Streit um Lebensmittelpreise »Aldi & Co. bereichern sich auf Kosten der Bauern«

Landwirte haben massiv gegen den Preisdruck der großen Lebensmittelhändler protestiert, nun soll es Gespräche geben. Doch Anthony Lee, Sprecher der Bauernbewegung »Land schafft Verbindung«, bleibt skeptisch.
Ein Interview von Nils Klawitter
Bauernprotest vor Aldi-Zentrallager im niedersächsischen Hesel: »Die Landwirte legen jeden Tag Geld drauf, egal, ob sie Schweine mästen oder Milch erzeugen«

Bauernprotest vor Aldi-Zentrallager im niedersächsischen Hesel: »Die Landwirte legen jeden Tag Geld drauf, egal, ob sie Schweine mästen oder Milch erzeugen«

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa
Zur Person
Anthony Lee, 44, ist Sprecher der Bauernprotestbewegung "Land schafft Verbindung" (LsV). Der Landwirt und frühere Polizist half mit, die Blockaden gegen den Discounter Aldi in den vergangenen Tagen zu koordinieren. Er wohnt im niedersächsischen Rinteln (Landkreis Schaumburg) . Auch dort haben Landwirte mit ihren Treckern ein Aldi-Lager versperrt.

Anthony Lee, 44, ist Sprecher der Bauernprotestbewegung "Land schafft Verbindung" (LsV). Der Landwirt und frühere Polizist half mit, die Blockaden gegen den Discounter Aldi in den vergangenen Tagen zu koordinieren. Er wohnt im niedersächsischen Rinteln (Landkreis Schaumburg) . Auch dort haben Landwirte mit ihren Treckern ein Aldi-Lager versperrt.

Foto: Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa

SPIEGEL: Am Dienstagmorgen hieß es noch, Aldi könne sich wegen der vom Discounter betriebenen drastischen Senkung der Butterpreise um bis zu 60 Cent pro Kilo auf eine längere Blockade seiner Lager einstellen. Viele Bauern hatten sich für tagelangen Protest gerüstet, dann zogen sie noch am Abend ab. Warum?

Lee: Weil wir unser Hauptziel, mehr Wertschätzung für unsere Produkte, erst mal erreicht haben. Der niedersächsische Umweltminister kam gestern zu uns und hat eine Gesprächsrunde mit der Bundespolitik und dem Handel für Mitte Januar in Aussicht gestellt. Die großen vier Lebensmittelhändler Edeka, Rewe, Lidl und Aldi, deren Marktanteil bei über 85 Prozent liegt, werden einen Verhaltenskodex akzeptieren müssen, der den Namen verdient. Und zudem sind die von Aldi geplanten Ramschpreise für Butter wohl zumindest zum Teil wieder vom Tisch.

SPIEGEL: Aldi hatte die anvisierte Preissenkung bei den oft nur wenige Monate laufenden Butterkontrakten mit den Molkereien mit der üblichen Nachfragedelle nach Weihnachten begründet. Hat Aldi Ihnen denn zugesichert, bei den in diesen Tagen abgeschlossenen Verträgen Preisrücksicht auf die Landwirte zu nehmen?

Lee: Das kommunizieren die natürlich nicht öffentlich. Aber wir haben von Molkereien gehört, die jetzt doch Verträge mit den zu dieser Zeit üblichen Preissenkungen von 10 bis 20 Cent pro Kilo Butter abschließen konnten – und ihre Produkte nicht verramschen mussten.

SPIEGEL: In Bauernchats kursiert das Beispiel der ostfriesischen Molkerei Rücker. Die hat von vier Verträgen mit Aldi-Lagern nur noch einen. Offenbar war sie nicht bereit, die drastischen Preisreduktionen mitzugehen: Nach unseren Recherchen sollte das Kilo Butter für nicht mal 3,30 Euro geliefert werden. Das wären die von Ihnen kritisierten knapp 60 Cent weniger als zuvor. Sind Sie tatsächlich sicher, dass Ihr Protest Erfolg hatte?

Lee: Ich bin überhaupt nicht sicher und bleibe gegenüber Aldi & Co. extrem skeptisch – die bereichern sich auf Kosten der Bauern. Der Umsatz mit Milchprodukten ist gegenüber 2019 deutlich gestiegen, der Milchpreis am Weltmarkt ging nach oben, aber bei den Landwirten kam nichts davon an. Die legen jetzt jeden Tag Geld drauf, egal, ob sie nun Schweine mästen oder Milch erzeugen. Das mit der Molkerei Rücker habe ich auch gehört. Es gibt jetzt Verarbeiter, die versuchen, sich geradezumachen – und solche, die sich auf Kosten der Bauern auf diese schäbige Preisspirale nach unten einlassen. Im Januar werden wir wissen, wer das war. 

SPIEGEL: In den Bauernforen macht sich Wut und Resignation breit. Man habe sich mit halbgaren Versprechen und Gerede von einer fairen Partnerschaft vom Handel einlullen lassen, heißt es. Da sei sie wieder, die Möhre, die man den Bauern hinhalte. 

Lee: Ich kann das nicht mal bestreiten. Die Frage ist ja nur: Wie viel können wir mit einer Aktion erreichen? Wir hatten jetzt immerhin mit Olaf Lies zum ersten Mal einen Minister hier bei der Blockade. Von Frau Klöckner dagegen habe ich nicht viel gehört.

SPIEGEL: Auf Facebook wies die Landwirtschaftsministerin auf das Machtungleichgewicht zwischen Erzeugern und dem Handel hin und auf die teils dramatische Lage auf den Höfen. Erst vor gut zwei Wochen gab es eine Gesprächsrunde mit der Politik und dem Handel, an der die Bewegung LsV maßgeblich beteiligt war. Der bekannte Vielblogger »Bauer Willi« feierte die Gespräche als »super Erfolg«. 

Lee: Horror, diese Fehleinschätzung. Bauer Willi hat hier völlig danebengegriffen. Erfolg? Nicht mal drei Wochen später bekommen wir die Klatsche mit den Butterpreisen. Die Glaubwürdigkeit des Einzelhandels ist dahin.  

SPIEGEL: Wie ist es mit Ihrer Glaubwürdigkeit? Ihr LsV-Vertreter Dirk Andresen bat schon im Vorfeld der Gespräche ganz servil darum, von Aktionen abzusehen.

Lee: Auch gestern hat Andresen mich gefragt, was die Aktion soll. Ich habe mich mit ihm am Telefon gefetzt, aber das gehört bei uns dazu. Zumindest im Ziel sind wir uns einig. Andresen scheint mir inzwischen allerdings etwas saturiert. Er sitzt in Gremien, die sehr wichtig sind, aber ihm ist der Stallgeruch abhandengekommen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Den LsV finde ich als agile Protestbewegung immer noch super. Sie hält dem Bauernverband, zu dem ich als Landvolk-Mitglied auch zähle, den Spiegel der Spießigkeit vor. Das war bitter nötig. Aber der LsV muss aufpassen, dass er die Basis nicht verliert. 

SPIEGEL: Was macht Sie denn so zuversichtlich, dass ausgerechnet beim Handel nun Fairness einziehen könnte?

Lee: Nichts, außer der Not der Bauern. Viele haben nichts mehr zu verlieren und sie werden wieder losfahren, wenn sie erneut verschaukelt werden. 

SPIEGEL: Wie ist das Grundproblem des Überangebots an Milch zu lösen, durch Bündelung von Milch durch die Landwirte? Durch stärkere Erzeugergemeinschaften?

Lee: Beides scheint mir wichtig. In Bayern etwa gibt es eine große Erzeugergemeinschaft, die klug mit den Molkereien verhandelt und bessere Preise erzielt als hier im Norden. Die Molkereien, viele sind ja Genossenschaften, agieren oft nicht mehr im Sinne ihrer Genossen. Sie tun so, als seien sie potente Konzerne – und begleiten oft nur machtlos die Preisdrückerei. Deren Manager dürften eigentlich keine Preise akzeptieren, die für die Mitglieder nicht kostendeckend sind.

SPIEGEL: Im Schatten von Aldi sollen andere Lebensmittelketten nun mit noch geringeren Preisforderungen für Butter im Markt unterwegs sein.

Lee: Ja, und deswegen sind die Kollegen gestern Abend mit ihren Treckern auch weitergezogen, zu Lagern von Edeka und Lidl.

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