Beginn des Enron-Prozesses Gier vor Gericht

Es ist der wohl wichtigste Wirtschaftsprozess der US-Geschichte: In Texas stehen ab Montag die Ex-Bosse der Skandalfirma Enron vor Gericht. Die breite Öffentlichkeit der USA hält sie für schuldig - für die Ankläger wird es dennoch schwer, sie hinter Gitter zu bringen.

Von Sebastian Moll, New York


New York - Im Grunde waren sich Kenneth Lay und Jeffrey Skilling gegenseitig nie sympathisch. Zu unterschiedlich ist das Temperament der beiden letzten CEOs des Skandalkonzerns Enron. Hier der Firmengründer Lay, ein pausbäckiger gemütlicher Texaner, der einen liebenswürdigen Großonkel abgeben würde. Dort der cholerische Workaholic Skilling, Muster des überehrgeizigen Konzernvorstandes.

Ex-Enron-Chef Skilling auf dem Weg zu einer Gerichtsanhörung: Schon jetzt 40 Millionen Dollar für die Verteidigung ausgegeben
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Ex-Enron-Chef Skilling auf dem Weg zu einer Gerichtsanhörung: Schon jetzt 40 Millionen Dollar für die Verteidigung ausgegeben

So unterschiedlich die beiden Figuren sind, die wie sonst niemand für den Sittenverfall in der amerikanischen Wirtschaft stehen, so unterschiedlich war ihre Vorbereitung auf den Prozess, der am kommenden Montag im texanischen Houston beginnen soll.

Es geht um den früheren Energiehändlers Enron, einst der achtgrößte Konzern der USA, der im Dezember 2001 in den Bankrott stürzte. Es geht um Vorwürfe wie Bilanzfälschung, persönliche Bereicherung, Kursmanipulation und Untreue. Lay muss sich gegen 7 Anklagepunkte verteidigen, Skilling gegen derzeit 35 - beide könnten, wenn es schlecht für sie läuft, bis an ihr Lebensende ins Gefängnis wandern.

Skilling, 52, hat aus seiner Verteidigung ein eigenes Unternehmen gemacht. 40 Millionen Dollar hat er schon vor Prozessbeginn für sein Rechtsanwaltsteam ausgegeben, das angeführt wird vom Starverteidiger Daniel Petrocelli. Der hat sich seinen Namen mit einer erfolgreichen 33,5 Millionen Dollar-Zivilklage gegen den mordverdächtigen Footballstar O.J. Simpson gemacht.

Eigenhändig hat Skilling in der Innenstadt von Houston ein Büro eingerichtet, das in den kommenden Monaten als Hauptquartier seines Prozessteams dienen wird. Es ist vollgestopft mit Konferenztischen, Flow-Charts und einem Server, der 200 Millionen Seiten an Dokumenten verwaltet.

Lays Larmoyanz, Skillings Chuzpe

Lay hingegen verfügt nur noch über eine geschätzte Million Dollar flüssiger Mittel. Lays Verteidiger Michael Ramsay bestätigt denn auch laut "Wall Street Journal", dass bisher Skilling das Gros der Anwaltskosten für seinen früheren Chairman mitbezahlt hat.

Anstatt sich im taffen Skilling-Stil für die Schlacht zu wappnen, hat Lay, 63, im Dezember in einer selbstmitleidigen Rede in Houston um Verständnis gebuhlt. Die Vorkommnisse, die zum Niedergang von Enron führten, seien Resultat einer politischen und öffentlichen Hysterie gewesen, die Opfer seien anständige Geschäftsleute wie er selbst. Skilling und ihm drohten nun Gefängnis, weil der Sonderausschuß des Justizministeriums dem öffentlichen Druck nachgegeben habe und "normale Geschäftsaktivitäten" zu kriminalisieren suche.

So weinerlich würde Skilling das nie ausdrücken. Doch im Kern wird seine Verteidigungsstrategie dieselbe sein wie die von Lay. Beim ersten Zusammentreffen von Petrocelli und Skilling hatte der Anwalt aus New Jersey den Mann, der als der Macher bei Enron galt, gewarnt, dass er ein Zivilverteidiger sei - und kein Strafanwalt.

"Das passt", hat Skilling da laut "Wall Street Journal" geantwortet: "Ich bin ja auch kein Krimineller."  

Die Staatsanwaltschaft, so erwartet man, wird versuchen, Skilling und Lay als Lügner darzustellen, die wissentlich Finanziers, Investoren, sowie die Öffentlichkeit durch systematischen Bilanzbetrug über den Zustand ihres Unternehmens hinters Licht geführt hätten. So einfach, wird Petrocelli sagen, liegen die Dinge aber nicht. Bei den Exekutiventscheidungen von Skilling habe es sich um komplizierte Buchhaltungs- und Finanzierungstransaktionen gehandelt, die immer von den Anwälten und den Wirtschaftsprüfern der Firma gedeckt gewesen seien.

So etwa die Entscheidung von Enron im Frühjahr 2001, einen Großteil des Endverbrauchergeschäftes mit Stromkunden unter das Dach der Industriekundensparte zu verschieben. Die Anklage wird argumentieren, dass diese Transaktion dazu diente, Verluste von mehreren 100 Millionen Dollar zu vertuschen. Petrocelli hingegen nennt das Vorgehen eine gewöhnliche Restrukturierung, bei der es lediglich darum ging, Synergien zu schaffen und die Effizienz zu verbessern.

Kein "Slam Dunk" für die Staatsanwälte?

Die Verschiebeaktion war, so die Anklage, Teil eines großangelegten Täuschungstheaters. Skilling, Lay, sowie deren bereits geständige Angestellte Richard Causey (Chefbuchhalter) und Andrew Fastow (Finanzvorstand) hätten der Wall Street einen Firmenwert von fantastischer Dimension vorgegaukelt.

Dazu sei die Art des Geschäftes ausgeschmückt, wenn nicht gar erfunden worden, und man habe betrügerische Deals mit fiktiven Partnerfirmen getätigt, um Kapitalbewegungen vorzutäuschen. Hinzu sei noch ein wenig Insider-Trading gekommen - Skilling soll so alleine zwischen 1998 und 2001 89 Milionen Dollar verdient haben. Sowohl der Vorstand als auch die Prüfer und die Anwälte der Firma seien über diverse Aktivitäten im Dunkeln gelassen worden.

Skilling und Lay bestreiten die Vorwürfe. Dabei scheint es auf den ersten Blick nicht schwierig, sie zu verurteilen. Eigentlich müsste der Prozess, dessen Dauer auf vier Monate geschätzt wird, ein "Slam Dunk" für die Staatsanwaltschaft sein, wie das Magazin "Fortune" schreibt. Doch die 40-Millionen-Dollar-Verteidigung Skillings könnte sich als gute Investition heraus stellen. Man erwartet in Houston keine kathartische, schnelle Entscheidung - eher ein ausgedehntes, zähes Ringen.

Die Strategie des ungleichen Duos Skilling und Lay, auf Unwissenheit zu plädieren, könnte sie nach Einschätzung der Prozessbeobachter entgegen der Volksweisheit vor Strafe schützen. So könnte es laut "Wall Street Journal" schwer werden, Skilling nachzuweisen, dass er hinter der Gründung mehrerer Firmen durch den Ex-Finanzchef Fastow eine betrügerische Absicht hätte erkennen müssen.

Die Ethik einer ganzen Ära steht vor Gericht

Die Geschäfte mit diesen potjemkinschen Firmen wurden nicht nur vom Vorstand, sondern auch den Anwälten und Prüfern der Firma abgesegnet. Insofern kann Skilling glaubhaft fragen, woher er denn hätte wissen sollen, dass es sich dabei um Betrug gehandelt haben könnte.  

Bei Lay liegt der Fall noch komplizierter. Ihm kann der Staat nicht einmal, wie Skilling, mutmaßliche Insider-Geschäfte vorwerfen. Alles was gegen ihn vorliegt, sind Aussagen vor Mitarbeitern und Aktionären, in denen er behauptete, der Firma gehe es gut. Der Versuch zu beweisen, dass Lay damals nicht in gutem Glauben gesprochen hat, wird den Anklägern wohl noch den Schweiß auf die Stirn treiben.

Die Frage, ob Lay und Skilling tatsächlich kein Unrechtsbewusstsein haben, wird wohl unbeantwortet bleiben. Bleibt zu hoffen, dass selbst bei einem Freispruch der beiden die heutigen Top-Manager der USA den Unterschied zwischen redlicher und betrügerischer Praxis nicht aus den Augen verlieren.

"Dies ist der wichtigste Wirtschaftsprozess in der amerikanischen Geschichte", sagt Skilling-Anwalt Petrocelli. Damit dürfte er Recht haben, denn vor Gericht stehen nicht bloß zwei Bosse, die sich von ihrer Macht und ihrem Erfolg dazu haben verführen lassen, über die Stränge zu schlagen. Vor Gericht steht die ganze fragwürdige Wirtschaftsethik der Seifenblasen-Ära in den späten neunziger Jahren.



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