Bauboom in Dubai Krise? Welche Krise?

Während in Europa und den USA die Immobilienangst umgeht, wird am Golf weiter gebaut. Noch verkaufen sich die Luxustürme, Villen und Apartments bestens - die Scheichs kommen kaum mit dem Geldausgeben nach. Neuester Clou: ein über 1000 Meter hoher Wolkenkratzer.

Von , Dubai


Dubai - Joachim Swensson hat am Morgen keine Nachrichten gesehen, gestern auch nicht, und vielleicht war das auch besser so, denn sie hätten ihm womöglich die Laune verdorben für seinen Auftritt, der nichts als Begeisterung und Zuversicht ausstrahlen soll: Joachim Swensson stellt den "Michael Schumacher World Championship Tower" vor, einen 400-Millionen-Euro-Turm in Abu Dhabi.

Wer aber will heute etwas von neuen Türmen wissen? Allein die Worte "Real Estate" und "Investment" haben einen fast schon radioaktiven Beigeschmack, seit weltweit die Kurse fallen, Banken stürzen oder gerade noch gerettet werden und Anleger um ihre Ersparnisse zittern, weil Amerikas Immobilienkrise die Finanzmärkte erschüttert. In Frankfurt oder in Chicago hätte man den Schumacher-Termin wohl um ein paar Wochen verschoben, allein aus Taktgefühl.

Doch wir sind nicht in Frankfurt oder in Chicago, wir sind in Dubai, wo soeben die "Cityscape Dubai" begann, die größte Immobilienmesse der Welt.

Mehr Aussteller als im vergangenen Jahr sind da, mehr Besucher werden kommen, und Großes wurde angekündigt: ein Turm, der über einen Kilometer hoch sein wird, ein Garten halb so groß wie der New Yorker Central Park und ein neues Stadtviertel für 70 Milliarden Euro - die üblichen Superlative von Dubai, zu einem etwas unerwarteten Zeitpunkt allerdings.

Nun treten vier strahlende Deutsche vor die Presse: Rennfahrer Michael Schumacher, zwei Immobilien-Manager und jener Joachim Swensson, dessen Firma das Recht erworben hat, Schumachers Namen für Bauprojekte zu vermarkten.

"Salam alaikum", fängt Swensson an, und von Krise fällt kein Wort, dafür ist umso mehr von Präzision, von Qualität und Nachhaltigkeit die Rede. Ein Hochhaus solle errichtet werden, sagt der Marketing-Experte, das so sei wie Schumacher: modern, perfekt bis ins Detail und zuverlässig.

Deutsches zieht in Arabien, auch bei Immobilieninvestoren

Entworfen haben es drei junge deutsche Architekten, die vorher am Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart und am Water Cube, dem olympischen Wassersportzentrum in Peking, mitgearbeitet haben. Es sieht aus wie ein kühn ins Organische übersetzter Pokal, den Schumacher gewonnen hat, und es ist der erste von sieben Türmen, die seine sieben Weltmeistertitel symbolisieren sollen.

Deutsches zieht in der arabischen Welt, nicht nur bei den Autofahrern, sondern auch bei Immobilieninvestoren: An der Jumeirah Beach Road, der Prachtmeile der Stadt, lachten in diesem Frühjahr Schumacher, Niki Lauda (der Österreicher ist) und Boris Becker von den Plakaten, um für Bürotürme zu werben, die ihre Namen tragen. Ein Bauentwickler aus Karachi nahm sich für seine Aktivitäten in Dubai das Wort "schön" zum Namen und die beiden Punkte über dem "o" als Logo - so einfach kann Werbung sein.

Das alles aber fand zu einer Zeit statt, als von faulen Baukrediten und maroden Immobilienbanken noch keine Rede war. Inzwischen hat das Finanzfiasko aber auch Dubai erreicht: Um mehr als zehn Prozent sanken am Sonntag und am Montag die Kurse an der Börse. Die Aktienhändler auf den Titelbildern der lokalen Presse schauen genauso traurig drein wie ihre Kollegen in Frankfurt oder London, nur dass sie weiße Dischdaschas tragen statt Anzug und Krawatte.

Dubai scheint längst reif für eine Immobilienkrise: Vorbei die Zeiten, als nur die Scheichs selber Türme bauten - mit Petrodollars finanziert und vielfach bar bezahlt.

Eine Runde mitfahren auf dem Wertschöpfungsexpress

Seit auch Ausländer Immobilien kaufen dürfen, sind Entwickler aus allen Kontinenten in Dubai tätig, und die Finanzierung geht immer öfter so: Ein Turm, eine Wohnsiedlung oder eine Shopping Mall wird "gelauncht", und Kunden zahlen eine Rate von zehn Prozent auf ihr Apartment, ihre Wohnung oder ihr Geschäftslokal an. Bei Baubeginn wird die nächste Rate fällig, dann die nächste und die nächste - bis das Gebäude fertig ist.

Dass der Besitzer der Wohnung am Ende noch derselbe ist, der die erste Rate zahlte, ist allerdings die Ausnahme. Meist hat er seinen Anteil, vielfach auf Pump gekauft, längst wieder abgestoßen - nicht selten an einen, der selbst einen Kredit aufgenommen hat, um eine Runde auf dem Wertschöpfungsexpress mitzufahren. Auf diese Weise ist in den letzten Jahren viel Geld verdient worden, manche haben ihren Einsatz verzehnfacht.

Was aber, wenn am Ende nicht genug Leute da sind, um in die Villen und Türme einzuziehen und die astronomischen Mieten zu bezahlen, auf die die Anleger spekulieren? Was, wenn - wie bis vor kurzem - die Kreditsummen der Banken doppelt so schnell wachsen wie ihre Einlagen?

"Betrifft uns nicht", sagt Markus Giebel, Vorstandschef von Deyaar, der Firma, die den Schumacher-Turm verkaufen wird. "Wir sind nicht im hohen, wir sind im ultrahohen Preissegment. Und Leute mit Geld, die so etwas Exklusives haben wollen, wird es immer geben."

Fürwahr: Wer keine anderen Wünsche offen hat als einen "Indoor-Berth", einen überdachten Yacht-Anleger im Erdgeschoss seines Wolkenkratzers, an dem geht die Finanzkrise vielleicht wirklich vorbei.

Oder auch nicht.

"Was fange ich nur mit den zwei Millionen an?"

Der Grund der Zuversicht könnte auch ein anderer sein: Selbst wenn der Ölpreis derzeit sinkt - in Ländern wie Saudi-Arabien, Katar oder Kuweit ist derzeit so viel Geld im Umlauf, dass die Scheichs kaum mit dem Ausgeben nachkommen.

Davon weiß Ibrahim Dschowahmed, 44, zu berichten, der mit einem kleinen Rollkoffer voller Hochglanzbroschüren über das "Cityscape"-Gelände schlendert, den Mund wässrig von all den Penthouses und Duplex-Apartments.

Dschowahmed ist Immobilienmakler aus Dammam in Saudi-Arabien, und sein Problem ist folgendes: "Zu mir kommen junge Männer, 20 oder 25 Jahre alt, und fragen: Was fange ich nur mit den zwei Millionen Dollar an, die mir mein Vater anvertraut hat?"

Ach, hätte Saudi-Arabien bloß eine Messe wie die hier in Dubai, seufzt er. Dann könnte er sich diese Reise sparen. So aber wird sein Besuch enden wie der im letzten Jahr: Er wird für zehn Millionen Dollar Wohnungen und Apartments kaufen - Anzahlung gleich heute, den Rest später per Überweisung. Er zieht eine Master- und eine Visa-Karte aus seiner Geldbörse: "Auf der hier habe ich 50.000, auf der hier 70.000 Dollar Dispo. Für die Anzahlungen wird es reichen."

Dass der Westen gerade mit den Zähnen klappert, habe er schon gehört. Für ihn sei das nicht schlecht: "Kein Mensch mag jetzt sein Geld einer Bank anvertrauen. Die Leute wollen etwas zum Anfassen."



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