Berger-Chef Schwenker über Reformen "Die Öffentlichkeit übersieht die Chancen"

2. Teil: Teil zwei: "Ein ehrlicher Manager müsste eigentlich immer sagen: Ich weiß auch nicht, was in fünf Jahren sein wird."


Schwenker: Die latente und leider oft unsachlich geführte Diskussion dreht sich ja immer um die Frage: Bringt diese Art der Beratung überhaupt etwas? Ich verweise gerne auf die Tatsache, dass die öffentliche Hand in den USA und Großbritannien deutlich mehr Beratung in Anspruch nimmt als die in Deutschland. Und beide Länder wachsen dynamischer als die deutsche Volkswirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden nur schwer nachweisen können, dass es da eine Kausalität gibt.

Schwenker: Der Vergleich mag wissenschaftlich nicht valide sein. (lacht) Aber ich bin natürlich davon überzeugt, dass das Einspeisen guter Ideen und der Wissenstransfer aus der Wirtschaft Veränderungen voranbringen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Konzernchefs in Deutschland reformfähiger als die Politiker?

Schwenker: Große Konzerne und öffentliche Verwaltungen leiden oft unter überzogener Bürokratie, da gibt es Parallelen. Aber Unternehmen erfahren täglich, wie sie im Wettbewerb dastehen. Fehlentscheidungen wirken sich schneller aus. Deswegen sind Konzerne Regierungen beim Thema Veränderungen und Anpassungen klar voraus - und der Mittelstand ist es im Übrigen auch. Denken Sie etwa an den Rückgang der Konkursraten.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Politik beim Thema Reform also von den Unternehmen lernen?

Schwenker: Ja, etwa bei der Frage, wie man eine wirkliche Transformation komplexer Systeme bewältigt. Politiker arbeiten häufiger punktuell, während Unternehmer den Anspruch verfolgen müssen, ein gesamtes Unternehmen oder zumindest einen Geschäftsbereich flächendeckend zu verändern. Manager sind auch eher bereit, ganze Aufgabenbereiche in Frage zu stellen und nötigenfalls abzugeben, wenn sie keine Wertschöpfung mehr erlauben.

SPIEGEL ONLINE: Top-Manager scheinen unter Reform aber oft vor allem das Sparen zu verstehen - ohne wirklich innovative Ansätze für Neuerungen.

Schwenker: Objektiv gesehen stimmt das nicht, viele Unternehmen haben wieder auf Wachstum umgeschaltet. Aber die öffentliche Wahrnehmung ist eine andere. Im vergangenen Jahr gab es eine Umfrage, wonach nur 13 Prozent der Deutschen Managern vertrauen. Ein beschämendes Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber mehr als eine Wahrnehmungsfrage - die Verlagerung von Jobs an ausländische Standorte ist auch bei wachsenden Konzernen nachprüfbare Realität.

Schwenker: Die Verlagerung ist aber oft auch eine Chance, neue Absatzmärkte zu erschließen. Insofern ist das durchaus eine Wahrnehmungsfrage, ähnlich wie bei der Gesundheitsreform: Die Öffentlichkeit - und eben auch die Presse - betonen meist das Schlechte. Sie übersehen die wachsenden Chancen außerhalb des Heimatmarktes Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht liegt das daran, dass Manager ihren Beschäftigten nötige Veränderungen nicht richtig erklären. Wie sollten sie das tun, ohne Angst zu wecken?

Schwenker: Offen und ehrlich. In einer Kultur des Misstrauens gelingt keine Transformation. Früher waren die Konzerne oft geneigt, taktisch zu kommunizieren, die Wahrheit scheibchenweise zu enthüllen, weil das kurzfristig leichter ist. Statt die tatsächliche, höhere Zahl zu nennen, sagt man: Es geht um den Abbau von einigen hundert Arbeitplätzen. Dann in zwei Jahren wieder, und so weiter. Nach der dritten Restrukturierung haben die Mitarbeiter das Vertrauen verloren. Inzwischen kommunizieren viele Unternehmen mutiger und ehrlicher.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch Manager wie VW-Markenchef Wolfgang Bernhard, die eine neue Kultur drastischer Ehrlichkeit verkörpern, spüren oft Unverständnis aus der Belegschaft.

Schwenker: Allianz-Chef Michael Diekmann und die Reaktionen auf ihn sind da ebenfalls ein gutes Beispiel. Mitarbeiter müssen diesen neuen Stil in der Kommunikation erst annehmen lernen, das braucht Zeit. Noch schwieriger wird es, weil die Unternehmenswelt heute noch weniger berechenbar ist als etwa Anfang der neunziger Jahre. Ein ehrlicher Manager müsste eigentlich immer sagen: Ich weiß auch nicht, was in fünf Jahren sein wird. Ich weiß aber, dass wir flexibler werden müssen, um Gelegenheiten schnell ergreifen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Das wird viele Mitarbeiter eher verunsichern statt Vertrauen zu schaffen.

Schwenker: Deswegen müssen Unternehmensführung und Belegschaft heute öfter miteinander reden.

SPIEGEL ONLINE: Nur wie, bei Konzernen mit Hunderten, Tausenden Mitarbeitern?

Schwenker: So direkt wir möglich. Zeitschriften und andere interne Medien sind zwar gut und wichtig. Aber jedes Medium nutzt sich auf Dauer etwas ab. Legt ein Konzern ein eigenes TV-Programm auf, finden das alle aufregend. Wenn nach drei Jahren immer noch die Dauerschleife "XY äußert sich zu ..." läuft, nimmt das keiner mehr richtig wahr. Deshalb: mehr persönliche Kommunikation, Belegschaftsversammlungen, mehr Diskussionen in den Abteilungen. Es kann natürlich nicht immer der Vorstandschef dabei sein - alle Führungskräfte müssen versuchen, stärker in den Dialog einzutreten.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben auch Erfahrungen als Reformer gemacht - in den vergangenen Jahren haben Sie Roland Berger kräftig umkrempeln müssen ...

Schwenker: Wohl kaum - dafür gab es keinen Grund. Die Firma war immer hoch profitabel. Wir haben aber die Jahre in denen unsere Märkte weniger wuchsen, für Anpassungen genutzt und uns gefragt: Was können wir besser machen? Liefern wir immer optimale Qualität? Haben wir die passenden Partner an Bord?

SPIEGEL ONLINE: ... und im Verlauf der Veränderungen haben Sie sich von immerhin knapp 20 Partnern getrennt.

Schwenker: Das war teils übliche Fluktuation, teils auch gewollte Auslese. Inzwischen liegt die Zahl fast wieder auf dem früheren Stand. Bei unserem Partnertreffen in Moskau am Wochenende haben wir sechs neue Partner gewählt, weitere sechs wurden in die nächste Stufe berufen. Wir rekrutieren auch intensiv extern. Wir profitieren schon davon, jüngst unser Beteiligungsmodell umgestellt zu haben. Neue Partner müssen nun eine deutlich geringere Summe einbringen. Das hat uns attraktiver für junge Talente gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, dass für Reformer Ehrlichkeit eminent wichtig ist. In diesem Sinne: Was sind die größten Schwächen Ihres eigenen Unternehmens?

Schwenker: Wir müssen unser Geschäft in Nordamerika weiter ausbauen. Das ist eine strategische Herausforderung, denn die USA sind zwar der weltgrößte Beratermarkt, aber generell nicht der profitabelste. Personell gesehen müssen wir noch mehr Frauen als Mitarbeiterinnen für uns gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher sind unter den gut150 Partnern wie viele Frauen?

Schwenker: Die bittere Wahrheit: Es sind vier. Zum Glück haben wir etliche Projektmanagerinnen und andere weibliche Professionals mit dem Potenzial, Partner zu werden. Wir arbeiten auch massiv am Thema "Familie und Beruf", um noch intensiver auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter zu einzugehen und schon für Hochschulabsolventinnen attraktiver zu werden. Sonst läuft zu viel kreatives Potenzial an uns vorbei.

Das Interview führte Matthias Streitz



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Seite 1
österreicher, 29.12.2005
1.
---Zitat von sysop--- Sollte endlich der Nordstaat kommen, ebenso wie ein neuer Staat rund um Berlin? Sind solche Reformen sinnvoll und effizient oder ist Deutschland derzeit richtig zugeschnitten? ---Zitatende--- Vor 20 Jahren war ich für einige Monate in Hamburg, damals diskutierte man bereits den "Nordstaat", aber geändert hat sich nichts. Das ist typisch für Deutschland: Ewige Grundsatzdiskussionen, aber keine Kraft etwas wirklich zu verändern. Mein Fazit lautet: Das System Bundesrebuplik Deutschland ist insgesamt am Ende, es ist traurig, aber wahr.
Olaf 29.12.2005
2.
Ich denke das eine Reform überfällig ist. Man kann auch mit weniger als 16 Bundesländern Förderalismus betreiben.
ingo w, 29.12.2005
3.
Wer sich die aktuelle Situation im Bundesrat ansieht, der kann zu keinem Anderen Schluss kommen als: Reform jetzt! 16 komplette Landesregierungen (mit 16 Provinzfürsten) sind 1.) zu teuer und 2.) Handlungsunfähig. Aber da grade diese Fürsten mitzuentscheiden haben wird das nie was werden... da bin ich mir leider sicher.
emi, 29.12.2005
4. Reform längst überfällig!
Eine Neuordnung der Bundesländer ist im politischen und ökonomischen Interesse längst überfällig. Aber schon kann man bei den im Artikel zitierten Politikern heraus hören, dass es "überlegt sein muss". Klar, die fürchten um Ihre Pfründe. Und da genau diese "Bedenkenträger" mitendscheidend sind für eine solche Reform, braucht man kein Hellseher zu sein um vorherzusagen, dass es eine solche Rfeorm nicht geben wird.
nairobi 29.12.2005
5.
Ich würde es Begrüßen, wenn es zu einer Länderneuordnung kommen würde. Mich würde ein Nordstaat direkt betreffen. Bei dessen Zuschnitt sollte es aber nur zwei Varianten geben. Die Große aus S.-H., Niedersachsen, Bremen, Hamburg und event. M.-P. oder die kleine mit zwei Bundesländern, wobei Bremen an Niedersachsen geht, sowie S.H. mit Hamburg und den südelbischen Kreisen Niedersachsens (Cuxhaven, Stade, Harburg und Lüneburg) und event. M.-P.. Ziel muss es sein starke wirtschaftliche Einheiten zu schaffen, die möglichst ohne Hilfe von aussen (LFA) auszukommen!
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