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Affären Bedingt glaubhaft

Dem BDI-Präsidenten droht neues Ungemach: Auch die Steuerfahndung interessiert sich inzwischen für ein dubioses Grundstücksgeschäft.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Vergangene Woche wollte BDI-Chef Hans-Olaf Henkel eigentlich richtig ausspannen. Eine Regatta auf dem Bodensee stand auf seinem Programm.

Daraus wurde nichts. Henkel, offiziell im Urlaub, mußte sich böser Verdächtigungen erwehren. Ein neuer Rechtsanwalt wurde verpflichtet, in Telefonaten mit Journalisten und BDI-Präsidiumsmitgliedern versuchte der Industrie-Boß den Eindruck zu zerstreuen, er habe einem Ex-Häftling in einem dubiosen Immobiliendeal als Helfer assistiert.

Grund der Vorwürfe ist ein Henkel-Konto in München, für das vom August 1991 bis September 1994 der Immobilienkaufmann Christian Vinke eine Vollmacht besaß. Über dieses Konto sind 1991 und 1992 auch Provisionszahlungen der Firma Thies & Launicke in Höhe von knapp 1,3 Millionen Mark geflossen.

Genau diese Firma kaufte 1994 ein IBM-Grundstück in Berlin für 6,5 Millionen Mark. Henkel-Freund Vinke trat als Vermittler auf und kassierte zusammen mit Geschäftspartnern eine Millionenprovision. Den Tip für das Geschäft hatte er von Henkel bekommen.

Die verärgerten Immobilienaufkäufer setzen Henkel seit gut einem Jahr mit bösen Briefen zu (SPIEGEL 31/1996). Die Beteuerungen, er habe mit alledem nichts zu tun, seien nur »bedingt glaubhaft«, heißt es in einem Schreiben der Thies & Launicke-Anwälte vom 7. Mai dieses Jahres.

Nun droht der Zoff um die Superprovision zu eskalieren. Längst interessiert sich auch die Steuerfahndung für den Fall, bestätigte die Behörde dem SPIEGEL. Sollten die Fahnder, die sich erst seit kurzem mit dem Fall befassen, fündig werden, sieht es auch für Henkel nicht gut aus. Als Kontoinhaber ist er für die Transaktionen mitverantwortlich. Durch die großzügige Gewährung einer Vollmacht über sein Konto setzt er sich womöglich dem Verdacht auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung aus.

Das gemeinsame Konto hatte »Samariter Henkel« (Tageszeitung) als seinen Beitrag zur Resozialisierung des Ex-Häftlings ausgegeben: »Stellen sie sich das Unfaßbare vor: Ich wollte ihm helfen.«

Ganz so uneigennützig, wie Henkel glauben machen will, war der Freundschaftsdienst nicht. Und: Nicht nur »kleinere Beträge«, wie der BDI-Chef behauptet hatte, liefen über das Konto.

Seit 1991 gingen immer wieder Henkel-Gelder in fünfstelliger Höhe ein, so Tantiemen für Henkels Aufsichtsratsmandate oder Dollarschecks über Dividendenzahlungen für IBM-Aktien, die der damalige IBM-Deutschland-Chef besaß.

Gleich nach der Kontoeröffnung im August 1991 ging es los: Am 28. Oktober zahlte Vinke einen von Henkel überreichten Scheck über 2280 Mark ein - das Sitzungsgeld für den Dasa-Aufsichtsrat. Am 7. Januar 1992 folgten 19 378,17 Mark, die Henkel für seinen Job im Aufsichtsrat des Reifenherstellers Continental bekommen hatte. Weitere Schecks für Henkels Arbeit als Multi-Aufsichtsrat folgten.

1993 wurden 2300 Mark von der Dasa, 8508 Mark an IBM-Dividenden, 19 093 Mark aus Aufsichtsratsvergütungen von Dasa und Conti und am 18. Juni nochmals 3710 Mark aus IBM-Dividenden eingezahlt. Zum Jahresende schließlich folgten Gelder für Kontroll- und Beratungstätigkeiten bei der Hermes Kreditversicherung, der Dasa und der Karlsruher Lebensversicherung in Höhe von 12 822 Mark.

So ging es 1994 weiter: Am 13. Januar kam ein Scheck über weitere Tantiemen aus der Aufseherarbeit (25 300 Mark), es folgten Dasa-Schecks über zusammen 4600 Mark, am 1. Juni registrierte die Bank die Einzahlung von 23 000 Mark unter anderem von der Dasa, am 21. Juni ging ein Scheck über 9200 Mark von Continental ein.

Den hohen Einzahlungen von Vinke und Henkel standen hohe Auszahlungen gegenüber. Das Merkwürdige: Nahezu alle großen Beträge wurden in bar abgehoben.

Mal waren es 230 000 Mark, dann flossen 150 000 Mark, wenig später weitere 100 500 Mark in bar von dem Konto ab. Die letzte größere Barauszahlung erfolgte am 23. September 1993 über 10 500 Mark.

In all den Jahren will Henkel sein Konto nicht kontrolliert haben, versicherte er in der vergangenen Woche dem SPIEGEL. Die Kontoauszüge, so der BDI-Präsident, wurden direkt an seinen Schachfreund Vinke geschickt.

Das ist die Wahrheit - aber nur die halbe. Vinke, der wegen Steuerhinterziehung zwei Jahre und vier Monate im Gefängnis saß und zuletzt am 6. Dezember 1993 erneut seine Vermögensverhältnisse dem Finanzamt offenbaren mußte, führte exakt Buch. Er listete Henkels Ein- und Auszahlungen getrennt von den eigenen auf.

Die Henkel-Seite des Gemeinschaftskontos hat er dem damaligen Freund immer wieder daheim am Computer gezeigt. »Mach das Ding aus, ich vertraue dir«, will Henkel ihm gesagt haben. Mehrfach hat Vinke, offenbar um den Nachweis der korrekten Buchführung bemüht, diese Aufstellungen auch in Henkels Zweitwohnung in Konstanz geschickt. Henkel bestätigt das nun.

Das Münchner Konto hatte Henkel nicht nur dem Freund zuliebe eröffnet. Auch für sich selbst wollte er einen privaten Zusatzfonds zur Verfügung haben - offenbar war sein Gehaltskonto zu sehr unter familiärer Beobachtung. Zudem wickelte Henkel über das Konto diskrete Unterhaltszahlungen über monatlich 552 Mark, später über 646 Mark ab.

Im Gegenzug nutzte der Henkel-Spezi, der damals wegen einer Offenbarungsversicherung kein eigenes Konto führen durfte, den Account für seine Geschäfte. Allein von der Firma Thies & Launicke, mit der Vinke später auch das heute umstrittene Immobiliengeschäft in der Berliner Schillerstraße abwickelte, gingen 1991 und 1992 knapp 1,3 Millionen Mark ein.

Vinke beteuert, daß er seine Einkünfte ordnungsgemäß versteuert habe. Henkel, der ihm vertraute, scheint mittlerweile mißtrauisch zu sein. Er hat seine Steuerberater gebeten, mit der Steuerbehörde des Ex-Freundes Kontakt aufzunehmen.

Henkel hatte offenkundig die Pfiffigkeit und Raffinesse seines Freundes gründlich unterschätzt. Bei dem Berliner Immobiliendeal, der nicht über das Henkel-Konto lief, hat Vinke ihn dennoch ins Gerede gebracht. So zumindest sieht es Henkel heute.

Die Immobilienaufkäufer Thies & Launicke, die sich schriftlich auch an IBM-Deutschland-Chef Edmund Hug gewandt haben, fühlen sich düpiert. Ihnen sei für die 2,5-Millionen-Mark-Provision auch eine Planungsvorleistung versprochen worden.

Ihr Vermittler Vinke habe »im Namen von Herrn Dr. Henkel klargestellt, daß im Hinblick auf den Abschluß des Kaufvertrages ein Betrag in Höhe von 2,5 Millionen Mark an den Vertragspartner von IBM-Europa wegen Ablösung von erteilter Bauvoranfrage, Planungsleistung etc.« zu überweisen sei, schrieben die Anwälte von Thies & Launicke am 7. Mai dieses Jahres an Henkels Anwälte. Henkel bestreitet, daß Vinke derartiges in seinem Namen habe verabreden dürfen. Auch Vinke will von einer solchen Klarstellung im Namen Henkels nichts wissen.

Auch wohin das Geld floß, will Henkel nicht gewußt haben. Die Rechnung über den hohen Betrag schrieb nicht Vinke, sondern ein gewisser Arthur Fitzwilliam aus London. Im Haus IBM war und ist der Engländer ein Unbekannter.

Überhaupt ist unklar, wie der Londoner ins Geschäft kam. »Herr Launicke äußerte, daß die finanzierende Bank, die Nord/LB, es besser finden würde, wenn eine andere Person als Herr Vinke, dessen Stellung der Nord/LB bekannt war, die Rechnung stellt. So kam es dazu, daß Herr Arthur Fitzwilliam die Rechnung stellte«, heißt es in einem Schriftsatz der Vinke-Anwälte.

Die Nord/LB dementiert. Sie habe Fitzwilliam nicht ins Spiel gebracht.

Fest steht, daß der Londoner Immobilienkaufmann, der in der Londoner Finsbury Park Avenue 82 lebt, die Millionenrechnung schließlich stellte - und Thies & Launicke sie auch bezahlten.

Ob der Brite von dem Geld je etwas erhalten hat, ist ungewiß. Der Betrag ging nicht direkt an ihn, sondern zunächst auf das Konto Nummer 465517500 des Frankfurter Anwalts Peter Säuberlich. Wohin die Millionen danach geflossen sind, will Vinke nicht offenbaren: »Dazu sage ich nichts.«

In ihren Briefen und in Anrufen bei den Vinke-Anwälten hatten die Immobilienaufkäufer gemutmaßt, Henkel habe am Ende der Kette womöglich selbst mitkassiert. Der BDI-Chef weist diesen Vorwurf vehement zurück. Bislang sind die Immobilienleute Thies und Launicke einen Beweis schuldig geblieben.

Im vergangenen Jahr glaubten Henkel und Vinke das Problem noch auf elegantere Art zu lösen. Im Juli 1995 wurde ein Vergleich geschlossen, der einen »Persilschein« (Vinke) für Henkel beinhaltete. In einem Brief entschuldigten sich Thies & Launicke für die bösen Vermutungen gegenüber Henkel.

Vinke zahlte im Juli 1995 rund 1,7 Millionen Mark an das Immobilienduo zurück. Dafür sollten alle Vorwürfe und Unterstellungen künftig unterbleiben. Den Vergleich, sagt Vinke, habe er nur unterschrieben, um seinen Freund Henkel vor weiteren Briefen zu schützen.

Henkel sagt, er habe von diesem Vergleich erst später erfahren, die hohe Geldsumme sei ihm bis vor kurzem unbekannt gewesen. Vinke hat das anders in Erinnerung: »Henkel war von mir voll informiert - auch über die 1,7 Millionen.«

Möglichweise wird der Streit, jeder gegen jeden, bald vor Gericht weitergeführt. Henkel will gegen die Urheber der Anschuldigungen vorgehen. Die wiederum haben Strafanzeige gegen Vinke vorbereitet und überlegen, auch Henkel anzuzeigen - »wegen Beihilfe und/oder Begünstigung an einer Steuerhinterziehungsstraftat«.

Henkel kann ein öffentliches Dauertheater derzeit nicht gebrauchen. Schon im November muß er erklären, ob er im Folgejahr erneut für den Posten des BDI-Präsidenten kandidiert.

Bereits jetzt ist der Vorfall mehr als nur peinlich. Die Süddeutsche Zeitung fand es »etwas exotisch«, daß Henkel einem wegen Steuerhinterziehung vorbestraften Freund Vollmacht über sein Privatkonto einräumte. Henkel sei »angreifbar geworden, weil er eine Schwäche offenbart hat«, kommentierte die Wirtschaftswoche.

Am strengsten urteilte das wirtschaftsnahe Düsseldorfer Handelsblatt: Nirgendwo stehe, daß Henkel das, was er getan hat, nicht gedurft hätte. Doch sollte der Vorsitzende eines deutschen Verbandes nicht alles tun, was er darf, so der Handelsblatt-Chefredakteur: »Schon daß Henkel seine Unschuld beteuern muß, ist zu viel!«

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