Bayer-Schering-Fusion Merkel will Job-Abbau in Deutschland vermeiden

Der Kauf des Pharmakonzerns Schering durch Bayer bedroht weltweit 6000 Arbeitsplätze. Die Regierung verlangt nun, diese Jobs nicht im Inland zu streichen. Politiker in Berlin hoffen, die Hauptstadt könne als Konzernstandort an Bedeutung gewinnen.


Leverkusen - In dem neuen Konzern Bayer-Schering-Pharma stehe jede zehnte der insgesamt 60.000 Stellen auf dem Prüfstand, sagte Bayer Chart zeigen-Chef Werner Wenning. Das sei ein Erfahrungswert nach früheren Übernahmen. Nähere Angaben, zum Beispiel darüber, ob es zu betriebsbedingten Kündigungen kommen werde, könne er noch nicht machen, sagte er in einer Analystenkonferenz. Bayer will durch den Zusammenschluss jährlich rund 700 Millionen Euro ab dem dritten Jahr nach Geschäftsabschluss einsparen.

Der Bayer-Betriebsrat verwies darauf, dass bei dem Konzern laut einer Vereinbarung bis zum Jahr 2007 keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden können. Die Sparte Bayer HealthCare beschäftigt fast 34.000 Mitarbeiter, Schering Chart zeigen hat knapp 25.000 Arbeitsplätze.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte, im Inland keine Jobs zu streichen. Die Regierung erwarte, dass bei einer Übernahme "keine Anpassungen zu Lasten deutscher Standorte erfolgen", sagte ihr Sprecher Ulrich Wilhelm dem "Tagesspiegel". Die Kanzlerin selbst wollte das Geschäft am Rande des EU-Gipfels in Brüssel nicht bewerten.

Auf ein positives Echo stießen die Übernahmepläne beim Berliner Senat. Die Hauptstadt dürfte als Hauptsitz des neuen Konzerns profitieren. Der Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) sagte, die Übernahme biete "mittelfristig gute Chancen für die Gesundheitswirtschaft" der Stadt und der Region. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) unterstrich, die Sicherheit der Arbeitsplätze müsse garantiert werden.

Für Berlin könnte sich unter dem Strich womöglich sogar ein Plus an Stellen ergeben, da Teile der Bayer-Pharmasparte aus aller Welt in die Hauptstadt wandern sollen. Verlagert werden sollen Wenning zufolge auch Teile der Bayer-Zentrale in Leverkusen und der Forschung in Wuppertal. Auch Schering-Chef Hubertus Erlen sagte, das Übernahmeangebot biete "neue Chancen für Schering und für Berlin".

Arznei-Experte: Das geht zu Lasten der Forschung

Mit dem neuen Konzern steigt Deutschland, das ehemals als "Apotheke der Welt" galt, wieder in die Liga der internationalen Pharma-Top-Ten auf. Bayer-Schering-Pharma soll einen Umsatz von 15 Milliarden Euro haben, neun Milliarden allein bei patentierten Arzneimitteln. Der neue Konzern ist breit aufgestellt: Bayer produziert Schmerzmittel wie Aspirin und Antibiotika, Schering Verhütungsmittel und Medikamente gegen Multiple Sklerose. Nur die Krebsforschung haben beide Unternehmen gemeinsam.

Die Konzerne im Überblick
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Der Schering-Vorstand empfahl den Aktionären die Annahme des Angebots, das sich auf insgesamt 16,3 Milliarden Euro beläuft. Bayer bietet den Aktionären 86 Euro in bar pro Anteilsschein und übertrumpft damit ein feindliches Angebot des Darmstädter Konkurrenten Merck KGaA Chart zeigen in Höhe von 77 Euro pro Aktie. Merck stieg aus dem Bieterrennen aus. Finanzieren will Bayer den Kauf durch eigene Barmittel, Kredite und den Verkauf der Töchter H.C. Starck und Wolff Walsrode. Der Konzern bürdet sich damit hohe Schulden auf.

Ein Experte warnte vor negativen Folgen des Zusammenschlusses für die deutsche Medikamenten-Forschung. Sinn der Fusion sei es nicht, "bessere oder sinnvollere Arzneimittel herzustellen", sagte Wolfgang Becker-Brüser vom unabhängigen Informationsdienst "Arznei-Telegramm" der Nachrichtenagentur AFP. Becker-Brüser rechnet damit, dass bei Bayer-Schering-Pharma durch die gewünschten Millionen-Einsparungen unter dem Strich weniger Geld für die Forschung zur Verfügung steht.

An der Börse sorgten die Übernahmepläne für Begeisterung: Bayer sschloss bei 35,42 Euro, ein Plus von 1,93 Prozent. Die Aktie von Schering schoss am Morgen um über vier Prozent nach oben, nach Gewinnmitnahmen lag sie am Abend immer noch mit 1,57 Prozent im Plus bei 86,30 Euro. Die Merck-Aktie hatte den Tag im Minus-Bereich begonnen, drehte aber geben 14 Uhr ins Plus und beendete den Tag mit einem Kursgewinn 0,62 Prozent bei 80,99 Euro. Merck gilt neben Puma als einer der Kandidaten, die in den Dax aufrücken könnten, wenn Schering vom Kurszettel verschwindet.

itz/AFP/dpa



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