Beate Uhse Sex doesn't sell

Dem Erotikkonzern Beate Uhse geht es deutlich schlechter als bislang bekannt - das zeigen vertrauliche Geschäftszahlen. In dieser Situation versucht der größte Aktionär Ulrich Rotermund auszusteigen. Doch wer könnte Interesse an seinem Anteilspaket haben?

Von und Ursula Schwarzer


Flensburg - Sex sells, sagt der Marketing-Volksmund. Demnach müsste das Angebot, das Ulrich Rotermund derzeit auf den Markt bringt, reißenden Absatz finden. Er sucht nach einem Käufer für das größte Anteilspaket an Europas führendem Erotikkonzern: die von seiner Mutter gegründete Beate Uhse AG Chart zeigen. Zum Grund für den Verkauf äußerte sich Rotermund nicht. Er ließ nur verlauten, dass er seine Beteiligung "unter strategischen Gesichtspunkten überprüfen" wolle, und dass ihm die Entscheidung nicht leicht falle. Dabei liefert das Flensburger Unternehmen zahlreiche Gründe, sich freiwillig von den Aktien zu trennen.

Die Bilanz für 2006 soll erst Ende März vorgestellt werden. Bereits jetzt zeichnet sich aber ab, dass Finanzvorstand Otto Christian Lindemann damit keine Freude haben dürfte. Internen Zahlen zufolge, die manager-magazin.de vorliegen, haben 47 von 61 deutschen Filialen bis November 2006 ein schlechteres Ergebnis eingefahren als im Vorjahr. 19 Geschäfte schrieben sogar Verlust. Das Betriebsergebnis der Filialkette lag um 49 Prozent unter dem Planziel, der Versandhandel ist sogar um 52 Prozent eingebrochen.

Dabei ist noch nicht einmal das katastrophale Dezember-Geschäft eingerechnet. Ein defekter Sprinkler setzte das zentrale Versandlager im niederländischen Walsoorden unter Wasser. Weitere 15 Millionen Euro Umsatz fielen deswegen im Weihnachtsgeschäft aus. Kurz nach Weihnachten verabschiedete sich der Vorstand offiziell von seinem Ziel, den Vorjahreserlös von 285 Millionen Euro zu halten.

Das Unternehmen gesteht freimütig Fehler des Managements ein. In einer Mitarbeiterzeitschrift steht, die Kundenzufriedenheit sei "in den letzten Jahren vernachlässigt" worden, "was wir jetzt mit sinkenden Bestellungen zu spüren bekommen". Die letzten Läden der 2004 mit großer Hoffnung gestarteten Kette "Mae B." werden geschlossen. Die Edel-Sexshops in Karstadt-Warenhäusern sollten Frauen als neue Zielgruppe gewinnen und für den Ausbruch des Konzerns aus der Pornonische, für ein neues Konzept als Lifestyle-Marke stehen. Nun nennt Beate-Uhse-Sprecherin Assia Tschernookoff es nur noch ein "Experiment". Es habe zwar "nicht geklappt, aber im Nachhinein sind wir sehr zufrieden". Schließlich habe das Unternehmen viel daraus gelernt.

In den vergangenen Jahren hat im Unternehmen allerdings einiges nicht geklappt. Der Vorstand scheiterte wiederholt mit seinen Expansionsplänen. Weder die Übernahme des Kondomherstellers Condomi Chart zeigen noch die des "Penthouse"-Verlags gelangen. Aus Nordamerika, dem größten Pornomarkt der Welt, musste Beate Uhse sich unter großen Verlusten zurückziehen. Hinzu kamen undurchsichtige Geschäfte wie ein angekündigter Verkauf des Filmrechtehändlers Erotic Media Chart zeigen im Jahr 2004. Dass der extrem teure Deal nicht zustande kam, wurde erst bekannt, als Insider zu hohen Kursen Aktien verkauft hatten.

Aktie auf der "Finger-weg-Liste"

Bei alledem wundert es kaum, dass den Aktionären sehr schnell die Fantasie ausging, die noch den Börsengang im Mai 1999 geprägt hatte. Damals - Beate Uhse persönlich hatte sich für die Aktie stark gemacht - war der Kurs kurzzeitig bis auf 29 Euro hochgeschossen, um dann in einer langen Talfahrt bis auf 3,95 Euro im vergangenen November zu fallen. Erst Rotermunds Verkaufspläne beflügelten die Börse erneut. Innerhalb einer Woche legte die Aktie 32 Prozent auf 5,95 Euro zu.

Das Unternehmen sei "ein Edelstein, dessen Wert mit mehr Schliff erheblich gesteigert werden kann", schrieb Rotermund in seiner Erklärung. Sprecherin Tschernookoff entschärft die kaum verhohlene Kritik am Management, die auch auf der Unternehmenswebseite zu finden ist, mit einer Interpretationshilfe: "Damit möchte er ausdrücken, dass das Unternehmen sehr werthaltig ist und noch viel möglich ist." Deshalb sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein strategischer Investor, "vielleicht ein Handelskonzern", finde, mit dem große Synergien möglich wären.

So gute Nachrichten könnte Beate Uhse dringend gebrauchen. Doch daran glaubt nicht einmal Christian Lohmer, der aktuell wohl optimistischste Beobachter der Aktie. Der Geschäftsführer des kleinen bayerischen Analysehauses "Neue Märkte" hat eine Kaufempfehlung und ein Kursziel von sieben Euro ausgegeben. Rotermund werde seine Aktien verkaufen können, aber nicht in einem einzigen Paket, sagt Lohmer. Darauf deute die Tatsache hin, dass Rotermund Anfang Februar bereits einen 2,2-Prozent-Anteil verkaufte. "Die Aktie könnte für Nebenwertefonds oder Vermögensverwalter interessant sein."

Tänzerin auf der Hauptversammlung der Beate Uhse AG: Zerschlagung, schleichende Übernahme, Flensburger Lösung?
DDP

Tänzerin auf der Hauptversammlung der Beate Uhse AG: Zerschlagung, schleichende Übernahme, Flensburger Lösung?

Doch diese Variante hätte Züge einer feindlichen Übernahme. Denn dann bliebe der niederländische Pornobaron Gerard Cok mit seiner Consipio Holding, die derzeit 20,8 Prozent der Anteile hält, als einziger Großaktionär zurück. Cok, dessen Firmen noch zu Lebzeiten der Unternehmensgründerin in der Beate Uhse AG aufgingen, ist gleichzeitig im Vorstand für das operative Geschäft zuständig. Von dieser Position aus kontrolliert Cok das Unternehmen immer stärker, zieht Funktionen aus der Flensburger Zentrale ab und besetzt Posten im mittleren Management mit seinen Vertrauten.

Auch wegen des "ungeklärten Verhältnisses" Coks zum Konzern führt die auf Nebenwerte spezialisierte GSC Research die Beate-Uhse-Aktie seit Juli 2003 auf ihrer "Finger-weg-Liste". GSC-Geschäftsführer Matthias Schrade sagt, das Wertpapier sei "immer noch überbewertet". Zum aktuellen Kurs ist das Unternehmen an der Börse rund 250 Millionen Euro wert. Realistisch sei allenfalls ein Wert von 150 Millionen - und er selbst würde Beate Uhse auch für 100 Millionen Euro nicht kaufen wollen.

Ein Fall für Heuschrecken?

Der Umsatz schrumpfe langsam weg und selbst die enttäuschenden Gewinne seien "positiv überzeichnet", sagt Schrade. "Soweit ich mich erinnere, gab es seit Langem kein Geschäftsjahr ohne Sondereffekte." Misstrauisch mache ihn auch, dass der Börsenkurs von 2003 bis Anfang 2005 lange Zeit knapp oberhalb von zehn Euro notierte, bei zeitweise außergewöhnlich hohen Umsätzen. "Das roch sehr stark nach Stützkäufen", sagt Schrade. Außerdem hält er in der Bilanz hoch angesetzte Firmenwerte und steigende Finanzschulden für riskant. Es sei fraglich, ob Rotermund überhaupt einen Käufer für seinen verbliebenen 27,6-Prozent-Anteil finde.

"Ich bin fest überzeugt, dass er einen guten Preis dafür erzielen kann", meint dagegen Richard Orthmann. Der ehemalige Miteigentümer hatte seinen eigenen Anteil vor gut einem Jahr an Rotermund verkauft - zum guten Preis von 10,01 Euro je Aktie, während der Börsenkurs bei 6,49 Euro lag. Zuvor hatte Orthmann jahrelang auf einen Umbau im Management gedrängt und schließlich aufgegeben.

Doch für Orthmann sind das bis heute nicht mehr als vertane Chancen, die den Wert des Unternehmens nicht berühren. Interesse an den Aktien sei da. Nur seinen Wunschpartner werde Rotermund wohl nicht finden. Am attraktivsten sei die Firma für Finanzinvestoren, die das Unternehmen mit der Absicht kaufen, es zu zerschlagen. Allein das Recht an der Marke mit einem Bekanntheitsgrad von 98 Prozent in Deutschland soll 64 Millionen Euro wert sein. "Damit können Sie sogar Kosmetik verkaufen", meint Orthmann. "Wenn sie noch für jeden Laden eine Million bekommen, haben sie den Börsenwert schon heraus." Rotermund werde an den Meistbietenden verkaufen.

Diese Version verbreitet in der Flensburger Zentrale schon Angst und Schrecken. Rotermund beteuerte zwar in einem Schreiben an die Mitarbeiter, er werde nur unter der Voraussetzung verkaufen, "dass sich ein vertrauenswürdiger Investor findet", der das Unternehmen weiterentwickeln wolle. Der Betriebsrat sah dennoch Anlass, an ihn zu appellieren, "dass das Lebenswerk Ihrer Mutter nicht das Ziel von profithungrigen Heuschrecken wird".

Die Beschäftigten unterbreiteten sogar einen eigenen Vorschlag: "Wie wäre es zum Beispiel mit einer Flensburger Lösung?" Gemeint ist ein Verkauf an den kleineren Lokalrivalen Orion, eine Abspaltung von Beate Uhse, die Rotermunds Bruder Dirk führt. Doch ob die sich den Kauf leisten kann oder überhaupt will, ist ungewiss. Wahrscheinlicher ist die Zerschlagung des Unternehmens oder die schleichende Übernahme durch den niederländischen Großaktionär Cok, dessen Gebaren der Firma schon manchen Trubel beschert hat. Nach einer rosigen Zukunft sieht es bei Beate Uhse nicht aus.



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