Report McKinsey sieht bis zu 40 Prozent der Jobs in Bayern in Gefahr

Bayern, der Primus und Alleskönner! So sieht sich das Bundesland selbst, allen voran die Regierung von Ministerpräsident Seehofer. Ein ausführlicher Report von McKinsey, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeigt jetzt aber deutliche Schwächen des Freistaats auf.

Wenn es um Bayern geht, können für die CSU Vergleiche gar nicht groß genug sein: Der Freistaat spiele wirtschaftlich in der Champions League, lautet eine gängige Formulierung von Christsozialen. In Momenten besonderer Selbstzufriedenheit lässt Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer auch schon mal durchschimmern, dass sein Bundesland ganz gut ohne Berlin und Brüssel zurechtkommen würde.

Defizite sind im Bayernbild der CSU praktisch nicht vorgesehen. Umso weniger dürfte der Partei eine Untersuchung von McKinsey ins Konzept passen, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Zwar verweist die renommierte Unternehmensberatung darin auch auf die Stärken Bayerns, thematisiert aber gleich mehrere Defizite des Freistaats. Stellenweise liest sich der umfangreiche Report mit dem Titel "Bayern 2025. Alte Stärke, neuer Mut" wie ein Warnruf für das erfolgsverwöhnte Bundesland vor einem drohenden Abstieg.

Bayern benötige "jetzt einen Aufbruch unter politischer Führung", heißt es darin etwa. Das Bundesland sei auf sich abzeichnende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen "noch nicht ausreichend vorbereitet" und lasse die dafür "nötige Agilität" vermissen. Der Freistaat weise ein "überkommenes, traditionelles Industrieprofil" auf.

McKinsey sieht sogar die "Fortsetzung der bayerischen Erfolgsgeschichte in Gefahr" und warnt vor handfesten ökonomischen Risiken: 40 Prozent der Jobs im Freistaat befinden sich demnach in einer "Gefährdungszone". Der Grund: Sie seien von den Folgen der Digitalisierung und weiteren Strukturbrüchen betroffen.

Eine der Kernthesen der Untersuchung lautet, dass die klassischen volkswirtschaftlichen Parameter, in denen Bayern gut abschneidet (etwa Bruttoinlandsprodukt, Produktivität, Arbeitslosenquote), nur bedingt als Zukunftsindikatoren geeignet seien. Sie würden "lediglich den Erfolg der Vergangenheit bewerten", so McKinsey. In dem Bericht werden deshalb andere Kennzahlen herangezogen:

  • Stabilität (u.a. Einkommensverteilung)
  • Innovation (u.a. Bildungsqualität und Start-up-Quote)
  • Diversität (Integrationsindex, Bildungsmobiliät)
  • Internetzugang
  • Nachhaltigkeit (Gesundheits- und Vorsorgequalität, Ressourcenproduktivität)

Bei den Start-ups weit hinter Berlin

Bei diesen Kennzahlen ergibt sich für Bayern dem Bericht zufolge ein deutlich anderes Bild als bei den klassischen Parametern: "Im nationalen Vergleich kommt Bayern bei der Einkommensverteilung, Start-up-Quote, Bildungsmobilität, Internetzugang und Ressourcenproduktivität nicht über das Mittelfeld hinaus", heißt es in der rund 100-seitigen Studie. Auch im internationalen Vergleich mit Ländern wie Finnland, Israel, Österreich und der Schweiz bleibe "der Freistaat insgesamt zurück". Kritisch bewerten die Unternehmensberater folgende Bereiche:

Start-up-Quote: Bayern liegt mit 3,8 Unternehmensgründungen pro 1000 Einwohner "weit hinter Berlin (6,0), Hamburg (5,8) und Hessen (5,6)". In der Gründerszene hat sich München bislang international "noch keinen Namen gemacht".

Bildungsqualität: Zwar hat Bayern zuletzt im sogenannten Bildungsmonitor den dritten Platz belegt, schlecht hat es aber bei den Punkten Schulabbrecherquote (Rang 11), Abiturientenquote Ausländer (Rang 13) und Ganztagsgrundschüler (Rang 14) abgeschnitten. Bayerns Bildung befindet sich weiter auf gutem Niveau, "die Führungsrolle hat sie aber klar verloren".

Bildungsmobilität: Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien haben in Deutschland vergleichsweise schlechte Chancen, einen Hochschulabschluss zu erwerben, dies gilt besonders auch für Bayern: Dort stammen weniger als 50 Prozent der Studierenden aus einer Nicht-Akademikerfamilie - "weniger als in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen", so der Report.

Gesundheits- und Vorsorgequalität: Der Freistaat verfügt laut den McKinsey-Autoren Johannes Elsner und Martin Stuchtey zwar über die größte Anzahl von Vorsorge- und Reha-Einrichtungen - bei der Gesundheitsvorsorge schneide Bayern aber "nur mittelmäßig ab". Die berufliche Vorsorge und die für schulpflichtige Kinder erreiche "relativ wenige Bürger".

Industrieprofil: In Bayern würden Industrieunternehmen "mit starker Abhängigkeit von der Automobilbranche" dominieren, schreiben Elsner und Stuchtey - ein Rückstand des Bundeslandes zu wachstumsträchtigen Digital Ventures in Berlin würde "zunehmend sichtbar". Auch würde nur ein geringer Teil der Gesamtexporte Bayerns (5,3 Prozent) in Wachstumsmärkte wie Vietnam oder die Türkei gehen.

15 Handlungsfelder identifiziert

Wolle der Freistaat auch künftig national und international führend sein, müsse er "heute Zukunftsthemen angehen". Die beiden Autoren haben dafür 15 sogenannte Handlungsfelder ausgemacht, in denen Bayern bis 2025 zum Vorreiter in Deutschland werden könne - dazu gehören unter anderem eine "digitale Bildungsrevolution", neue Mobilitätskonzepte sowie Energieeffizienz.

Die Diskussion zur Energiewende kreise meist um Themen wie etwa Stromtrassen und übersehe, dass es bei der Energie der Zukunft um ganz andere Frage gehe, heißt es in dem Report. Etwa darum, dass künftig Eigenversorger und kleine Anbieter in Industrie und Privathaushalten prägend sein würden.

Auch Ministerpräsident Seehofer dürfte da aufhorchen - schließlich macht er beim Thema Energiewende vor allem damit auf sich aufmerksam, dass er gegen den Bau zweier Stromtrassen ist, die auch durch den Freistaat laufen sollen.

Bayern könne sich auch beim Umbau der Energieversorgung profilieren. Das ausgeprägte Umweltbewusstsein der Bevölkerung liefere "einen idealen Nährboden für einen beschleunigten Ausbau dezentraler und kommunaler Energieverbünde und virtueller Kraftwerke", heißt es in dem Report.

"Bayern braucht ein neues Leitmotiv, eine Art Laptop und Lederhose 2.0", sagte Elsner, Leiter des Münchner McKinsey-Büros.

Spätestens beim Schlusskapitel dürfte auch Seehofer wieder zufrieden nicken, denn dort heißt es: "Die in Bayern lebenden Menschen wissen, was sie alles zu leisten im Stande sind."