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UNTERNEHMER Bedrohliche Schieflage

Ein Freundschaftsdienst des ermordeten Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto kostet das Institut einige Millionen: Die vom Ponto-Freund Sloman übernommene Privatbank hatte millionenschwere Fehlengagements.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Ein Freundschaftsdienst des ermordeten Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto kostet das Institut einige Millionen: Die vom Ponto-Freund Sloman übernommene Privatbank hatte millionenschwere Fehlengagements.

Gut sechs Dutzend Briefumschläge

warf der anonyme Absender am 7. Mai in den Briefkasten am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel, fast ausnahmslos an erste Adressen aus dem westdeutschen Geld- und Blutadel.

Konzernbesitzer wie der Düsseldorfer »Persil«-Fabrikant Konrad Henkel und die Bad Homburger Multi-Millionärin Inge Quandt zählten ebenso zu den Empfängern wie der Krupp-Erbe Berthold von Bohlen und Halbach oder die »Schinkenhäger«-Firma König.

An die Königssteiner Straße 7a im Reichen-Wohnort Kronberg gingen gleich zwei Briefe: Jürgen Leisler Kiep erhielt den einen; das andere Schreiben war Bruder Walther zugedacht, dem CDU-Finanzminister von Niedersachsen, der seinen Anteil treuhänderisch seinem Stiefsohn Edmund Knapp überlassen hat.

Die Empfänger der pikanten Post haben eines gemeinsam: Sie halten Gesellschaftsanteile an der Hamburg-Frankfurter Privatbank Hardy-Sloman (Bilanzsumme 1977: rund 1,5 Milliarden Mark). Und was ihnen der Briefschreiber aus dem Norden mitzuteilen hatte, klang nicht gut. Ihre Gesellschafter-Anteile, so erfuhren die Angeschriebenen, seien nicht viel wert.

Kopien eines vertraulichen Insider-Schreibens an die Geschäftsführer von Hardy-Sloman erhärteten den Verdacht: Vier Mitgesellschafter, darunter als Wortführer der Bankteilhaber und Großgrundbesitzer Friedrich Graf von Baudissin aus Kiel. stellten in diesem Schreiben unter dem Rubrum

»Gesellschaftsversammlung am 7. Juni 1978« den Bankmanagern unbequeme Fragen.

So wollten die vier Opponenten wissen,

* ob »der Gewinn im Jahresabschluß 1976 um ca. zwei Millionen Mark zu hoch ausgewiesen wurde«,

* ob sich »nach dem Zusammenschluß der beiden Privatbanken Hardy und Sloman im Fusionsjahr 1976 und 1977 auch noch aus früheren Engagements der Hardy-Bank GmbH Verluste ergeben« hätten.

ob »ein Geschäftsführer der Hardy-Sloman Bank GmbH bei einer Bank so hohe Kredite in Anspruch nimmt, daß dieses zu einer finanziellen Abhängigkeit von dieser Bank führen könnte«.

Die Frager, die keinen Zweifel daran hatten, daß eigentlich alle Fragen mit einem klaren Ja zu beantworten seien, waren bereits im Sommer vergangenen Jahres mißtrauisch geworden. Damais legten die Manager des fusionierten Instituts auf Druck des neuen Großaktionärs Dresdner Bank den früheren Sloman-Partnern hektographierte Verzicht-Formulare zur Unterschrift vor: »Zur Befriedigung« von Ansprüchen aus früheren Geschäften der Sloman-Partner sollten die Altgesellschafter ihre Gewinn- und Geschäftsanteile an der neuen Doppelbank der Dresdner Bank »verpfänden«.

Diese Pfandbriefe waren die späte Quittung für einen vier Jahre alten Freundschaftsdienst. Durch den Kollaps der Kölner Herstatt-Bank und den Sturz des Öl- und Stahlkonzerns Stumm im Spätherbst 1974 war die hanseatische Privatbank des Friedrich Wilhelm Sloman mit rund 15 Millionen Mark Verlust -- der Hälfte des Gesellschafterkapitals -- in eine bedrohliche Schieflage geraten.

Als die Not am größten war und ausgerechnet auch noch der liquideste Großgesellschafter, die Hamburger Sparkasse, seinen Neun-Prozent-Anteil loswerden wollte, bat der ehemalige Marineoffizier Sloman seinen Jugend- und Jagdfreund Jürgen Ponto um Beistand.

Kurz entschlossen kaufte der Chef der Dresdner Bank einen 25-Prozent-Anteil. Mit kräftigen Kapitalspritzen stopfte er überdies die in der Bankenkrise von 1974 durch den abrupten Abzug kurzfristiger Einlagen entstandenen Bilanzlöcher.

Erst beim späteren Blick in die Bücher entdeckten Pontos Revisoren nach und nach »notleidende Engagements« der Bank. Auch das Privatkonto des Bankgründers wies einen erstaunlichen Fehlbetrag aus.

Um das Geldhaus und seinen Namensgeber aus dem für eine Familienbank gefährlichen Gerede zu bringen, lösten die Frankfurter Bankiers erst einmal die fünf heikelsten Großkredite ab. Auch die Schulden Slomans wurden konsolidiert, Kreditgarantien für unruhige Gläubiger gegeben.

Wenig später drängte die Großbank Sloman und seine Kompagnons zur Fusion mit der ebenfalls von der Dresdner kontrollierten Hardy-Bank in Frankfurt. Die Mußehe sollte die Sloman-Nothelfer endgültig absichern: Die Altgesellschafter mußten sich verpflichten, für einen Großteil der eingebrachten Risikogeschäfte »der Dresdner Bank gegenüber die Haftung zu übernehmen«. Ende dieses Jahres wollen Pontos Nachfolger Sloman und seinem Partner die Schlußabrechnung vorlegen.

Über das vermutliche Ergebnis des Kassensturzes schwiegen sich Sloman selber, aber auch Hardy-Sprecher Hans-Adam Schmidt aus. Auch Karl Friedrich Hagenmüller, Hardy-Sloman-Beirat und Vorstand der Dresdner Bank, kann »zu Verlusten zu diesem Zeitpunkt noch nichts Konkretes sagen«.

Bei internen Hochrechnungen stießen die Kontrolleure des Großaktionärs' der seinen Einfluß über immer neue Anteilskäufe (letzter Stand: 45,6 Prozent) weiter ausdehnte, zuletzt auf zwei auffällige Verlustbringer.

Am Chiemsee in Oberbayern setzte der lebensfrohe Hanseat Sloman etliche Millionen in den Sand, als er der Münchner Bodo-Thyssen-Gruppe bereitwillig jeden Kreditwunsch erfüllte. Die mit Sloman-Krediten gebaute Kurklinik in Prien wurde ein halbes Jahr nach der Fusion Hardy/Sloman zum Konkursfall. Schuldenlast: 43 Millionen Mark.

Erst Ende 1977 gelang es dem von der Dresdner zur Abwicklung abgestellten Vorstandsmitglied Christoph von der Decken, den Verlust durch einen Verkauf der Pleiteklinik auf sieben Millionen Mark zu begrenzen. Weitere vier Millionen Mark verschlingt der inzwischen angelaufene Sozialplan für die entlassenen Ärzte und Schwestern.

Ein anderes Millionengrab tat sich in der Schweiz auf, wo der frühere Zahnpasta-Generalvertreter Sloman bei der Züricher Privatbank Schoop Reiff & Co. AG einstieg.

Nachdem er die Hälfte der Anteile übernommen hatte, erfuhr der Hamburger, daß sein eidgenössischer Partner Jacob Reiff in riesige Wertpapiertransaktionen mit kanadischen Geldspekulanten verwickelt war und Millionen verspielt hatte.

Als die kantonalen Banken-Kontrolleure bei ihren Ermittlungen bald auf

* Mit Prinz Emanuel von Liechtenstein. Kaiser Bokassa.

nicht gemeldete, aber fällige Millionen-Bürgschaften der Bank stießen, sprang der um Ansehen und Anteile bangende Sloman seinem bedrängten Partner mit Krediten und Bürgschaften von 19,5 Millionen Mark bei.

Für diese Beträge müssen nun die Sloman-Sanierer geradestehen. Weitere acht Millionen Schweizer Franken wurden fällig, als ein Reiff-Freund seine nur unter Vorbehalt übernommenen Bankanteile dem Institut zurückreichte.

Obendrein steht den Dresdner-Bank-Managern in diesen Tagen eine neue Millionen-Forderung ins Haus. Ein alter Großkunde der Sloman-Bank, der Oberhauser Jurist und Bau-Finanzier Heinrich Scholten, will eine 10 Millionen Mark schwere Schadenersatz-Klage einreichen. Sein Vorwurf: Sloman habe Millionenbeträge auf Treuhandkonten monatelang blockiert und vertraglich fixierte Baufinanzierungen platzen lassen.

Wie immer Scholtens Schelte wirken wird -- die aufgelaufenen Sloman-Verluste haben längst den Wert der verpfändeten Kapitalanteile der Altbesitzer überstiegen.

Wenn zum Jahreswechsel die Dresdner Bankiers aufrechnen, wird sich der Kreis der Sloman-Hardy-Gesellschafter gewaltig lichten. Werftbesitzer Alnwick Harmstorfs Anteilscheine über 403 600 Mark sind dann wohl wenig wert. Noch etwas mehr steht für Berthold von Bohlen und Halbach auf dem Spiel: 418 300 Mark. Die beiden Brüder Kiep haben immerhin 220 000 Mark zu verlieren.

Am härtesten trifft es die hanseatischen Reeder-Familien Reineke und Edye, die Sloman-Anteile in Millionenhöhe abschreiben dürfen -- obwohl Clansprecher Henry Edye als Vorsitzender des Beirats und des Finanzausschusses die Geschäfte Friedrich Wilhelm Slomans wirksam hätte kontrollieren können.

Allein bei den drei persönlich haftenden Geschäftsführern der alten Sloman-Bank haben die Dresdner noch geringe Chancen, mehr als nur den Kapitaleinsatz zurückzuholen.

Das Privatvermögen des Bankgründers Sloman reicht allerdings kaum aus, seine persönlichen Schulden von rund neun Millionen Mark bei der Dresdner Bank abzutragen. Vorsorglich versucht Sloman schon seit Wochen, seine Hamburger Zwölf-Zimmer-Villa in der Bebelallee für 1,4 Millionen Mark zu verkaufen.

Mit diesem Geld könnte er leicht die fällige Abfindung für seinen zur Jahresmitte gekündigten Gutspächter Roland Vogel aufbringen. Der Privatbankier will nämlich auf seinem von der Dresdner Bank mit rund sechs Millionen Mark bewerteten und verpfändeten Gut Niendorf in der Lauenburger Seenplatte künftig in eigener Regie Getreide anbauen und Viehzucht treiben.

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