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BERUFE Bedroht durch Sex

Unseriöse Massage-Institute haben den Beruf des Heilmasseurs so in Mißkredit gebracht, daß ihn kaum noch ein Jugendlicher erlernen will.
aus DER SPIEGEL 22/1973

Der Verband Deutscher Badebetriebe e. V. fürchtet um die Zukunft des ehrbaren Massagegewerbes. In einer Resolution bittet er den Staat um Schutz vor »Massage-Salons und Sauna-Klubs zweifelhaften Charakters«, die »unsere Betriebe mehr und mehr in Verruf bringen«.

Mit dem Hilferuf an das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit prangert der Verband, dem über tausend »private und kommunale medizinische Betriebe« angehören, einen durch unseriöse Institute ausgelösten Mißstand an. Nach einer Untersuchung der Standesorganisation haben sich in der Bundesrepublik und West-Berlin während der letzten fünf Jahre nämlich rund »1200 Masseusinnen« und »600 Massage-Etablissements« niedergelassen, in denen »erotische Entspannung« geboten wird. Geschätzter Jahresumsatz der dem Gunstgewerbe zuzurechnenden Konkurrenzunternehmen: rund 25 Millionen Mark.

Bundesbürgern, die in Tageszeitungen Angebote unter den Rubriken Körper- und Gesundheitspflege studieren, muß sich in der Tat der Eindruck aufdrängen, das Massage-Gewerbe werde heute überwiegend von Liebesdienerinnen betrieben. Von den 46 Körper- und Gesundheitspflege-Inseraten in einer Mai-Ausgabe der Münchner »Abendzeitung« stammte zum Beispiel nicht eine einzige Anzeige von einem ordentlichen Massage- oder Bäderbetrieb. So verspricht eine »nette Masseuse«, »ab 20 Uhr« ins Haus zu kommen, eine andere Berufskollegin empfiehlt sich mit »Ganzkörpermassage in gepflegter Atmosphäre«.

Daß sich hinter solchen Offerten kein Gesundheitsservice verbirgt, wurde bei einer Kölner Polizeiaktion in zwölf Kölner Massagebetrieben deutlich. In einem Bericht der Kölner Stadtverwaltung an den Verband Deutscher Badebetriebe heißt es später: »Bei der Mehrzahl der Fälle hat die Kriminalpolizei in den Massage-Salons zumindest eine manuelle sexuelle Befriedigung der Kunden durch weibliches Personal feststellen können. Bei den Durchsuchungen wurde das Personal mit den Kunden zum Teil in eindeutigen Situationen angetroffen, aus denen man schließen konnte, daß neben der manuellen sexuellen Befriedigung auch zum Beispiel Oralverkehr geboten wurde.«

Nach solchen Beweisen will Verbandsvorsitzender Max Nentwig verhindern, »mit diesen Einrichtungen in einem Atemzug genannt zu werden«. Schon heute habe die Tätigkeit der Schmutzkonkurrenz schlimme Folgen. Kaum ein junges Mädchen sei zum Beispiel noch bereit, den Beruf einer staatlich geprüften Masseurin zu ergreifen. Grund: Berufsanfängerinnen fürchten, mit leichten Mädchen verwechselt zu werden, da nur die Berufsbezeichnung Masseur und Masseurin geschützt ist, nicht aber der »Titel« einer Masseuse.

Wenn es den Verbandsoberen nicht gelingt, den nur durch eine Fachschule zu erlernenden Masseurberuf von der Sexkonkurrenz abzugrenzen, wird sich der Personalmangel in den nächsten Jahren zu »einer Katastrophe auswachsen«. Schon heute reichen die rund 15 000 im Bundesgebiet tätigen Masseure und Masseurinnen nicht aus, um den Personalbedarf der 3000 Bade- und Kurunternehmen zu befriedigen.

Der Nachwuchs rekrutiert sich zum größten Teil nicht mehr aus Jugendlichen, die laut Gesetz erst mit 19 Jahren zum fachgerechten Kneten und Klopfen zugelassen sind, sondern aus älteren Umschülern. Das Gros des oft schon über 40 Jahre alten Nachwuchses kam in den letzten Jahren vor allem aus dem Bergwerk und der Bundeswehr. Unter den Militärabgängern meldeten sich für den zwischen 1500 und 2000 Mark honorierten Massagejob vor allem »Kampfschwimmer und Fahrlehrer für Gleiskettenfahrzeuge«.

Solange sich jede Liebesdienerin als Massage-Expertin niederlassen darf, will der Verband westdeutsche Heilbedürftige mit einer Sonderaktion vor teuren Mißverständnissen schützen: Alle Mitglieder erhielten für die Haustür jetzt eine blau-weiße Plakette mit dem vertrauenerweckenden Äskulapstab.

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