Bauern-Proteste Lidl kapituliert im Milchstreit

Der erste Handelsriese geht vor den protestierenden Bauern in die Knie: Lidl will den Landwirten mehr zahlen. Die Milch des Discounters soll zehn Cent, Butter sogar 20 Cent mehr kosten. Auch Aldi und andere Supermarktketten zeigen sich gesprächsbereit.


München/Hamburg - Die leeren Regale haben Wirkung gezeigt: Der Discounter Lidl kündigt an, den Verkaufspreis pro Liter Milch um zehn Cent und für Butter um 20 Cent pro 250-Gramm-Päckchen anzuheben. Das teilte das Unternehmen am gestrigen Mittwoch nach einem Gespräch mit dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Gerd Sonnleitner, in Neckarsulm mit. Nach Angaben von DBV und Lidl soll der Mehrpreis direkt den Bauern zugute kommen. Dem DBV zufolge soll die Erhöhung "sofort" umgesetzt werden, laut Lidl "ab 9. Juni".

Milchbauern demonstrieren vor der Zentrale des Lebensmittelkonzerns Edeka für höhere Milchpreise: Mit Lidl ist der erste Handelskonzern eingeknickt
DPA

Milchbauern demonstrieren vor der Zentrale des Lebensmittelkonzerns Edeka für höhere Milchpreise: Mit Lidl ist der erste Handelskonzern eingeknickt

Der Discounter reagiert damit auf den anhaltenden Lieferstreik der Milchbauern. Diese bestreiken am zehnten Tag in Folge die Molkereien, was vor allem in den vergangenen beiden Tagen zu ersten Lieferengpässen bei Frischmilch führte. Nach Blockaden von Molkereien hatten die Bauern am gestrigen Mittwoch vor allem vor den Zentralen von Handelskonzernen demonstriert. Vor den Zentralen von Aldi Nord in Essen und Aldi Süd in Mülheim/Ruhr versammelten sich Landwirte mit ihren Traktoren. Laut dem DBV gab es auch bei Lidl in Neckarsulm Proteste.

Mit ihrem Lieferstopp wehren sich die Landwirte gegen den Preisverfall der Milch in den vergangenen Monaten. Die Preise sind seit Januar von über 40 Cent auf 28 bis 34 Cent pro Liter gesunken. Die Bauern wollen mit dem Lieferboykott einen Milchpreis von 43 Cent je Liter erzwingen.

"Auch mit anderen Handelsunternehmen finden Gespräche statt", sagte Michael Lohse vom DBV SPIEGEL ONLINE. Man hoffe, dass die Einigung mit Lidl Signalwirkung habe, so dass auch andere Supermärkte ihre Preise für Milch wieder anheben. In einem Gespräch am vergangenen Wochenende hätten die Molkereien sich bereit erklärt, eventuelle Preissteigerungen direkt an die Bauern weiterzugeben.

Der Discounter nicht der erste, der vor den protestierenden Bauern in die Knie gegangen ist: Das genossenschaftliche Milchwerk Berchtesgadener Land-Chiemgau kündigte als erste Molkerei an, die Preise zu erhöhen. Pro Liter soll es dort künftig 43 Cent geben, sagte Barbara Steiner, die Sprecherin der Molkerei. Für einen Liter Bio-Milch gibt es sogar 51 beziehungsweise 52 Cent. Das Unternehmen habe seine Produktion in den vergangenen Tagen drastisch herunterfahren müssen, da 70 Prozent weniger Milch angeliefert worden seien.

Auch Aldi Süd will verhandeln

Noch im Mai hatten die Milchwerke ihre Preise auf zwischen 38 und 48 Cent gesenkt. Die Werke verarbeiteten 2007 mehr als 200 Millionen Liter Milch im Premium-Bereich, davon 40 Millionen Liter Bio-Milch. Die Molkerei setze nun auf die Gesprächsbereitschaft des Handels, um den Milchpreis halten zu können, sagte Steiner.

Auch der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), Michael Brandl, erklärte, die Molkereien seien grundsätzlich bereit, den Milchbauern bei ihren Preisforderungen entgegen zu kommen, sofern sich auch der Einzelhandel zu Preiskorrekturen bereit erkläre. Der Milchindustrie seien bei Verhandlungen aber die Hände gebunden. Jede einzelne der oftmals genossenschaftlich organisierten Molkereien zahle den Bauern das, was sie nach direkten Verhandlungen vom Handel bekomme. "Wenn der Lebensmitteleinzelhandel auf uns zukommt und sagt, ja okay, wir lösen die Kontrakte auf, wir akzeptieren höhere Preise von euch, dann sind wir die Letzten, die sich dagegen verwehren", sagte Brandl im Fernsehkanal N24.

Aldi Süd erklärte sich derweil zu Verhandlungen mit den Molkereien bereit. Das Unternehmen befinde sich in "permanenten Gesprächen" mit seinen Lieferanten, sagte eine Sprecherin am gestrigen Mittwoch in Mülheim/Ruhr. Nach einer möglichen Aufhebung der Proteste erwarte das Unternehmen eine schnelle Normalisierung der Lage. Zuvor hatte der Discounter über punktuelle Engpässe bei der Belieferung mit einzelnen Milchprodukten berichtet. Auch Rewe zeigte sich nach der Ankündigung von Lidl gesprächsbereit: "Wenn sich dieser Preis im Markt behaupten sollte, wird sich die REWE-Group marktkonform verhalten", sagte REWE-Sprecher Wolfram Schmuck in Köln.

Bauern trauen dem Frieden nicht

Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM), der rund ein Drittel der Milcherzeuger vertritt, will seinen Lieferstopp trotzdem fortsetzen. Die Ankündigung von Lidl sei zwar ein Fortschritt, reiche den Milchbauern aber noch nicht aus, sagte der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber. Er kündigte für den heutigen Donnerstagmittag eine Großkundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin an. Die Milchlieferungen an die Molkereien blieben bis auf wenige Ausnahmen ausgesetzt, betonte der Verband.

Grafik: Entwicklung der Milchpreise
DER SPIEGEL

Grafik: Entwicklung der Milchpreise

Der Deutsche Bauernverband (BDV) begrüßte die Aktionen: "Es handelt sich zwar nicht um eine konzertierte Aktion, aber wir unterstützen die Proteste natürlich", sagte ein Sprecher. Nach dem Aufruf vom Vortag, die seit Montag andauernden Blockaden zahlreicher Molkereien aufzuheben, warte man nun auf ein positives Signal der Milchindustrie und des Einzelhandels. Neue Gesprächstermine gibt es nach Angaben beider Verbände bislang nicht. Der Lieferstreik soll laut Milchbauernverband fortgesetzt werden, bis die Preisforderungen erfüllt sind. "Aldi und Lidl müssen die Preise wieder hochziehen, damit der Bauer, und zwar jeder, zu seinem Recht und zu seinem kostendeckenden Preis kommt", sagte BDV-Generalsekretär Helmut Born dem WDR.

Gegenwind bekommen die Milchbauern nun allerdings vom Kartellamt, das wegen des Lieferstopps ein Ermittlungsverfahren gegen den Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) eingeleitet hat. Es werde überprüft, ob der Tatbestand des Boykottaufrufs erfüllt sei, sagte Behördensprecherin Silke Kaul. Dies wäre nach dem Kartellrecht nicht zulässig. Nach dem Wettbewerbsgesetz dürfen Unternehmen oder Verbände nicht zum Boykott aufrufen, wenn sie dadurch andere Unternehmen "unbillig" beeinträchtigen.

Möglichen Schadenersatzforderungen sieht der BDM "gelassen entgegen". Er sei optimistisch, dass sich Molkereien und Bauern einigen werden, sagte BDM-Sprecher Franz Grosse.

Nach der Aufhebung der Blockaden hat sich die Milchversorgung der Lebensmittelgeschäfte unterdessen wieder entspannt: Die Läden würden wieder im üblichen Umfang beliefert, alle Geschäfte verfügten über ausreichend Molkereiprodukte, sagte der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Stefan Genth.

mik/sam/AFP/AP/ddp/dpa



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