Bear-Stearns-Verkauf Tod einer Wall-Street-Legende

Es ist das Ende einer Ära: Im Strudel der Kreditkrise verliert die Investmentbank Bear Stearns ihre Unabhängigkeit, mit ihr stirbt die Kultur schrulliger Börsen-Cowboys und Zigarren-Machos. Die neuen Herren der Wall Street sind aalglatt - und rechnen kühl.

Von , New York


New York - Alan Greenberg war berüchtigt für seine Memos. Der frühere Vorstandschef der Investmentbank Bear Stearns traktierte seine Untertanen jahrzehntelang mit den skurrilsten Anweisungen - spleenig-bissig und handgetippt auf feinem Briefpapier, inklusive Firmenlogo.

Bear-Stearns-Zentrale in New York: "Eine Zigarren paffende, Hosenträger tragende Kultur"
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Bear-Stearns-Zentrale in New York: "Eine Zigarren paffende, Hosenträger tragende Kultur"

Etwa dieses: "62,349 Prozent" aller Konkurse lägen daran, dass "die wichtigen Leute keine Nachricht hinterlassen, wohin sie gingen, wenn sie ihre Schreibtische verließen", schrieb er 1978. "Diese Idiotie wird hier nicht passieren."

Oder dieses, ein Zitat seines fiktiven Mentors "Haimchinkel Malintz Anaynikal", des "Doyens der Unternehmensphilosophen": "Du wirst solang ein erfolgreicher Geschäftsmann sein, solang du deinen eigenen Körpergeruch nicht für Parfüm hältst."

Greenbergs Memos, später zu einem Handbuch veredelt ("Von Büroklammern und anderen Erfolgsgeheimnissen"), sind ein zentraler Bestandteil der Legende Bear Stearns - eine Legende, die nun der Vergangenheit angehört. Denn mit Bear Stearns geht nicht nur die fünftgrößte US-Investmentbank im Sog der Kreditkrise unter. Sondern auch der letzte Hort einer alten Wall-Street-Männerclique, in der Deals noch in rauchigen Hinterzimmern geschmiedet wurden: "Eine Zigarren paffende, Hosenträger tragende Kultur", schrieb Börsenexperte Andrew Ross Sorkin in der "New York Times", "in der Risikobereitschaft noch belohnt wurde."

Die Zeiten sind vorbei: Bear Stearns muss sich nun zum Schleuderpreis von rund 270 Millionen Dollar an den größeren, älteren, doch moderneren Rivalen JPMorgan Chase verscherbeln. Es ist mehr als das Ende einer Unternehmensära, die 1923 begann. Es ist zugleich das Ende der unbeschwerten Tage an der Wall Street: Bear Stearns' Kollaps, von der Federal Reserve mit einer beispiellosen Intervention arrangiert, ist nur das Symptom einer Malaise, die die ganze US-Finanzbranche ergriffen hat - und der sicher noch andere, prominente Namen zum Opfer fallen werden.

Doch Bear Stearns war schon etwas Besonderes. Zum Höhepunkt der "roaring twenties" gegründet, trotzte der Konzern dem Börsencrash von 1929, der Depression, einem Dutzend Rezessionen, dem Crash von 1987 und dem 11. September 2001. Bevor im Sommer vorigen Jahres der steile Absturz begann, war die Bank eine der "am meisten bewunderten" ("Forbes") US-Finanzfirmen.

Während sich die Rivalen modernisierten, globalisierten und so zwangsläufig immer ähnlicher wurden, sperrte sich Bear Stearns gegen den "Mainstream". Und hielt lieber am Räucherstuben-Stil fest, der die Macho-Kultur der Wall Street so lange beherrschte. Maßgeblich geprägt wurde der vom exzentrischen Greenberg, genannt "Ace", der die Firma von 1978 bis 1993 als Vorstandschef leitete, bis 2001 ihr Chairman war und ihr bis zum bitteren Ende als Berater diente.

Greenberg hielt seine Untergebenen an, Geld zu sparen, indem sie Büroklammern wiederverwendeten und kaputte Gummibänder zusammenknoteten. Um die Irrationalität des Finanzmarkts zu illustrieren, heuerte er einmal jemanden namens Doodles Danenberg an - einen Schimpansen aus dem Central Park Zoo, der "buchstäblich für Peanuts arbeiten wird".

Der frühere Bankchef war fanatischer Bridge-Champion

Greenberg personifizierte die Schrulligkeit, für die Bear Stearns bis zum Schluss berühmt war und die für viele Außenstehende das Bild von der Wall Street bestimmte - obwohl die längst in ein neues Jahrtausend gerast war. Er war Hobbyzauberer, fanatischer Bridge-Champion und spendabler Wohltäter. Etwa 1998, als er dem New Yorker Hospital for Special Surgery eine Million Dollar schenkte - mit der einzigen Bedingung, es müsse Gratis-Viagra für impotente, doch mittellose Männer bezahlen.

Diese betonte Individualität setzte sich unter Greenbergs CEO-Nachfolgern James Cayne und Alan Schwartz fort. Cayne war schnell bekannt dafür, dass er freitags lieber golfen ging.

Zugleich herrschten aber auch enormer Konkurrenzdruck und interne Spannungen: "Jeder für sich, alle gegen alle", formulierte es ein Ex-Banker. "Von Männern dominiert und sexuell sehr diskriminierend", warnte eine frühere Mitarbeiterin auf der Job-Website Vault.com. "Aggressiv", schrieben andere. "Nur die Härtesten überleben", "Cowboy-Kultur".

Welche Schattenseiten diese "Cowboy-Kultur" hat, wurde voriges Jahr offenbar. Es war das miserabelste Jahr in der Firmengeschichte: Bear Stearns musste eingestehen, dass es sich beim Risikogeschäft mit "Subprime"-Hypotheken massiv verspekuliert hatte, und 1,9 Milliarden Dollar abschreiben. Zwei Bear-Stearns-Hedgefonds gingen unter. Die Justiz leitete Ermittlungen ein. Die Aktie stürzte ab.

Bis zum Schluss dementierten die Cowboys, wie sehr die Dinge wirklich im Argen lagen. Berichte, Bear Stearns leide unter Liquiditätsproblemen, seien "völlig lächerlich", beharrte Alan Greenberg noch vergangene Woche im TV-Wirtschaftssender CNBC.

Da hatte das Ende längst begonnen. Wilde Gerüchte kursierten, private und institutionelle Klienten verloren das Vertrauen, Hedgefonds brachten ihre Anlagen in Sicherheit. Es war ein klassischer "bank run": Panisch leerten die Kunden ihre Konten - und brachen den Cowboys von Bear Stearns so das Rückgrat.



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