Wahl des Bauernpräsidenten Der neue Sonnleitner

In seiner schwäbischen Heimat ist er der Riese unter den Kleinbauern: Joachim Rukwied führt ab jetzt den Bauernverband an und löst damit den legendären Gerd Sonnleitner ab. Mit grüner Romantik kann der Neue wenig anfangen. Stattdessen will er die industrielle Landwirtschaft hoffähig machen.
Von Ann-Kristin Mennen
Joachim Rukwied nach seiner Wahl: Der 50-Jährige gilt als Hardliner

Joachim Rukwied nach seiner Wahl: Der 50-Jährige gilt als Hardliner

Foto: Frank Leonhardt/ dpa

Hamburg - Zuckerrüben, Kohl und Wein sind die Spezialgebiete von Joachim Rukwied. 80 Hektar umfasste der Hof der Eltern, als Rukwied ihn übernahm. Heute bewirtschaftet der Landwirt rund 300 Hektar im württembergischen Eberstadt. Ein riesiger Betrieb für eine Region, in der Höfe im Schnitt etwa 32 Hektar groß sind. Rukwied lebt, was er lehrt: Überleben durch Wachstum.

Für Hofromantik hat der hochgewachsene Schwabe nur wenig übrig. Er sei zwar Bauer "mit Leib und Seele", sagte Rukwied der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", aber nur, wenn er dafür entsprechend entlohnt werde. Bereits im Studium in Nürtingen legte der Landwirt seinen Schwerpunkt auf Betriebswirtschaft. Sein Credo: mehr Technik, mehr Effizienz.

Auf dem Bauerntag im bayerischen Fürstenfeldbruck wählten am Mittwochvormittag knapp 600 Delegierte Joachim Rukwied zum neuen Präsidenten des Bauernverbands. Sein Vorgänger Gerd Sonnleitner scheidet nach 15 Jahren aus dem Amt aus.

Als der Bayer vergangenes Jahr bekanntgab, nicht erneut zu kandidieren, machte sich das Präsidium des Bauernverbands auf die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Man einigte sich bereits vor der offiziellen Wahl auf Rukwied. Er gilt als durchsetzungsfähig und zugleich diplomatisch. Fähigkeiten, die es braucht, um die vielen Interessen im Verband zu vereinen - vom kleinen Biohof bis zum Agrarkonzern.

300.000 Betriebe sind im deutschen Bauernverband organisiert, fast 100.000 weniger als vor 20 Jahren. Das liegt zum einen daran, dass es immer weniger Landwirte in Deutschland gibt. Aber auch am Bauernverband selbst. Denn Landwirte, die sich nicht gut vertreten fühlen, schließen sich anderen Organisationen an, dem Bundesverband deutscher Milchbauern etwa oder der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft. Und mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft wachsen die Interessenkonflikte zwischen Groß- und Kleinbauern, zwischen Ökobetrieben und Agrarfabriken.

Welthunger wichtiger als Umweltschutz

Joachim Rukwied lässt keinen Zweifel, wo er steht. Das EU-geförderte Einrichten von ökologischen Ausgleichsflächen und Blumenwiesen, das sogenannte Greening, hält Rukwied beispielsweise für unsinnig, die Erforschung der Gentechnik stattdessen für lohnenswert. Ihm geht es vor allem um eins: die deutschen Bauern für den globalen Markt wettbewerbsfähig zu machen. Er setzt auf Export, zum Beispiel nach Japan, wo der Landwirt viele kaufkräftige Abnehmer deutscher Lebensmittel wittert.

Schon als Landesvorsitzender in Baden-Württemberg fand Rukwied in Brüssel klare Worte. So bezeichnete er etwa die Pläne der EU, Subventionszahlungen an Bauern von deren Leistungen im Umweltschutz abhängig zu machen, als "Programm aus der Mottenkiste". Welthunger und Energiekrise lauten seine Argumente gegen zu hohe Auflagen im Umweltschutz.

Zu sehr verärgern darf Rukwied die EU aber nicht. Eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Aufgaben des Bauernpräsidenten besteht schließlich darin, den Status quo der Brüsseler Subventionszahlungen zu verteidigen. Der Agrarhaushalt ist der größte in der EU. Ohne die Direktzahlungen wären viele Betriebe nicht überlebensfähig. Gerd Sonnleitner, der scheidende Präsident, galt in diesen Verhandlungen mit der EU als äußerst geschickt.

Mythos vom idyllischen Kleinbauernhof

Politisch ist Christdemokrat Rukwied kein unbeschriebenes Blatt. In seiner Heimat saß er 15 Jahre in Gemeinde- und Kreisrat. Darüber hinaus vertrat er erst die Zuckerrübenbauern, dann alle Bauern in Baden-Württemberg. Im Bauernverband wirkte Rukwied bisher als Mann für die Öffentlichkeitsarbeit. Sein Ziel ist es, das beschädigte Image der Landwirtschaft aufzupolieren.

Die meisten Verbraucher hätten immer noch eine idealisierte Vorstellung von Landwirtschaft. Dementsprechend seien sie verschreckt, wenn sie merken, dass dieses Ideal nicht der Realität entspricht, sagte Rukwied in der Verbandszeitschrift des Bauernverbands. Für das neue Bild vom modernen Bauer, vom Unternehmer auf dem Hof, will der neue Präsident deshalb mit Kampagnen unter anderem bei Facebook und YouTube werben.

Kritik am neuen Präsidenten

Doch bereits jetzt stößt Rukwieds Kurs auch auf Kritik. Den Versuch, industrielle Landwirtschaft via Internet hoffähiger zu machen, hält Georg Janßen für wenig aussichtsreich. "Eine solche Kampagne wird nicht auf fruchtbaren Boden fallen", sagt der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, die für einen nachhaltigen Anbau eintritt. "Die Gesellschaft ist Gott sei Dank schon viel zu kritisch, um dem aufzusitzen."

Den Wechsel an der Spitze des Bauernverbands verfolgt Janßen dennoch gleichgültig: "Die Schweine wechseln, aber der Trog bleibt", lautet sein resigniertes Statement. Der Trog, das seien die Agrarindustrie, Schlachthofkonzerne, Gentechnik und Co. Ähnlich bewertet Hans Foldenauer vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter die Neuwahl und die damit verbundenen Auswirkungen für deutsche Bauern. Die inhaltliche Ausrichtung des Bauernverbands hänge nur marginal an der Person des Präsidenten. Bestimmend seien vielmehr die Interessen der Agrarindustrie, die im Präsidium vertreten sei und oft den Bedürfnissen der Bauern entgegenstehe. So seien etwa Molkereien und Milch verarbeitende Betriebe nicht daran interessiert, dass der Milchbauer ausreichend Geld für seine Milch bekommt. "Wir Milchbauern erhoffen uns daher durch Herrn Rukwied und den Bauernverband nicht mehr Unterstützung."

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