BER-Chefin über Flugchaos »Fliegen wird wohl nie mehr so billig, wie wir es kannten«

Verspätungen, Personalmangel, hohe Preise: Die Probleme in der Luftfahrtbranche lassen Deutschlands Reisende verzweifeln. Aletta von Massenbach, Chefin des Berliner Flughafens, glaubt nicht an schnelle Linderung.
Flughafen-Chefin Aletta von Massenbach: »Wartezeiten und Ausfälle«

Flughafen-Chefin Aletta von Massenbach: »Wartezeiten und Ausfälle«

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Die Chefin des Hauptstadtflughafens BER, Aletta von Massenbach, warnt vor Problemen in der Luftfahrtbranche, die über den akuten Personalmangel hinausgehen. »Das System als solches läuft noch nicht überall rund«, sagte sie dem »Focus«. Nicht nur könne es immer wieder »zu Wartezeiten und Ausfällen kommen« – neben dem Mangel an Fachkräften sei auch Energie ein wichtiges Thema.

Das wiederum wirke sich auf die Preise aus.

»Fliegen wird wohl nie mehr so billig, wie wir es kannten«, sagte von Massenbach. Das habe auch mit Entscheidungen und Plänen der EU zur Klimaneutralität zu tun. »Wir alle fühlen uns den Zielen verpflichtet: CO₂-Neutralität und Nachhaltigkeit«, sagte die BER-Chefin. Nun gehe es jedoch »um den Weg dahin und das Tempo«.

7200 fehlende Fachkräfte

Den Fluggesellschaften und Flughäfen machen derzeit vor allem der Personalmangel und die hohen Krankenstände wegen der Coronapandemie zu schaffen. Daher werden mitunter Verbindungen gestrichen und an den Flughäfen kommt es zu langen Warteschlangen. Derzeit fehlen in der Branche rund 7200 Fachkräfte.

Ebenso wie der Flughafen Hamburg und die Bundespolizei hatte der BER bereits am Donnerstag angesichts der bevorstehenden Sommerferien die Passagiere auf lange Wartezeiten eingeschworen und zu einer guten Vorbereitung ihrer Reise aufgefordert. Reisende sollen demnach rund zweieinhalb Stunden vor Abflug am Flughafen sein, möglichst den Online-Check-in nutzen und ihr Gepäck vorher sorgfältig prüfen.

Warnstreiks in Hamburg

Ob diese Vorsichtsmaßnahmen ausreichen, ist in manchen Regionen dennoch fraglich: Am Hamburger Flughafen etwa sind am Freitag, dem vermutlich betriebsstärksten Tag seit Beginn der Coronapandemie, zahlreiche Beschäftigte einer Instandhaltungsfirma in den Warnstreik getreten. Die Gewerkschaft Ver.di hat die rund 180 Mitarbeiter der Real Estate Maintenance Hamburg (RMH), einer Tochter der Flughafengesellschaft, zu einer eintägigen Arbeitsniederlegung aufgerufen.

Die RMH-Beschäftigten sind unter anderem für die Instandhaltung der Technik in der Gepäckbeförderung zuständig. Zum Beginn der Sommerferien in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erwartet der Flughafen am Freitag rund 50.000 Passagiere.

Mit dem Warnstreik will Ver.di den Druck auf die Arbeitgeber in den laufenden Tarifverhandlungen erhöhen. Dass der Warnstreik mit dem Passagieransturm zum Ferienbeginn zusammenfalle, sei nicht geplant und gewollt gewesen, sagte Gewerkschaftssekretär Lars Stubbe. »Das ist ein Zufall.«

Auch in Frankreich sind mehrere Flughäfen im Land durch Streiks beeinträchtigt. Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle sollten am Freitag etwa zehn Prozent der Flüge ausfallen, teilte die Luftfahrtbehörde mit. Mehrere Gewerkschaften hatten zu Streiks aufgerufen, um angesichts der Inflation höhere Gehälter zu erstreiten. Für den Flughafen von Marseille gibt es ebenfalls einen Streikaufruf, die Präfektur hat das Personal jedoch zum Dienst verpflichtet.

Heil: »Jetzt haben wir den Salat«

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte die Unternehmen indes erneut auf, mehr dafür zu tun, um Beschäftigte zu gewinnen und zu halten. »Die Unternehmen, ich meine damit nicht alle, müssen einfach attraktiver für die Mitarbeiter werden und ihre Arbeitsbedingungen verbessern«, sagte Heil dem »Handelsblatt«. Die Regierung habe den Luftfahrtunternehmen klar gesagt, dass sie sich mit Gewerkschaften zusammensetzen und einen Tarifvertrag aushandeln sollen.

Den Airlines und den Airports habe der Staat während der Pandemie zudem »mit viel Geld unter die Arme gegriffen und auch die Kurzarbeit massiv ausgeweitet und verbessert«, sagte Heil weiter. Kurzarbeit sei dazu da, dass Unternehmen ihr Fachpersonal an Bord halten können. Trotzdem seien Beschäftigte mit Abfindung entlassen worden oder hätten sich beruflich neu orientiert. »Jetzt haben wir den Salat.«

rai/AFP/dpa
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