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Landjugend Bauern sollen arbeiten

Der rheinische Bauernverband trennte sich von seiner Landjugend -- wogen Linksabweichung des Nachwuchses.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Constantin Freiherr von Heereman, Chef des Deutschen Bauernverbandes, weiß seine landwirtschaftlichen Funktionäre frei von einseitigen politischen Neigungen. »Dieser Verband«, so stellte CDU-Mitglied von Heereman klar, »ist parteipolitisch neutral.«

Was die Bauernführer unter solcher Neutralität verstehen, demonstrierten sie jetzt in rheinischen Landen. Als dort der Verband der Landjugend nicht mehr den konservativen Kurs des vom CDU-MdB Emil Solke geführten Rheinischen Land Wirtschafts-Verbandes hielt, drehten die Altbauern den Jung-Agrariern kurzerhand den Geldhahn zu und stellten die Zusammenarbeit ein.

Das Unheil hatte sich schon im Herbst 1970 angebahnt. Damals wählte das junge Landvolk einen Vorstand, in dem nicht nur CDU-Agrarier saßen, sondern auch FDP-Leute und sogar ein SPD-Sympathisant. Die neuen Vorstandsherren schreckten vor nichts zurück. Statt lediglich rheinisches Bauern-Brauchtum zu pflegen und lautstark Standesinteressen zu vertreten, regten sie den bäuerlichen Nachwuchs zu gesellschaftspolitischer Reflektion an.

Auf Wochenendseminaren ließen die Jugendführer den bäuerlichen Nachwuchs etwa über das Thema »Bauern zwischen Kapitalismus und Sozialismus« debattieren. Und sie scheuten sich auch nicht, in einer Einladung zu dem Seminar über »Bodeneigentum im Meinungsstreit« das »kraß monopolistische Verhalten mancher Grundbesitzer« zu geißeln und das Landvolk an die »Sozialpflichtigkeit des Eigentums« zu erinnern.

Schlimmer noch: Die Jugendfunktionäre äußerten öffentlich Zweifel an der parteipolitischen Neutralität des rheinischen Bauernverbandes. Als der Deutsche Bauernverband im vergangenen Jahr Hunderttausende von Landwirten zu Demonstrationen auf die Straße schickte, erkannten die Bauern-Twens dahinter »das Ziel ... der jetzigen Bundesregierung Brandt Schwierigkeiten zu bereiten«. Ganz im Gegensatz zu ihren Altvorderen begrüßten sie öffentlich »die rationalen Maßnahmen der jetzigen Bundesregierung«.

Einige Monate lang sah Verbandspräsident Solke dem Treiben seiner Landjugend zu. Dann bestellte er zwei der sieben Vorstandsmitglieder zur Gehirnwäsche.

In der Lobby »des Bundeshauses erläuterte der Christdemokrat seine Konzeption von Landjugend-Arbeit: »Die Bauernjungs und Bauernmädchen« (Solke) sollten nur mit berufsständischen Fragen beschäftigt werden und nicht über allgemein-politische Fragen diskutieren. Denn, so Solke entschieden: »Ein Bauer, der denkt, ist kein Bauer mehr.« Und: »Ein Bauer soll nicht lesen, der soll arbeiten.«

Empört hielt er den beiden Landjugendlichen eines ihrer Veranstaltungsprogramme vor, in denen die Namen Karl Marx und Rosa Luxemburg erwähnt wurden: »Da sehen Sie«, erregte sich der Bauern-Funktionär, »Karl Marx und Rosa Luxemburg! Das können wir doch nicht unseren Bauern zeigen! Wehret den Anfängen!«

Als die Junioren, beide Studenten, dagegen Widerspruch wagten, wurde der rheinische Bauernführer persönlich: »Studenten sind alle Spinner. Und Ihr seid ja nur zu faul zu malochen«, brüllte er durch die Vorhalle des Bundeshauses.

An Herbert Wehner, der zufällig durch die Parlaments-Vorhalle stampfte, konnte Solke den jungen Leuten besonders plastisch die Gefährlichkeit ihres Tuns vor Augen führen: »Da, da habt Ihr die Leute, die nur die Bolschewisierung ganz Deutschlands im Sinn haben.« Und damit auch gar keine Zweifel an seiner Einschätzung von SPD und FDP verblieben, fügte er verbissen hinzu: »Außerhalb der CDU sind doch alle Parteien kommunistisch beherrscht oder unterwandert.«

Effektvoll beendete der oberste Landmann schließlich das Gespräch mit den Verbands-Junioren: »Das Tischtuch zwischen uns ist zerschnitten.«

Den Vorwand für den endgültigen organisatorischen Bruch lieferte die rheinische Landjugend dem Altfunktionär einige Monate später. Mit Flugblättern ("Maulkorb für die Kritik") protestierten sie im Dezember während der Feier zum 25jährigen Jubiläum des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (Motto: »Einigkeit macht stark") dagegen, daß das Verbandsblättchen«, die »Landwirtschaftliche Zeitschrift Rheinland«, einen bei der Nachwuchsorganisation eigens zum Jubelfest bestellten Artikel nicht abdruckte.

Drei Wochen nach Verteilung des Flugblatts, am 6. Januar, ließ der Rheinische Landwirtschafts-Verband seine Jugend wissen, daß er sich nicht mehr in der Lage sehe, »mit dem derzeitigen Vorstand der rheinischen Landjugend zusammenzuarbeiten und diesen finanziell zu unterstützen«.

Dem einzigen CDU-Mitglied aus dem Landjugendvorstand, dem Bauernsohn Guido von Kinzel, vertraute Emil Solke an, wie jung und alt wieder zusammenfinden könnten: Drei Personen aus dem siebenköpfigen Vorstand müßten »verschwinden«. Gemeint waren: die FDP-Mitglieder Otto Laakmann und Rolf Kloke, sowie der SPD-Sympathisant Erich Specht.

Nach diesem »Erpressungsversuch« (Kloke) machten sich die Landjugendlichen in einem eigenen Verein selbständig. Emil Solke begründete die Strafaktion: »Ich hatte die Sorge, daß da zu viel in Parteipolitik gemacht wird.«

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