Glyphosat Bauern sprühen weniger Pflanzenschutzmittel

So wenig Pflanzenschutzmittel wie 2019 wurden zuletzt vor 20 Jahren versprüht. Der WWF kritisiert diesen Rückgang als unzureichend - während Ernährungsministerin Klöckner Glyphosat & Co. für unabdingbar hält.
Ein Bauer sprüht Pflanzenschutzmittel gegen Unkraut auf ein Weizenfeld (Archivbild)

Ein Bauer sprüht Pflanzenschutzmittel gegen Unkraut auf ein Weizenfeld (Archivbild)

Foto: Daniel Bockwoldt / DPA

Zwischen Bauernprotesten und Forderungen nach mehr Umweltschutz ist die Landwirtschaft weiter im Umbruch. Zumindest beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf deutschen Äckern scheint sich ein Trend abzuzeichnen: Die verkaufte Menge von Unkraut- und Schädlingsvernichtern sank im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2018 um 6,7 Prozent, teilte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) mit. Das ist ein erneuter Rückgang - auf den offenbar niedrigsten Wert der vergangenen 20 Jahre. Dies geht aus Zahlen des Jahresberichts zum Absatz an Pflanzenschutzmitteln hervor.

Insgesamt wurden damit laut Industrieverband Agrar (IVA), der Interessenvertretung der agrochemischen Industrie in Deutschland, rund 27.000 Tonnen Wirkstoff in den Markt gebracht. Beim besonders im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Wirkstoff Glyphosat betrug der Rückgang im Vorjahresvergleich 11,3 Prozent.

"Die aktuellen Zahlen und auch der Trend der vergangenen Jahre zeigen, dass wir hier auf einem guten Weg sind", sagte Klöckner. Die Ministerin schränkte allerdings ein: "Ohne Pflanzenschutzmittel wird es nicht funktionieren." Um Ernten zu sichern, müssten die Pflanzen vor dem Befall durch Schädlinge und Pilze geschützt werden.

Außer der trockenen Witterung, die die Entwicklung begünstigt habe, nannte Klöckner drei Gründe für den anhaltenden Rückgang: Die Züchtung von Pflanzen, die resistenter gegen Schädlinge sind, den verstärkten Einsatz von biologischen und nichtchemischen Alternativen sowie ein verändertes Bewusstsein bei den Landwirten.

Umweltbundesamt: deutsche Zahlen im EU-Vergleich "auf sehr hohem Niveau"

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, kritisierte hingegen, dass sich der Absatz von Pflanzenschutzmitteln auch im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten weiterhin "auf sehr hohem Niveau", befinde. Die aktuellen Zahlen könnten deshalb "nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Landwirtschaft sich noch kaum in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit entwickelt hat".

Die Umweltschutzorganisation WWF kritisierte den Rückgang als unzureichend: "Um den Schwund biologischer Vielfalt in Deutschland zu stoppen, ist ein deutlicherer Rückgang beim Absatz und Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nötig - in privaten Kleingärten ebenso wie auf kommunalen Grünflächen und in der Landwirtschaft", sagte Rolf Sommer, Leiter des Bereichs Landwirtschaft und Landnutzung beim WWF Deutschland. Das Bundeslandwirtschaftsministerium dürfe den Ausstieg aus Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat nicht länger verschleppen. "In der Hand des Bundeslandwirtschaftsministeriums liegt es, endlich die notwendigen Anpassungen in der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung auf den Weg zu bringen", sagte Sommer.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sprach sich unter anderem für ein Verbot von Pestiziden in Schutzgebieten aus.

Neue "rote Gebiete" sollen gegen Nitratbelastung helfen

Beim Thema Nitratbelastung des Grundwassers, das insbesondere über das Düngen der Felder in die Umwelt gelangt, brachte das Bundeskabinett unterdessen neue Vorschriften für die Ausweisung sogenannter roter Gebiete auf den Weg. Zusammen mit dem Anfang Mai novellierten Düngerecht gebe es damit "eine solide Grundlage", um die Nährstoffbelastung von Gewässern zu verringern, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD).

In den besonders belasteten Gebieten müssen die Bauern künftig strengere Düngeregelungen befolgen. Bisher wurde die Ausweisung dieser roten Gebiete von den Ländern aber unterschiedlich gehandhabt. Das führte nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums zu "erheblicher Kritik" der EU-Kommission - aber auch bei den landwirtschaftlichen Betrieben.

EU-Kommission droht mit weiterer Klage

Nach Angaben des Umweltministeriums hat die EU-Kommission Deutschland eine weitere Klage vor dem Europäischen Gerichtshof angedroht, wenn die Ausweisung der belasteten Gebiete nicht bis zum Jahresende 2020 durch die Länder erfolgt und die Länder nicht auch weitere Gebiete nach einheitlichen Standards einbeziehen. Am 18. September soll sich nun der Bundesrat mit der Verwaltungsvorschrift befassen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) forderte, die Länder müssten nun "dringend ihre Hausaufgaben machen". Betriebe, die ordnungsgemäß wirtschafteten, dürfen "nicht ungerechtfertigt" mit den verschärften Auflagen überzogen werden, forderte DBV-Präsident Joachim Rukwied.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) warnte dagegen vor einem künstlichen "Wegrechnen" von Grundwasserbelastungen. Nötig sei eine echte und nachhaltige Verringerung der Nitrateinträge insbesondere in den roten Gebieten.

caw/dpa-AFX/AFP
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