungsmitglieder gar nicht erst behelligen. Leyendecker: »Da, wo ich geboren bin, will ich backen.«

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