BenQ-Pleite "Das war wie ein Schlag ins Gesicht"

Ein Zettel mit der Pressemitteilung am Schwarzen Brett - eindeutiger hätte die Geschäftführung des BenQ-Werks in Kamp-Lintfort ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Handy-Werker nicht zum Ausdruck bringen können. Entsprechend tief sitzt der Schock.


Kamp-Lintfort - "Das ist der Vollschock." Der 34-jährigen Larissa Krupic ist das Entsetzen über die Insolvenz ihres Arbeitgebers BenQ ins Gesicht geschrieben. Zusammen mit ihrem Mann arbeitet sie seit Jahren im Kamp-Lintforter Handy-Werk des taiwanesischen Herstellers. Doch nun scheint die Zukunft ungewiss.

Mitarbeiter den BenQ-Werks Kamp-Lintfort: "Mal sehen, was uns noch bleibt"
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Mitarbeiter den BenQ-Werks Kamp-Lintfort: "Mal sehen, was uns noch bleibt"

"Das war wie ein Schlag ins Gesicht", beschreibt ihr Mann den Moment, als er die Hiobsbotschaft erfuhr. Einen Moment zögert er und dann fügt er hinzu: "Wer noch ein Gespür für die Realität hatte, der konnte sehen, dass es hier zu Ende ging." Immer weiter sei die Produktion zuletzt reduziert worden, immer weiter sei die Zahl der Mitarbeiter und Hilfskräfte gesunken.

Insgesamt 1900 Arbeitnehmer beschäftigte BenQ bislang im Kamp-Lintforter Handy-Werk. Nach der Hiobsbotschaft aus München verlassen sie den Betrieb. Manche haben Tränen in den Augen. Auch Edgar Ruhnau ist unter ihnen. Er erzählt: "Ich bin vor sechs Jahren vom Bergbau gekommen und dachte ich hätte hier meine Zukunft." Kopfschütteln ruft bei den Mitarbeitern auch die Informationspolitik ihres Arbeitgebers hervor: "Der Meister hat die Pressemitteilung von BenQ ans Schwarze Brett gehängt und das war's. Aus den höheren Etagen hat keiner mit uns gesprochen", klagt Simone Porolnik. Mit dem Fahrrad macht sich die 32-Jährige auf den Heimweg zu ihren drei Kindern und ihrem Mann, der bereits arbeitslos ist. "Jetzt kommt wohl Hartz IV. Mal sehen, was uns noch bleibt."

Lohnverzicht für die Katz

Besonders bitter stößt den Arbeitern auf, dass sie bereits in der Vergangenheit massiven Lohneinbußen zugestimmt hatten, um ihre Jobs zu sichern. Die Mitarbeiter seien seinerzeit zum Lohnverzicht "erpresst" worden, kritisierte heute der Generalsekretär der NRW-SPD, Michael Groschek. Versprochen habe man damals, das Unternehmen werde gesunden. "Das aber hat sich als reine Worthülse erwiesen".

Die IG-Metall sieht sich dagegen in ihrer Position bestätigt, dass Lohnzugeständnisse wenig bringen. "Zum wiederholten Mal ist bewiesen, dass die Probleme in einzelnen Teilen von Siemens nicht an den angeblich zu hohen Gehältern der Beschäftigten, sondern an der Unfähigkeit des Managements liegen", kritisierte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer.

In Kamp-Lintfort jedenfalls ist die Situation düster: "Was soll nur aus dieser Stadt werden? Erst macht das Siemens-Werk dicht und bald wohl auch noch die Zeche", sagt Stefan Schulze. Auf den Tag genau seit zehn Jahren ist er in der Handy-Fertigung beschäftigt.

Bitterkeit bei den BenQ-Beschäftigten

"Aber das Jubiläum hätte ich mir anders vorgestellt." Dabei habe er so viele Hoffnungen mit dem Wechsel von Siemens zu BenQ verbunden: "BenQ hat ja endlich die neue Produktpalette eingeführt. Und die Geräte wurden wirklich besser. Mit den Siemens-Dingern sind die doch gar nicht mehr vergleichen", sagt Schulze.

Letztlich sei man einfach zu teuer gewesen, hört man überall vor den Werkstoren. Nicht mehr konkurrenzfähig, so einfach sei das.

Auch Samir Krupic meint: "Schieben Sie nicht alles auf BenQ. "Die Siemens-Leute haben hier doch alles kaputt gemacht." Oft habe er im Freundeskreis gehört: "Was produziert ihr denn da für Handys, die will doch keiner mehr haben." Schon seit Jahren sei die Produktpalette kaum noch konkurrenzfähig gewesen. "Die Software, das Design - wir sind doch nur noch hinterhergehinkt", sagt Krupic ernüchtert. "Wir haben seit zwölf Monaten auf Gehalt verzichtet und jeden Tag ordentlich unsere Arbeit gemacht. Und dabei wurden wir doch nur verarscht", fügt die Frau hinzu." Die Siemens-Bosse haben sich die Taschen gefüllt. Dass die überhaupt noch ruhig schlafen können."

mik/AP/dpa/Reuters/ddp



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