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UNTERNEHMEN Beladen zurück Die Nudel-Fabrik Birkel, die angeblich

schlechte Eier verarbeitet hatte, will vor Gericht ihren guten Ruf wiederherstellen.
aus DER SPIEGEL 49/1988

Manfred Bulling ist im Südwesten der Republik ein bekannter Mann. Der Stuttgarter Regierungspräsident geht keiner Auseinandersetzung aus dem Weg und weiß sich dabei stets ins rechte Licht zu rücken.

»Wenn Bulling kommt«, spotten schwäbische Bürgermeister über ihren obersten Aufseher, »hat er die Pressemitteilung meist schon in der Tasche.«

Eine seiner beliebten Pressemitteilungen könnte dem medienbewußten Beamten noch gehörig Ärger machen - und seinen Arbeitgeber teuer zu stehen kommen. Am 13. Dezember wird vor dem Landgericht Stuttgart die Klage der Nudelfirma Birkel gegen das Land Baden-Württemberg verhandelt.

Bullings Behörde hatte, in einer Pressemitteilung vom 15. August 1985, Birkel beschuldigt, verunreinigtes Ei verarbeitet zu haben. Der Nudelhersteller, durch den Ei-Skandal zeitweilig an den Rand des Ruins getrieben, fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und klagt auf Schadenersatz.

Es geht um 43 Millionen Mark und um den guten Ruf des schwäbischen Unternehmens. Es geht aber auch, und das macht den Prozeß weit über den Einzelfall hinaus interessant, um behördliche Sorgfaltspflicht einerseits und notwendigen Verbraucherschutz andererseits.

»Das Geld«, sagt auch Klaus Birkel, der Chef der Firma, »ist eine Randerscheinung.« Er will sicherstellen, »daß so etwas nicht wieder passiert«.

So etwas, das ist für den Spätzle-Fabrikanten »Behördenwillkür«, für seine Anwälte »Amtsmißbrauch in mehreren Fällen«. Für die Gegenseite ist es Verbraucherschutz im besten Sinne. Er würde, versichert Bulling, in einem vergleichbaren Fall wieder so handeln.

Der Fall, um den es geht, begann im Jahre 1984. Damals ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Kunden des holländischen Kaufmanns Johannes van Loon. Der stand im Verdacht, statt Frischei eine Pampe aus angebrüteten Eiern zu liefern. Auch Birkel bezog in kleinem Umfang Ware von van Loon. Die war offensichtlich korrekt: Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen Birkel nach sechs Wochen ein.

Doch 1985 entdeckte das chemische Untersuchungsamt Hamm Bruteier in Teigwaren verschiedener Hersteller. Auch fünf Produkte der Birkel-Marke »7 Hühnchen« wurden beanstandet: Sie seien mikrobiell verdorben. Das schlossen die Chemiker aus einem erhöhten Milchsäuregehalt.

Die Hammer Methode hat allerdings einen Haken: Sie funktioniert nur bei Flüssigei. Wird, wie in Birkels »7 Hühnchen«-Produkten, Trockenei verwendet, sagt ein erhöhter Milchsäuregehalt nicht unbedingt etwas aus. Weitere Untersuchungen sind notwendig.

Einen entsprechenden Zusatz machten die Chemiker aus Hamm auch bei den »7 Hühnchen«-Nudeln, bei denen sie nicht wußten, ob flüssiges oder trockenes Ei verarbeitet wurde. Zwei der Birkel-Nudelsorten wurden ohne Zusatz als »mikrobiell verdorben« beanstandet.

Diese Nudeln enthielten, so war auf der Packung angegeben, Frischei und Eigelb - ein für Fachleute deutlicher Hinweis, daß es sich bei dem Eigelb um trockenes handeln mußte. Doch die Forscher unterließen den Zusatz, daß in diesem Fall eine weitere Untersuchung erforderlich sei.

Beamte des Wirtschaftskontrolldienstes präsentierten im Juni 1985 Birkel diese Ergebnisse. Sie erfuhren, so die von der Gegenseite allerdings bestrittene Darstellung aus Birkel-Sicht, daß alle beanstandeten Produkte Trockenei enthielten. Man habe beschlossen, den Vorgang nach Nordrhein-Westfalen, dort lag das Birkel-Werk Schwelm, zurückzuschicken. Eine offizielle Beanstandung wurde nie ausgesprochen.

Doch das Thema Flüssigei kochte wenig später wieder hoch, die Behörden gerieten unter Druck. Am 15. August kündigte das Stuttgarter Regierungspräsidium deshalb in einer Presseerklärung harte Maßnahmen gegen die »unverantwortlichen Praktiken einiger Flüssigei-Lieferanten« an.

Die Erklärung enthielt auch eine Liste mit Produkten, die Hamm beanstandet hatte. Birkel tauchte mit allen als »mikrobiell verdorben« gebrandmarkten »7 Hühnchen«-Produkten darin auf.

Die Folgen bekam das Unternehmen unmittelbar zu spüren: Der Absatz brach, besonders im Stammland Baden-Württemberg, zusammen. Die Lastwagen kehrten beladen ins Werk zurück, weil viele Kunden die Annahme verweigerten.

Bullings Behörde kann nach wie vor in ihrem Verhalten keinerlei Schuld erkennen: Birkel habe im Fall der beanstandeten Produkte ausdrücklich weitere Fakten zu Zutaten und Rezepturen verweigert. Solche Details hatte die Behörde allerdings erst einen Monat nach Bullings Presseerklärung angefordert.

Auch einen direkten Zusammenhang zwischen Presseerklärung und Umsatzrückgängen sehen die Beamten nicht. Birkels Marktanteil sei, was das Unternehmen bestreitet, auch zuvor schon gesunken. Das Regierungspräsidium will im Schadenersatzprozeß notfalls durch alle Instanzen gehen.

Inzwischen hat die Nudelfabrik ihr gesamtes Sortiment umgestellt. Viele Kunden machten den Schwenk nicht mit, mehrere Handelsunternehmen weigerten sich, die neuen Hochpreis-Produkte ins Regal zu nehmen. Birkels Umsatz liegt noch immer weit unter den 400 Millionen, die das Unternehmen in den besten Jahren erzielte.

Zwei Werke, in Schwelm und in Buxtehude, sind inzwischen geschlossen, die Belegschaft wurde von 1300 auf 800 Mitarbeiter reduziert. 60 Millionen Mark kosteten neue, vollautomatische Produktionsanlagen. Ein eigenes Labor soll die Reinheit der Rohstoffe sicherstellen.

Vor allem aber will Klaus Birkel, den sie in Schwaben den Nudelkönig nennen, um jeden Preis sich und sein Unternehmen rehabilitieren. Daß der Prozeß vielleicht weiter den Ruf der Firma gefährden könnte, befürchtet er nicht. »Wer uns jetzt noch die Treue hält«, sagt Birkel über seine Kunden, »wird auch weiter zu uns stehen.«

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